Handarbeit

Wie die Ruhrpott-Kollektionen von St. Georg entstehen

Echte Handarbeit wird in den St. Georg-Werkstätten in Gelsenkirchen geleistet.Menschen mit und ohne Beeinträchtigung arbeiten Hand in Hand.

Echte Handarbeit wird in den St. Georg-Werkstätten in Gelsenkirchen geleistet.Menschen mit und ohne Beeinträchtigung arbeiten Hand in Hand.

Foto: Ralf Rottmann

Gelsenkirchen.   Die St. Georg-Werkstätten in Gelsenkirchen fertigen Ruhrpott-Kollektionen in Handarbeit – ein Sozialwerk ohne Mitleidsbonus.

Mit einem gleichmäßigen Rattern lässt die Stickmaschine ihre Nadeln in den hellblauen Stoff schnellen. Das Markenzeichen des Sozialwerks St. Georg ist im Nu zu erkennen. Routiniert tippt Kerstin Kaldemorgen die nächsten Befehle in die Maschine ein. Kaldemorgen ist Teil der LebensArt-Produktion, die unter anderem Kissen, Taschen und Beutel im Ruhrpott-Stil herstellt. Das Besondere: Die Produkte der Gelsenkirchener Werkstatt werden von Menschen mit Assistenzbedarf produziert. Und: Ein Qualitätsunterschied zu ähnlichen Produkten anderer Hersteller ist nicht zu erkennen.

„Es ist ja alles Handarbeit. Wer die Taschen, Schlüsselanhänger oder Beutel hergestellt hat, spielt doch auch keine Rolle“, sagt Claudia Hagel, Geschäftsführerin des Sozialwerks St. Georg. Stolz holt sie ihre Handy-Schutzhülle Marke Lebens-Art aus der Tasche. „Wir wollen, dass die Leute diese Produkte kaufen, weil sie ihnen gefallen, nicht weil sie von Menschen mit Assistenzbedarf hergestellt wurden“, sagt sie. Adrian van Eyk, Leiter der Emscher-Werkstatt, pflichtet ihr bei: „Darum werben wir auch nicht explizit mit diesem Aspekt.“ Die Produkte würden sich auch ohne „Mitleidsbonus“ am Markt behaupten.

Verkauft werden die Handtücher, Ei-Wärmer, Lätzchen, T-Shirts und rund 30 weitere Artikel derzeit an Ständen bei größeren Veranstaltungen, im Gelsenkirchener Café LebensArt und an kleinere Läden der Umgebung.

Der nächste Schritt, die Textil-Artikel zu vertreiben, ist aber schon in Planung: ein Online-Shop. „Wir werden die LebensArt-Kollektionen zusammen mit den Möbel-Kollektionen der Lenne-Werkstatt anbieten“, erklärt van Eyk. Unter der Dachmarke Lanzenreiter soll der digitale Verkaufsladen noch in diesem Jahr an den Start gehen.

Einzelstücke im Landhausstil

Derzeit läuft unter dem Label Lanzenreiter nur die Möbel- und Schmuck-Sparte aus Schmallenberg. „Wir stellen qualitativ hochwertige Produkte her“, sagt Mirko König, Gruppenleiter der Lenne-Werkstatt. Jedes Stück ist in Handarbeit angefertigt und ein Unikat. Günstig sind die Einzelstücke im Landhausstil nicht. Für einen großen Esstisch im Shabby-Chic-Style werden schon mal 1500 Euro fällig.

Über mangelnde Aufträge kann sich König aber nicht beschweren, seine Mitarbeiter fiebern sogar schon den nächsten Überstunden entgegen. „Wo hat man schon so motivierte Mitarbeiter, die mit Liebe zum Detail und jeder Menge Leidenschaft für das Produkt arbeiten“, erzählt König.

Ähnliches kann auch Breda Klemenak-Steinborn berichten. Die Gruppenleiterin der Textilverarbeitung, in der unter anderem die Ruhrpott-Kollektion erstellt wird, erlebt tagtäglich glückliche Mitarbeiter um sich herum, die voller Stolz von ihren Produkten berichten. „Ich bin sehr froh, hier zu arbeiten. Wenn man am Ende des Tages sieht, was man alles hergestellt hat und welche Ideen wir umsetzen konnten, dann macht einen das glücklich“, sagt Eva Engemann, die bei ihrer Arbeit nicht nur ihre Kreativität ausleben kann. „Frau Engemann ist ein unheimliches Verkaufstalent“, wird sie von den Umstehenden gelobt.

Hoffnung auf den Online-Shop

Massenproduktionen im Akkord gibt es hier nicht. „Jeder arbeitet in seinem Tempo“, sagt Angeles Miranda-Lopes. Die gelernte Näherin konnte ihrem regulären Beruf nach einer psychischen Erkrankung nicht mehr nachgehen. „Die Textilarbeit ist meine Leidenschaft. Es ist großartig, dass ich hier jetzt weiter in diesem Bereich tätig sein kann.“

Auch Miranda-Lopes freut sich schon auf die Einführung des neuen Online-Shops, schließlich wollen die Mitarbeiter ihre Kollektionen auch an den Mann und an die Frau bringen. „Wenn wir hören, wie viele unserer Artikel verkauft wurden, dann macht uns das unheimlich stolz und wir haben noch mehr Motivation, neue, andere Produkte zu entwickeln“, erzählt Engemann.

Rund 20 Mitarbeiter, mit und ohne Assistenzbedarf, sind dann an der Vermarktung der Online-Shop-Produkte beteiligt. Das Portfolio der Ruhrpott-Kollektion soll noch erweitert werden. Angeles Miranda-Lopes hat auch schon eine Idee: „Ich entwerfe gerade einen Bierflaschenkühler im Ruhrpott-Look“, sagt sie und macht sich konzentriert an die Arbeit.

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