Resozialisierung

Wie Strafgefangene im Knast für private Unternehmen arbeiten

Arbeit ist für Gefängnisinsassen in den meisten Bundesländern Pflicht. Die Unternehmen profitieren von den billigen Arbeitskräften.

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Arbeit ist für Gefängnisinsassen in den meisten Bundesländern Pflicht. Die Unternehmen profitieren von den billigen Arbeitskräften.

Hamburg  Deutschlandweit arbeiten Strafgefangene in den Justizvollzugsanstalten für private Unternehmen. Entlohnt werden sie dafür jedoch kaum.

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Im Angebot: Ein graues Handtuch mit dem Aufdruck „Strafvollzug“ für 9,90 Euro. Das müsse man sich ins Bad hängen, wenn man die „Schwiegereltern oder andere humorlose Gäste irritieren möchte“, so die Empfehlung des Onlineshops Santa Fu. Der Shop wird von der Justizvollzugsanstalt (JVA) Glasmoor bei Hamburg betrieben. Er verkauft „Heiße Ware aus dem Knast“, wie es heißt, mitgestaltet und produziert von Insassen aus dem Gefängnis.

Arbeiten ist für Gefangene in 13 der 16 deutschen Bundesländer Pflicht – im geschlossenen wie auch im offenen Vollzug. Die Gefangenenarbeit dient der Resozialisierung und soll auf die Zeit in der Freiheit vorbereiten. Für die Anstalten ist die Knastarbeit mittlerweile zu einer willkommenen Einnahmequelle geworden.

Glasmoor ist einizige JVA mit eigenem Onlineshop

Produziert werden nicht nur lustige Knastartikel in Eigenregie – auch Unternehmen lassen in Gefängnissen fertigen, zu vergleichsweise günstigen Konditionen. Das Gehalt der Häftlinge für die Arbeit ist jedoch gering – so sehr, dass sich nun gar eine Gewerkschaft formiert hat, um für höhere Löhne zu kämpfen.

Angela Biermann leitet die JVA Glasmoor, rund 20 Kilometer nördlich von Hamburg. „Strafvollzug ist auch ein Wirtschaftsbetrieb“, sagt sie. In dem Gefängnis gibt es 209 Plätze im offenen Vollzug. Man kann auch sagen: 209 Arbeitskräfte. Glasmoor ist Deutschlands einzige Haftanstalt, die selbstständig einen eigenen Onlineshop betreibt und in einem ehemaligen Rinderstall auf dem weitläufigen Gelände Schaufensterpuppen mit Knacki-Mode drapiert hat.

Projekt sollte neue Arbeitsplätze für Inhaftierte schaffen

Die Santa-Fu-Produktlinie ist das Aushängeschild der Hamburger Gefängnisse. Begründet wurde sie vor über zehn Jahren in der berüchtigten JVA Fuhlsbüttel, die einst Schlagzeilen als „Deutschlands härtester Knast“ machte. Um neue Arbeitsplätze für die Inhaftierten zu schaffen und das Image aufzupolieren, stieß die Justizbehörde der Hansestadt 2005 das Projekt an. Sie entwarfen T-Shirts, Taschen und Alltagsgegenstände im Knacki-Design. Sie illustrierten das Kochbuch „Huhn in Handschellen“ – mit Tipps von der Mutter von Tim Mälzer, dem Starkoch.

Mittlerweile ist das Projekt bei der JVA Glasmoor angesiedelt. Die Bestellungen aus dem Onlineshop koordiniere die kaufmännische Abteilung des Gefängnisses seitdem einfach mit. Ebenso die Aufträge der rund 50 bis 60 Geschäftskunden bundesweit, die die Artikel in ihren Läden anbieten.

Auch Justizarbeiter packen mit an

Die Infrastruktur für Fertigung und Versand war im Gefängnis vorhanden. Neben einer Tischlerei, einer Malerei und einem Garten- und Landschaftsbaubetrieb gibt es in Glasmoor – wie in vielen anderen Anstalten der Bundesrepublik auch – eine Werkshalle. In einem kleinen Raum werden die Textilien der Santa-Fu-Linie von Insassen mit Stempeln bedruckt.

Nebenan in der großen Halle ist die Arbeit etwas eintöniger. Ein gutes Duzend straffällig gewordener Männer faltet Pappkartons, setzt Weingläser ein, stapelt sie auf großen Europaletten für den Abtransport. Sie erledigen einen externen Auftrag einer Verpackungsfirma. Die Weingläser, so zeigt es der Name auf den Kartons, werden demnächst in den Filialen einer großen Einrichtungskette verkauft. Hier packen auch die Justizmitarbeiter selbst mit an, um die Moral der Gruppe zu fördern.

Was die JVAs in Deutschland verdienen, bleibt geheim

Betriebsleiter Uwe Bühring ist froh über die Aufträge aus der Wirtschaft: „Die Waren kommen per Schiff im Hamburger Hafen an und werden uns als Massenware geliefert.“ Dann wird umgepackt. Manchmal für echte Wirtschaftsriesen, darunter ein großes Versandhaus und eine Drogeriekette.

Gefängnisse in Deutschland sind inzwischen die verlängerte Werkbank vieler Unternehmen – zu welchen günstigen Konditionen sie dort produzieren und was die JVAs verdienen, bleibt jedoch Geheimsache. Über die Verträge werde keine Auskunft erteilt, heißt es von den Pressestellen der Justizministerien bundesweit.

Nur wenige Unternehmen gehen mit Aufträgen an JVAs offen um

Dabei sind die Aufträge der Unternehmen eine bedeutende Einnahmequelle für viele Gefängnisse: 2,64 Millionen Euro betrugen die Umsätze etwa in den fünf Hamburger Anstalten im Jahr 2016. In Niedersachsen (14 Gefängnisse) waren es 10,4 Millionen Euro. Im einwohnerreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen (36 Anstalten) waren es etwa 35,2 Millionen Euro – 15,5 Millionen Euro davon allein durch Aufträge von Unternehmen. Und Berlin listete zuletzt bei sechs Gefängnissen Einnahmen von 1,79 Millionen Euro auf.

Nur wenige Unternehmen gehen mit Aufträgen an den Strafvollzug offen um. Der Autobauer Daimler erklärt, man begrüße und unterstütze Resozialisierungsmaßnahmen. Man vergebe „seit Jahren in Abstimmung mit den jeweiligen Behörden und nach entsprechender Ausschreibung geringfügig Lohnarbeiten auch an Strafanstalten“.

Unternehmen profitieren von niedrigen Produktionskosten

Auch der Gartengerätehersteller Gardena und der Autokonzern Volkswagen lassen in JVAs fertigen. Sie alle profitieren von der Knastarbeit. Die Produktionskosten sind niedrig und die Arbeitskraft kann flexibel ein- und abbestellt werden. Für Häftlinge aber ist das bisweilen harte Arbeit, täglich acht Stunden. Sie sollten deshalb ordentlich entlohnt werden, fordern Kritiker.

Doch das ist nicht der Fall. Gefangene verdienen nur einen Bruchteil dessen, was für dieselbe Arbeit in Freiheit auf dem Gehaltszettel stünde. Je nach Qualifikation erhalten sie ein bis drei Euro in der Stunde – am Monatsende sind das oft unter 300 Euro Nettogehalt. Hinzu kommt: Beiträge zur Rentenversicherung werden nicht gezahlt. Somit droht eine gewaltige Lücke in der Rentenkasse – und im Alter eine mickrige Rente.

Häftling wollte Mindestlohn einklagen – und scheiterte

„Für Unternehmen ist es eine verlängerte Werkbank mit einem klaren Vorteil aufgrund der geringen Personalkosten“, sagt Sprecher Marco Bras dos Santos. Die Vereinigung spricht von der „Sonderwirtschaftszone Knast“ und fordert: „Gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit – und echte Angebote zur Resozialisierung.“ Die Gefangenen von heute seien unsere Nachbarn von morgen – „und sie werden ausgenutzt!“, sagt er. Die Gewerkschaft hat derzeit nur geringe Chancen, ihre Forderung durchzusetzen.

2005 scheiterte ein Häftling vor dem Hamburger Landgericht, als er den Mindestlohn einklagen wollte. Und die Politik hat es nicht eilig, etwas zu ändern. Vielleicht auch, weil die Bundesländer von den Einnahmen profitieren. Im Vollzug sieht man das ohnehin anders. „Arbeit ist ein ganz wichtiger resozialisierender Faktor“, sagt Anstaltsleiterin Angela Biermann. Die Mehrzahl der Gefangenen habe ein geringes Bildungs- und Qualifikationsniveau.

Teil der Einnahmen kommt Opferschutzorganisationen zugute

Viele müssten erst lernen, was es wirklich bedeute, zu bestimmten Zeiten am Tag einer Arbeit nachzugehen. „Das Nachhaltigste aus meiner Sicht ist, dass die Gefangenen durch die Arbeit in der Anstalt auch Leistungen beziehen können und Qualifizierungsmaßnahmen finanziert bekommen“, so Biermann.

Dass die Gefängnisse so Geld erwirtschaften, sei nur „ein schöner Nebeneffekt“, sagt Betriebsleiter Bühring. Durch die Gefangenenarbeit werde die Anstalt „nicht reich“. Außerdem, so fügt Anstaltsleitern Biermann hinzu, werde damit ein Teil der Kosten getragen, die sonst der Steuerzahler trage. Die genauen Umsätze bleiben geheim. Aber: Einen Teil der Einnahmen von den Santa-Fu-Produkten werde an die Opferschutzorganisation Weißer Ring gespendet. Das würde dann auch viele Kunden zum Kauf motivieren.

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