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Warum die „Süddeutsche“ wohl ihre Digitalchefin verliert

Ob Julia Bönisch die Treppen zum Hochhaus des Süddeutschen Verlages noch einmal besteigen wird? Der Abgang scheint wahrscheinlicher.

Ob Julia Bönisch die Treppen zum Hochhaus des Süddeutschen Verlages noch einmal besteigen wird? Der Abgang scheint wahrscheinlicher.

Foto: cr / imago/Christine Roth

Hamburg.  Süddeutsche.de-Chefin Julia Bönisch ist seit Wochen nicht mehr in der Redaktion. Es gibt Streit über Integration von Print und Digital.

Das Verschmelzen der für digitale Medien zuständigen Redaktionen mit denen, die für die gedruckte Zeitung oder Zeitschrift verantwortlich sind, bereitet nicht wenigen Verlagen Probleme. Aber wohl bei kaum einem anderen Blatt sind die Gräben zwischen Print-Leuten und Digital-Redakteuren so tief wie bei der „Süddeutschen Zeitung (SZ)“: Erst ging Digitalchef Stefan Ottlitz 2017 zum „Spiegel“ nach Hamburg, obwohl sein damaliger Lebensgefährte und heutiger Ehemann als Redakteur des Bayerischen Rundfunks in München bleiben musste. Und nun ist offenbar auch seine Nachfolgerin Julia Bönisch kurz davor, das Blatt entnervt zu verlassen.

Sie ist seit etwa acht Wochen nicht mehr in der Redaktion gewesen. Ihre Aufgaben wurden inzwischen kommissarisch anderen Redakteuren übertragen.

Anlass des Zerwürfnisses ist ein bereits im Mai im Fachblatt „Journalist“ erschienener Artikel von Bönisch, in dem sie sich für neue, an die Digitalisierung angepasste Arbeitsabläufe stark macht. In dem Stück treten leitende Redakteure auf, die ihre Beförderung allein ihren „wuchtigen Texte“ zu verdanken haben. Und es kommt ein Chefredakteur vor, der es sich nicht nehmen lässt, auch noch Bildunterschriften auf Seite 7 zu kontrollieren. SZ-Chefredakteur Kurt Kister ist bekannt für wuchtige Texte, sein Co-Chef Wolfgang Krach gilt als Ausbund an Penibilität. Beide bezogen diese Passage wohl auf sich.

Reformunfähigkeit und eine Aversion für das Digitale

Schließlich gibt es in dem Text noch eine Stelle, die man, wenn man es denn unbedingt will, als Aufforderung verstehen kann, die jedem Journalisten heiligen Grenzen zwischen Verlag und Redaktion einzureißen. Im Kern geht es an dieser Stelle aber darum, dass sich laut Bönisch „Journalisten von Anfang an mit Kollegen aus der IT und der Vermarktung an einen Tisch setzen“ müssen, wenn sie „in einer Zeitung ein funktionierendes Podcast-Team“ aufbauen wollen. Die Aufregung in der SZ war dennoch groß. Krach sprach auf einer Redaktionsvollversammlung im Juni gar von „Vertrauensbruch“.

Doch problematischer als Bönischs Text ist wohl die Reformunfähigkeit leitender Redakteure. Laut Redaktionsstatut haben bei der SZ die sogenannten „Impressionisten“ – die im Impressum aufgeführten Ressortleiter, fast ausschließlich Print-Leute – einen großen Einfluss. Sie gelten als wenig digitalaffin. Umgekehrt halten selbst ihr wohlgesonnene Kollegen Bönisch nicht gerade für pflegeleicht. Das Tischtuch scheint zerschnitten, obwohl der Geschäftsführer der SZ-Mutter SWMH, Christian Wegner, noch einen Schlichtungsversuch unternommen hat.

Sowohl Bönisch als auch Krach und die SWMH ließen einen Fragenkatalog zu dem Thema unbeantwortet.

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Comedy-Show erhält Deutschen Radiopreis

Es geschieht nicht eben oft, dass eine Radiosendung nach dem Produkt eines US-Tech-Konzerns benannt wird. Doch auf die Comedy-Show „Achtung Alexa“ des hessischen Privatradiosenders Hit Radio FFH trifft genau das zu. Alexa ist der Sprachassistent von Amazon . Grundidee der Show ist es, ahnungslose Bürger von einem Sprachcomputer namens Alexa anrufen zu lassen, der sie grundsätzlich missversteht. Dass für diesen eher schlichten Einfall die Macher der Sendung am Mittwochabend mit dem Deutschen Radiopreis ausgezeichnet wurden, ist bemerkenswert.

Noch bemerkenswerter ist allerdings der Einspielfilm, mit dem sich „Achtung Alexa“ dem Publikum vorstellte. Zu sehen war der real existierende Smartspeaker Alexa in einem launigen Interview. Sie habe noch ein Date, sagte Alexa. „Ein Update mit Amazon.“

Grimme-Institut verleiht Preis für Schleichwerbung

Damit war allen – und zwar nicht nur im Saalpublikum – klar, wo man den Sprachassistenten käuflich erwerben kann. Die Gala wurde von 69 Radio- und acht TV-Stationen übertragen. Wäre statt des Einspielers dort überall ein ganz normaler Werbespot von Amazon für Alexa gelaufen, hätte der US-Konzern dafür sehr viel Geld zahlen müssen. In den zahlreichen öffentlich-rechtlichen Programmen, in denen die Gala übertragen wurde, wäre Werbung nach 20 Uhr erst gar nicht möglich gewesen.

Weder für „Achtung Alexa“ noch für die Produktion des Einspielfilms habe es Zuschüsse von Amazon gegeben, sagt Hit-Radio-FFH-Programmchef Marc Beeh. Okay, doch warum hat sich die Jury des angesehenen Grimme-Instituts, die die Gewinner des Preises auswählt, ausgerechnet für eine Sendung entschieden, die bewusst oder unbewusst Schleichwerbung für eine Amazon-Marke macht? Die Juryvorsitzende, die Politikberaterin und Moderatorin Nadia Zaboura war für ein Statement leider nicht zu erreichen. Dafür sagte eine Radiopreis-Sprecherin, Alexa sei ein „Gattungsbegriff... wie Uhu für Kleber oder Tempo für Taschentücher“. Wenn das Siri wüsste...

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