Arbeitszeitmodell

Unbegrenzt Urlaub: Funktioniert Trivagos Arbeitszeitmodell?

Trivago setzt nicht auf den klassischen Acht-Stunden-Tag, sondern verfolgt ein Modell mit frei einteilbaren Arbeitszeiten.

Foto: Dagmar Hornung

Trivago setzt nicht auf den klassischen Acht-Stunden-Tag, sondern verfolgt ein Modell mit frei einteilbaren Arbeitszeiten. Foto: Dagmar Hornung

Essen.  Keine starren Arbeitszeiten und grenzenloser Urlaub: Das Modell des Online-Hotelportals Trivago strotzt vor Flexibilität - nicht ohne Zweifel.

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Der Ruf nach flexiblen Arbeitszeitmodellen wird immer lauter in der modernen Berufswelt. Das Online-Hotelportal Trivago mit Hauptsitz in Düsseldorf verfolgt ungewöhnliche Strategien: Im Mittelpunkt stehen der unbegrenzte Urlaub, flexible Arbeitszeiten und ein eigenes Bewertungssystem.

In vielen Betrieben herrscht der übliche Acht-Stunden-Tag, bei einigen verbunden mit mehreren Schichten. Die Gründer von Trivago haben sich einen anderen Ansatz überlegt: Jeder Mitarbeiter, egal ob Frühaufsteher oder Nachtschwärmer, kann sich seine Arbeitszeit frei einteilen. Und so viel Urlaub nehmen, wie er mag. Aber auch immer mit der Einschränkung, dass die festgelegten Ziele erreicht werden. Am Ende zählt nur die Produktivität.

"Wir erarbeiten uns Wissen und Erfahrung, keine messbare Leistung am Fließband. Deswegen glauben wir fest daran, dass tägliche Arbeitszeiten und Urlaubstage nicht die geeigneten Einheiten sind, um Produktivität zu messen", erörtert Anne Linnenbrügger-Schauer, Pressekommunikation Trivago, die Unternehmensphilosophie. Experten zweifeln daran, ob ein solches Konzept funktioniert.

Unklarheiten über Gerechtigkeit

"Es könnte bei einem solchen Arbeitsmodell Unklarheiten darüber geben, ob jemand mehr Urlaub nehmen kann, weil er besonders effizient gearbeitet hat", sagt Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung(IAB). Schließlich könne die Arbeit auch einfach ungleich verteilt sein.

In einem Video-Interview, das die Entrepreneur Organization Germany - Unternehmer Organisation Deutschland - online veröffentlicht, erklärt Rolf Schromgens, einer der aktuellen Leiter und Mitgründer, den Ansporn der Unternehmensphilosophie. Besonders produktive Mitarbeiter erhielten demnach Belohnungen.

Doch wie wird garantiert, dass kein Mitarbeiter das System ausnutzt? Dafür setzt Trivago auf das 360-Grad-Feedback. Die Rückmeldung, die zweimal pro Jahr erhoben wird, basiert auf den sechs Unternehmenswerten: Vertrauen, Authentizität, unternehmerische Leidenschaft, unerschütterlicher Fokus, eifriges Lernen und Macht des Beweises.

Gegenseitige Bewertung auf Basis der eigenen Werte

Laut Linnenbrügger-Schauer bewerten Mitarbeiter alle Kollegen, mit denen sie zusammenarbeiten. Da die Zusammenarbeit nicht immer gleich intensiv sei, werde auch das in dem Online-Fragebogen berücksichtigt und fließe in die finale Auswertung ein. Auf einer Skala von 1 bis 5 werden alle Kriterien abgefragt. Zusätzlich bestehe die Möglichkeit, qualitativ zu kommentieren: "Was positiv hervorzuheben ist?" und "Was sich verbessern sollte?".

Für Weber ist der große Vorteil eines solchen Systems, dass "die Bewertung nicht von einer Person abhängt, die meist nicht alle Dimensionen der Leistung beobachten kann".

Auf der anderen Seite beäugt er es auch sehr kritisch: "Ein solches Verfahren kann das Bewusstsein schaffen, immer, überall und von jedem bewertet zu werden. Es ist denkbar, dass das die Arbeitsatmosphäre belastet und das Stressgefühl erhöht." Außerdem müsse die für das Unternehmen beste Leistung keineswegs diejenige sein, die allen gefällt, etwa bei Innovationen.

Freie Einteilung der Arbeitszeit

Das Bewertungssystem beruht vor allem darauf, wie die Mitarbeiter ihre Aufgaben im Alltag erledigen. Auf die Ziele arbeiten die Arbeitnehmer selbstbestimmt und nach frei gewählten Zeiten hin. Dass das System nicht "starr sei", so Weber, "könnte positiv sein". Der Weg der Zukunft sei, Flexibilität zu gewährleisten. Arbeitnehmer und Arbeitgeber müssten sich dabei aber immer auf Augenhöhe begegnen, mahnt Weber.

Solange flexible Arbeitszeitmodelle unter fairen Bedingungen ablaufen und zu nachhaltigem Erfolg führen, können Konzepte, die dem von Trivago im Grundsatz ähneln, ein interessanter Zukunftsansatz für Unternehmen sein: Mit unbegrenztem Urlaub und keinen festen Arbeitszeiten für volle Kreativität.

Heutige Arbeitszeitmodelle im Überblick 

Hier stellen wir kurz und bündig die heutigen flexiblen Arbeitszeitmodelle vor. Laut Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung(IAB), nimmt der Bedarf an Flexibilität zu.

Teilzeit: Bei der klassischen Teilzeit wird die tägliche Arbeitsdauer stundenweise reduziert, dabei gehen die Arbeitnehmer üblicherweise fünf Tage arbeiten. Die Form ist für den Arbeitgeber durch die regelmäßige Verteilung leicht umzusetzen.

Dagegen erlaubt die völlig flexible Teilzeit, die Wochenarbeitszeit an zwei oder bis zu fünf Tagen abzuleisten. Auch die tägliche, wöchentliche und monatliche Stundenanzahl können sich unterscheiden.

Darüber hinaus gibt es das Konzept "Jobsharing". Hier teilen sich zwei Arbeitnehmer eigenverantwortlich eine Stelle. Das kann eine persönliche Flexibilität ermöglichen.

Ein weiteres Modell ist die unsichtbare Teilzeit. Hier arbeiten die Berufstätigen Vollzeit, werden aber nur Teilzeit bezahlt. Der Unterschied wird entweder als Zeit- oder als Geldguthaben auf einem Langzeitkonto angehäuft. So können unter anderem mehrmonatige Urlaubsphasen möglich sein.

Bei "Teilzeit Team" legt der Arbeitgeber fest, wie viele Mitarbeiter wann anwesend sein müssen. Im Team besprechen die Teilnehmer dann die jeweiligen Arbeitszeiten untereinander.

Zum Ausgleich von Über- beziehungsweise Unterbelastung dient "Teilzeit Saison". In Hochphasen sind Arbeitnehmer beschäftigt, bei geringer Auslastung haben sie frei.

Bei der Beschäftigungsmöglichkeit "Teilzeit Home" erledigen Arbeitnehmer die Aufgaben nach vereinbarten Zeiten Zuhause und stellen eine Erreichbarkeit per Telefon und/oder E-Mail sicher.

Schichtarbeit: Hier verrichten Berufstätige die Arbeit zu unterschiedlichen Tageszeiten, je nach Lage im Tagesablauf wird sie als Früh-, Tages-, Spät- oder Nachtschicht deklariert.

Gleitzeit: Innerhalb eines festgelegten Rahmens wählen Arbeitnehmer den Anfang und das Ende der Arbeitszeit selbst aus.

Telearbeit: Bei diesem Modell erledigen die Bediensteten ihre Arbeit komplett oder in Teilen außerhalb der Betriebsstätte. Dabei ist der Arbeitnehmer telefonisch und per E-Mail erreichbar.

Arbeit auf Abruf: Diese Form richtet sich nach den benötigten Kapazitäten. Nur gebrauchte Arbeit wird geleistet und entsprechend bezahlt.

Amorphe Arbeitszeit: Sehr flexibel erweist sich diese Variante: Ein zu schaffendes Arbeitsvolumen innerhalb eines festgelegten Zeitraums wird bestimmt.

Altersteilzeit: Hierbei wird die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit um die Hälfte verringert, dadurch ist ein gleitender Übergang in den Ruhestand gewährleistet.

Vertrauensarbeitszeit: Arbeitnehmer leisten hier das vertraglich vereinbarte Arbeitsvolumen, ohne dass die Arbeitszeit kontrolliert wird.

Minijob: Ein Minijob liegt vor, sobald der monatliche Bruttoverdienst 400 Euro nicht übersteigt.

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