Gerichtsanordnung

US-Tabakindustrie muss Werbung schalten – gegen das Rauchen

Warum Alkohol Lust auf Zigaretten macht

Alkohol und Bier

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Washington  US-Tabak-Multis müssen auf richterliche Anordnung nun über die Gefahren des Rauchens aufklären. Elf Jahre lang hatten sie sich gewehrt.

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„Rauchen tötet 1200 Amerikaner. Jeden Tag.“ – Oder: „Pro Tag sterben mehr Menschen durch Rauchen als durch Aids, Mord, Selbstmord, Drogen, Autounfälle und Alkohol zusammengerechnet.“ Elf Jahre lang haben sich Amerikas Tabak-Multis mit Hundertschaften von Anwälten erfolgreich dagegen gestemmt, solche Sätze auf eigene Kosten zu veröffentlichen.

Seit Sonntag müssen Hersteller wie Altria (Marlboro, L&M) und British American Tobacco (Lucky Strike, Camel) auf Grundlage eines Gerichtsurteils die Öffentlichkeit in ganzseitigen Anzeigen in 50 großen Tageszeitungen und TV-Spots in drei großen Fernsehsendern ein Jahr lang schonungslos nicht nur über die Gefahren des Rauchens informieren. Sondern indirekt auch darüber, dass sie die Menschen systematisch belogen und die Folgen des Tabak-Konsums verharmlost haben.

Schuldeingeständnis gibt es bis heute nicht

Ausgangspunkt war eine Klage des Justizministerium aus dem Jahr 1999. Sieben Jahr später urteilte Bezirksrichterin Gladys Kessler in Washington, dass sich die großen Zigarettenhersteller seit den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verschworen haben, um mit „enormem Aufwand und großer Raffiniertheit“ die Gefahren des Rauchens wider besseres Wissen zu verheimlichen und zu vertuschen.

Darum schenkt diese Firma Nichtrauchern sechs zusätzliche Urlaubstage

Raucherpause sind im Büro ein kontroverses Thema: Ist ungerecht, dass die rauchenden Kollegen Zigarettenpause machen, während die Nichtraucher ohne diese Extra-Pausen auskommen müssen? Ein japanisches Unternehmen hat nun eine ungewöhnliche Lösung für das Problem gefunden.
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Es sei „unbestritten“, dass Rauchen Ursache für Krankheiten und Tod sei, schrieb Kessler in ihrem knapp 1700 Seiten langen Urteil. Sie verurteilte die Tabakhersteller dazu, über die Gefahren und Folgen des Rauchens aufzuklären. Zudem ordnete sie an, das Bezeichnungen wie „light“, „ultra-light“ oder „mild“ nicht mehr verwendet werden dürfen. Die Beklagten wehrten sich auf dem Marsch durch die Instanzen gegen den Zwang, „öffentliche Reue-Bekenntnisse“ abzugeben und vom Staat „gedemütigt“ zu werden. Ein unzweideutiges Schuldeingeständnis von ihnen gibt es bis heute nicht.

Tabakindustrie wollte Kampagne abschwächen

Was Leser von „New York Times“ über „La Voz de Houston“ bis zum „Northern Kentucky Herald“ demnächst regelmäßig optisch auffällig in ihren Wochenendausgaben vorfinden, ist das Resultat intensivster Wortklauberei zwischen Gerichten und Anwälten der Tabakindustrie.

Letztere verfolgten das Ziel, die jetzt angeordnete Sätze solange wie möglich zu verzögern und nach Möglichkeit abzuschwächen. Dabei handelt es sich um Sätze wie: „Wenn Sie rauchen, verändert das Nikotin das Gehirn. Das macht es so schwer, mit dem Rauchen aufzuhören.“ Oder: „Passivrauchen verursacht bei Erwachsenen, die nicht selber rauchen, Lungenkrebs und Herzkrankheiten.“ Oder auch: „Altria, R.J. Reynolds Tobacco, Lorillard und Philip Morris USA haben Zigaretten mit Absicht so konzipiert, dass sie noch abhängiger machen.“

Wirksamkeit der Aufklärungskampagne bleibt fraglich

Nach über einem Jahrzehnt der Auseinandersetzung kann die Industrie einen perfiden Teilerfolg für sich verbuchen. Der Vorschaltsatz: „Und das hier ist die Wahrheit:“ ist gekippt worden. Zweiter Faktor: Seit Prozessbeginn 1999 ist eine völlig neue Medien-Nutzung zu beobachten, der die jetzige Regelung keine Rechnung trägt. Internet-Seiten und soziale Netzwerke sind bisher von der Verpflichtung ausgenommen, die Selbstgeißelung der Branche zu transportieren.

Über die Wirksamkeit der unspektakulär und trocken gehaltenen Aufklärung, die anders als in Europa auf den Einsatz schockierender Fotos von amputierten Beinen oder offenen Kehlköpfen vollständig verzichtet, gibt es darum geteilte Ansichten. Die „American Cancer Society“ äußerte zwar Genugtuung darüber, dass die Zigaretten-Hersteller „zum ersten Mal die Wahrheit sagen müssen“.

Kosten für Zwangs-Anti-Werbung fallen bescheiden aus

Allerdings dürfe man nicht ausblenden, dass die Branche pro Jahr weiter über acht Milliarden Dollar für Werbung ausgibt und mit Produkten wie E-Zigaretten mit Kaugummi-Geschmack gezielt neue Kundenschichten anlockt. Dagegen nähmen sich die Kosten von 30 Millionen Dollar pro Unternehmen für die Zwangs-Anti-Werbung in eigener Sache bescheiden aus.

Obwohl der Tabakkonsum insgesamt stark rückläufig ist (1965 rauchten 45 Prozent der Erwachsenen, 2015 nur noch 15 Prozent), sterben nach Angaben der nationalen Gesundheits-Behörde (CDC) immer noch rund 480.000 Menschen im Jahr in den USA an Krankheiten, die auf Tabakkonsum zurückgehen. Spitzenreiter: Lungenkrebs.

Die Kosten für das Gesundheitswesen bei der Behandlung typischer Raucherkrankheiten belaufen sich auf 170 Milliarden Dollar im Jahr. Der volkswirtschaftliche Kollateralschaden durch Krankheiten und Fehlzeiten wird mit weiteren 160 Milliarden Dollar angegeben.

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