Wohnungen

Vonovia-Chef Buch: „Ich hatte Angst – inmitten von Essen“

Vonovia-Chef Rolf Buch führt Deutschlands größten Wohnungskonzern.

Vonovia-Chef Rolf Buch führt Deutschlands größten Wohnungskonzern.

Foto: Ingo Otto / FUNKE Foto Services

Düsseldorf.  Vonovia-Chef Buch spricht offen über Problemviertel in NRW, Herausforderungen bei der Integration – und wie man Quartiere nach oben bringen kann.

Zu wenige altersgerechte Wohnungen, Probleme bei der Integration, ein Mangel an Neubauten, ehrgeizige Klimaschutzziele: Vonovia-Chef Rolf Buch sieht Deutschlands Immobilienbranche vor großen Herausforderungen – insbesondere in den Metropolen.

Es sei ein Megatrend, dass die Menschen in die Städte ziehen, betont Buch bei einem Auftritt vor der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung (WPV) in Düsseldorf. „Den Vorwurf, den ich unserer Branche und der Politik mache, ist, dass wir das zu lange nicht gesehen haben. Jetzt kommt es mit brachialer Gewalt.“ Eine Folge sei unter anderem ein starker Anstieg der Neuvertragsmieten. In Düsseldorf, Frankfurt, Köln, Berlin, München oder Hamburg eine Wohnung zu finden, sei schwierig, weil in den vergangenen Jahren zu wenig gebaut worden sei.

„Wie bei einem Mangel an Brot den Brotpreis reduzieren“

Um die Jahrtausendwende habe sich der Irrglaube etabliert, Deutschland sei „fertiggebaut“, kritisiert Buch. Den Fehler nun zu korrigieren, sei nicht leicht, denn Gebäude entstehen nicht von heute auf morgen. „Wenn Sie jetzt etwas tun, passiert morgen nichts, sondern es passiert etwas in ein paar Jahren.“ Das sei mitunter schwierig für Politiker, weil die positiven Effekte von Entscheidungen erst in späteren Legislaturperioden sichtbar würden.

Der Bochumer Dax-Konzern Vonovia ist Deutschlands größter Vermieter. Das Unternehmen besitzt fast 397.000 Wohnungen in Deutschland, Österreich und Schweden. In Berlin sieht sich Vonovia mit Plänen für eine Deckelung der Monatsmieten konfrontiert. Entsprechende Pläne der Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) seien nicht geeignet, die Wohnungsnot zu lindern, bemängelt Buch. „Wenn man einen Mietenstopp macht, ist das so, als wenn Sie bei einem Mangel an Brot den Brotpreis reduzieren.“

„Nicht bauen ist die größte Asozialität“

Auch in Berlin sei das Grundproblem, dass zu wenig Wohnraum existiere, sagt der Vonovia-Chef. Dabei gebe es genügend Flächen, man müsse sie nur bebauen. „Nicht bauen ist die größte Asozialität, die man machen kann, weil man sich im Endeffekt versündigt an denen, die in dem Verteilungskampf um Mietwohnungen tendenziell den Kürzeren ziehen“, so Buch.

Eindringlich warnt der Vonovia-Chef zudem vor einem Mangel an Wohnungen für Senioren. „Wir brauchen bis zum Jahr 2030 drei Millionen altengerechte Wohnungen – und wir haben heute 700.000“, betont er. Derzeit werde bei diesem Thema „viel zu wenig getan“. Um das zunehmende Problem zu lösen, seien gemeinsame Anstrengungen von Wohnungswirtschaft und Politik nötig. „Wenn wir dieser Verantwortung nicht gerecht werden, werden Menschen gegen ihren Willen zu früh ins Altersheim kommen.“ Dies sei auch „für die Gesellschaft extrem teuer“. Vonovia habe sich bereits verpflichtet, jede dritte Wohnung, die frei werde, altengerecht umzubauen. Dabei gehe es hauptsächlich um das Badezimmer. So müsse unter anderem die Badewanne gegen eine Dusche ausgetauscht werden.

Klimaschutz-Projekt von Vonovia in Bochum-Weitmar

Modernisierungen der Gebäude sind auch erforderlich, um das Ziel, bis zum Jahr 2050 klimaneutral zu sein, einzuhalten. „Ich sage Ihnen ganz offen: Ich weiß noch nicht, wie wir das realisieren können“, räumt Buch ein. „Im Moment haben wir noch nicht die Technologie, unsere Bestandsgebäude klimaneutral umzubauen. Wir können sie klimaschonend umbauen, aber nicht klimaneutral.“

Im Bochumer Stadtteil Weitmar erforscht Vonovia mit dem Fraunhofer Institut, wie ein „Quartier der Zukunft“ aussehen kann. Das Projekt umfasst 232 Gebäude mit 1540 Wohnungen. „Ich glaube an die deutsche Ingenieurkunst“, sagt Buch mit Blick auf die Klimaschutzziele. Es gehe unter anderem darum, in den Quartieren so viel regenerative Energie zu produzieren wie vor Ort benötig werde.

Herausforderungen bei der Integration

Auch das Thema Integration treibt den Vonovia-Chef um. Zum einen gebe es „viele Menschen, die zu uns gekommen und nicht in Deutschland aufgewachsen sind“, zum anderen müssten auch viele Deutsche, die „außerhalb der Gesellschaft“ stünden, „re-integriert werden“. Die Bemühungen zur Integration auf den Arbeitsmarkt zu fokussieren, reiche nicht, sagt Buch. „Große Teile dieser Menschen haben gar keinen Arbeitsplatz.“ Daher müsse die Integration beim Wohnen beginnen.

Wir müssen uns damit beschäftigen, wie wir diesen Menschen in den Quartieren wieder ein Zuhause geben“, mahnt Buch. Dafür sei eine intensive Zusammenarbeit mit den Stadtverwaltungen, Sozialträgern und „oft auch mit der Polizei“ notwendig. Wenn die Integration nicht gelinge, sei die Demokratie in Gefahr. Als Unternehmen, dessen Produkt „für ewig im deutschen Boden verankert“ sei, habe Vonovia ein hohes Interesse an politischer und gesellschaftlicher Stabilität.

Bonn-Tannenbusch, Aachen-Preuswald und Dortmunds Norden

In Vierteln wie Bonn-Tannenbusch, Aachen-Preuswald, oder im Norden von Dortmund könne man zuweilen „live miterleben“, was es bedeute, wenn man sich um eine Siedlung „nicht richtig kümmert“, sagt Buch. Dass es aber auch möglich sei, Stadtquartiere zum Positiven zu verändern, belege das Beispiel des Essener Eltingviertels. In der Vergangenheit hätten Hausmeister hier „regelmäßig Kinder aus den Wohnungen holen müssen, die nichts mehr zu essen bekommen“ hätten.

Er selbst erinnere sich noch gut daran, wie er das Essener Eltingviertel vor sechs Jahren erlebt habe. „Ich werde das nie vergessen“, sagt Buch. „Ich bin da hingefahren, im Anzug, damals mit Krawatte, bin da ausgestiegen und habe gesagt: Jetzt weiß ich nicht, ist mein Auto noch da, wenn ich wiederkomme.“ Es sei ein dunkler Novemberabend gewesen. „Ich hatte Angst – und das inmitten von Essen“, sagt Buch rückblickend. „Das ist heute nicht mehr so“, betont Buch. Durch gemeinsame Anstrengungen sei es gelungen, die Situation grundlegend zu verbessern. „Heute können Sie wieder ins Eltingviertel gehen.“

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