Gründer-Szene

Wie sich Ruhrgebietskonzerne mit Start-ups vernetzen

Thyssenkrupp-Technologiechef Reinhold Achatz will Konzerne mit Start-ups vernetzen.

Foto: Kai Kitschenberg

Thyssenkrupp-Technologiechef Reinhold Achatz will Konzerne mit Start-ups vernetzen. Foto: Kai Kitschenberg

Essen.   „Beyond Conventions“ heißt ein neues Format, um Konzerne mit Start-ups zu vernetzen. Thyssenkrupp-Technologiechef Achatz erläutert die Strategie.

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Wenn Thyssenkrupp-Technologiechef Reinhold Achatz darüber spricht, wie viel Gründergeist in dem Essener Großkonzern steckt, beginnt er mit einem Geständnis. „Üblicherweise sind klassische Großunternehmen auf kontinuierliche Verbesserungen ausgerichtet. Mit plötzlichen Veränderungen können sie oft schlechter umgehen“, räumt Achatz ein. Thyssenkrupp sei sich dieses Risikos bewusst. „Zunehmend gibt es disruptive Technologien, also Technologien, die innerhalb kurzer Zeit bestehende Produkte vom Markt verdrängen. Dafür müssen wir uns wappnen“, mahnt er.

Deshalb sucht Thyssenkrupp nun verstärkt die Nähe zu Start-ups. „Wir wollen schneller und digitaler werden und uns für neue Ideen öffnen. Dabei sind uns Impulse von außen wichtig“, erklärt der Manager. Ein Weg, um sich stärker mit jungen Unternehmen zu vernetzen, ist ein neues Veranstaltungsformat namens „Beyond Conventions“, bei dem Thyssenkrupp mit Unternehmen wie dem Energiekonzern Innogy, dem Gasnetzbetreiber Open Grid Europe, der Haniel-Digitaltochter Schacht One und Funke Medien NRW kooperiert. „Wir haben ein großes Interesse daran, dass Netzwerke für Innovationen im Ruhrgebiet entstehen“, betont Achatz. Seiner Einschätzung zufolge bietet das dichte Netz von Unternehmen, Universitäten und Forschungszentren Gründern im Ruhrgebiet „hervorragende Möglichkeiten“.

Digitalisierung ist Chefsache für Hiesinger

Die fünf Revierunternehmen haben Start-ups weltweit mit konkreten Aufgaben herausgefordert. 220 junge Firmen beteiligten sich, 35 haben eine Einladung zu einem zweitägigen Treffen in der Essener Thyssenkrupp-Zentrale erhalten. Zum Auftakt wird bei einem Auftritt von Vorstandschef Heinrich Hiesinger deutlich, dass die Digitalisierung in dem Konzern mit rund 160 000 Beschäftigten Chefsache ist. Thyssenkrupp müsse lernfähig und offen für neue Ideen sein. Es gehe darum, schnell zu sein und Neues auszuprobieren, auch Fehler seien erlaubt. Der Name „Beyond Conventions“ soll signalisieren, worum es den fünf Unternehmen aus dem Ruhrgebiet geht: um unkonventionelle Lösungen. Für die Konzerne ist es das erste Mal, dass sie sich auf diese Weise mit Start-ups zusammentun.

Konzernintern will Thyssenkrupp ebenfalls verstärkt das Gründerpotenzial von Mitarbeitern nutzen. Ein Projekt heißt. „Innovation Garage“. Mitarbeiter können dabei sechs Monate lang die Hälfte ihrer Arbeitszeit in ein Gründungsprojekt stecken, der normale Job läuft in Teilzeit weiter. Ideen, die Erfolg versprechen, fördert Thyssenkrupp mit Projektmitteln von bis zu 50 000 Euro.

Ideen aus der Garage von Thyssenkrupp

In der „Innovation Garage“ sei unter anderem ein Sensor entstanden, der – zum Beispiel an Stoßdämpfern von Autos montiert – das Fahrverhalten der Nutzer aufzeichnet, berichtet Technologie-Chef Achatz. Thyssenkrupp befinde sich derzeit im Gespräch mit Autovermietern, die Interesse an dem Produkt haben. „Denkbar wäre es, dass in Zukunft das Fahrverhalten Einfluss auf die Preisbildung der Autovermieter hat.“

Auch ein Mini-U-Boot, das Fischern bei der Arbeit helfen soll, haben Thyssenkrupp-Mitarbeiter in der Konzern-Garage entwickelt. „Ein Prototyp des Mini-U-Boots fährt bereits“, sagt Achatz. Mit dem Mini-U-Boot sollen Fischer ermitteln können, welche Fische wirklich in einem Schwarm sind. Das Boot liefere viel genauere Informationen als ein Echolot. „Auf diese Weise können Fischer den Beifang reduzieren.“

Beispiel Tech-Center in Mülheim

Um Strukturen im Konzern zu schaffen, die einem Start-up ähneln, hat Thyssenkrupp eigens kleinere Einheiten gebildet. Beispiele sind „Tech-Center“ in Mülheim und Dresden. Hier beschäftigt sich Thyssenkrupp mit dem 3D-Druck und Produkten aus dem Werkstoff Karbon. „Dabei setzen wir gezielt auf kleinere Teams, um Dinge auszuprobieren“, erläutert Achatz.

Eine Aufgabe bei „Beyond Conventions“ ist zum Beispiel, eine Drohne zu liefen, die den Baufortschritt bei Industrieanlagen dokumentiert. Gefragt war auch ein Chatbot, also ein textbasiertes Dialogsystem, das die Personalsuche auf Basis künstlicher Intelligenz unterstützt. Die meisten Start-ups für „Beyond Conventions“ kommen aus Deutschland, aber es sind auch Bewerber aus den USA, Neuseeland und Frankreich dabei. „Es geht bei „Beyond Conventions“ nicht um ein Spiel, Show oder ein Preisgeld“, sagt Achatz, „sondern um handfeste Aufträge, die wir an Start-ups vergeben möchten“.

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