Jacob Fatih

Wie FitX-Gründer Fatih Start-ups im Ruhrgebiet fördern will

Der Unternehmer Jacob Fatih vor dem Logo seiner Start-up-Plattform Crealize.

Der Unternehmer Jacob Fatih vor dem Logo seiner Start-up-Plattform Crealize.

Foto: Lars Fröhlich / FUNKE Foto Services

Essen.  Jacob Fatih flüchtete aus dem Iran nach Essen. Im Ruhrgebiet baute er ein Unternehmen nach dem anderen auf. Wie er Gründern Mut macht.

Das sind die Geschichten, die Mut machen in dieser Zeit mit hitzigen Debatten über den Zuzug von Migranten und einer Wirtschaft, der im Angesicht von Corona die Perspektive abhandengekommen ist. Jacob Fatih flüchtete als 23-Jähriger aus dem Iran, fand bei seinem Bruder in Essen ein neues Zuhause, gründete Deutschlands zweitgrößte Fitnesskette FitX und hat jetzt die Plattform Crealize ins Leben gerufen, die Start-ups unterstützt.

Geboren und aufgewachsen in Teheran entschied sich der junge Jacob Fatih für eine Studium der Pharmazie, das er nie abschließen sollte. Der Sohn einer Hausfrau und eines Polizisten, der später Professor wurde, war schon früh ein Querdenker. „Ich habe die Satanischen Verse vom Kroatischen ins Persische übersetzt und an der Uni in Teheran verkauft. Das war nicht gut, ich musste das Land verlassen“, erzählt er. Der Roman des Schriftstellers Salman Rushdie wurde als islamkritisch geächtet. Das iranische Staatsoberhaupt Ayatollah Khomeini hatte Rushdie zum Tode verurteilt.

Über die Türkei flüchtete Fatih mit einem Lkw nach Paris und von dort aus ins Ruhgebiet. „In Essen habe ich Schutz gesucht, weil hier mein Bruder lebte“, erinnert er sich. In der Wirtschaftsmetropole spürte der Student rasch, dass er etwas anderes machen wollte „Ich habe das Studium geschmissen, weil ich die Ambition hatte, etwas Eigenes zu machen. Mit einem Partner habe ich deshalb in Essen zunächst ein Immobilien-Geschäft gegründet.“

Vom Pharmazie-Studenten zum Multi-Gründer

Damit sollte die Start-up-Karriere des gebürtigen Iraners, der inzwischen die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen hatte, aber längst nicht beendet sein. Nach seinen Nebenjobs als Entrümpler, Kellner und Filialleiter bei der Fitnesskette McFit in Bochum eröffnete der passionierte Boxer mit Trainerlizenz sein erstes eigenes Studio an der Stoppenberger Straße in Essen. Der Grundstein für FitX, inzwischen deutschlandweit der zweitgrößte Anbieter, war gelegt. Schnell kam die zweite Filiale dazu und Fatih spürte: „FitX sollte schneller wachsen. Deshalb habe ich einen Partner gesucht und meine Idee zuerst über einen Kontaktmann bei Tengelmann vorgestellt. Aus der Beteiligung wurde aber nichts“, erinnert er sich. „Zum Glück ist dann die Schmidt-Gruppe ins Unternehmen eingestiegen.“

Nebenbei hatte der umtriebige Geschäftsmann noch eine andere Firma aufgebaut: YT Industries, eine Mountainbike-Schmiede, die die Fahrräder online vertreibt. „Das Geschäft mit den Fahrrädern lief eigentlich so nebenbei. Wir wollten wettkampftaugliches Material anbieten“, sagt Fatih. „Die 150 Bikes, die wir in Taiwan bestellt hatten, waren innerhalb von zehn Tagen ausverkauft.“ Inzwischen verbucht das Unternehmen auf 86 Millionen Umsatz und erlebt in der Corona-Zeit eine rasante Nachfrage.

Crealize fördert Start-ups

Im vergangenen Jahr verkaufte der Multi-Gründer seine Anteil an der Fitnesskette FitX, um sich ganz seiner Passion, der Start-up-Szene und seiner 2015 in Essen ins Leben gerufenen Plattform Crealize zu widmen. „2015 war der richtige Zeitpunkt, Crealize zu gründen. Es gibt vor allem im Ruhrgebiet viele talentierte junge Leute, denen das Geld und der Mut fehlen, sich selbstständig zu machen“, erläutert Fatih seine Beweggründe. „Unser Ziel ist es deshalb, permanent neue Unternehmen aus dem Boden zu stampfen.“

Unter dem Dach der Crealize befinden sich aktuell 13 Beteiligungen. Darunter die Play Hard Group mit Sitz in München. Sie vereint ausgewählte Sportswear- und Streetwearmarken und Schuhe. Wellnest ist ein 2017 in Essen gegründeter Wellness-Anbieter, der Sauna und Whirlpool „in absoluter privater Atmosphäre“ anbietet. Ein Schmuck-Anbieter und eine App für den Autokauf gehören ebenso zum Repertoir der Crealize. Auch die Restaurant-Kette Baba Green gehörte dazu.

„Das Ruhrgebiet ist meine große Liebe.“

„Wir steigen in einer frühen Phase ein. Dabei geht es weniger um die Bereitstellung von Kapital. Wir wollen Brücken bauen und die jungen Firmen dabei unterstützen, ihre guten Geschäftsideen auf die Straße zu bringen“, erläutert der 45-Jährige das Geschäftskonzept. „Crealize beteiligt sich langfristig und nachhaltig“, betont er und lässt durchblicken, dass mit 13 Firmen längst noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht sei. „Die Tendenz ist stark steigend. Innerhalb der nächsten zwanzig Jahre streben wir eine vierstellige Zahl an.“

Das aktuell 20-köpfige Team des Inkubators wird dann wohl nicht mehr ausreichen. Fest steht für den Chef allerdings, dass die Plattform in Essen wachsen soll. „Das Ruhrgebiet ist meine große Liebe. Nach meiner Flucht wurde ich hier sehr herzlich aufgenommen“, sagt Fatih. „Jetzt will ich der Region etwas zurückgeben. Ich sehe aber auch die Potenziale des Reviers mit seinen Fachkräften, Hochschulen und seiner guten Infrastruktur. Crealize gehört in den Kohlenpott.“

Bei allen guten Rahmenbedingungen für Start-ups sieht er in der Region aber auch Hemmschuhe. „Die Industrie hatte früher nie ein großes Interesse, dass sich im Ruhrgebiet ein Gründergeist ausbreitet. Deshalb hängt die Entwicklung hier einfach etwas zurück“, urteilt der Experte und zeigt sich gleichzeitig optimistisch: „Ich bin davon überzeugt, dass man die Region zu einem Gründercenter machen kann. Wir müssen potenzielle Gründer nur ermutigen, etwas zu tun“, fordert Fatih. Allerdings: „Es fehlt das Risikokapital, das Start-ups einfach die Möglichkeit gibt, etwas zu lernen und auch Fehler zu machen.“ Im Revier sei aber viel ins Rollen gekommen. Der Crealize-Chef: „Ein Signal ist, dass die RAG-Stiftung das Colosseum in Essen gekauft hat, um es zu einem Ort für Gründer zu nutzen. Deutschland ist eine Erfindernation, hinkt technologisch aber hinterher. Das hält viele ausländische Investoren ab. Deshalb appelliere ich an die Politik, der Gründerszene mehr Raum zu geben.“

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