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Trockeneis-Mangel: „Picnic“ schränkt Tiefkühlprodukte ein

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Archivbild. Ein Engpass beim Trockeneis führt beim Lebensmittel-Lieferdienst Picnic zu Einschränkungen bei Tiefkühlkost.

Archivbild. Ein Engpass beim Trockeneis führt beim Lebensmittel-Lieferdienst Picnic zu Einschränkungen bei Tiefkühlkost.

Foto: picnic berlin

Düsseldorf.  Der Lieferdienst Picnic kann derzeit mancherorts keine Tiefkühlprodukte liefern. Grund sei ein Mangel an Trockeneis. Der betrifft viele Branchen.

Die tropische Hitze hat sich in NRW vorerst verabschiedet, dennoch gibt es Probleme, die mit Eis zu tun haben: Trockeneis-Hersteller berichten, dass sie derzeit kaum noch produzieren können. Der Grund: Es mangelt an dem notwendigen Grundstoff flüssiges Kohlendioxid. Das wirkt sich aktuell auf viele Bereiche in Industrie und Lebensmittelhandel aus.

Der Lieferdienst „Picnic“ teilte jüngst Kunden in Essen mit, dort könnten aktuell keine Tiefkühlprodukte ausgeliefert werden. „Aktuell planen wir von Tag zu Tag mit den reduzierten Mengen, die wir geliefert bekommen und verteilen diese an die Fulfillment-Center in Viersen, Herne und Langenfeld“, teilte eine Sprecherin auf Anfrage mit. Tiefkühlprodukte machten bei Picnic rund fünf bis acht Prozent der bestellten Produkte aus. „Der größte Anteil sind frische Produkte, die wie gewohnt weiter ausgeliefert werden“, sagt die Sprecherin.

Produktions-Engpass bei flüssiger Kohlensäure

„Trockeneis ist in vielen Industriebereichen notwendig, von Autozulieferern bis hin zu Lebensmittelproduktion und -handel“, berichtet Alexander Böhm vom Unternehmen Pro-Trockeneis in Wachtberg bei Bonn. Grundstoff für die Trockeneisproduktion ist CO2 - Kohlendioxid. In flüssiger Form ist diese Kohlensäure Ausgangsstoff für Trockeneis. CO2 aber ist nur ein Nebenprodukt, etwa aus der Düngemittel-Produktion, die aber gerade Saison-Pause habe, sagt Böhm.

Der Chemie-Konzern BASF bestätigt, es habe „vor kurzem eine kurzfristige Produktionsunterbrechung“ gegeben, „die aber wieder behoben ist“, teilt eine Sprecherin auf Anfrage mit. CO2 fällt in chemischen Prozessen als Nebenprodukt an und wird teilweise bei internen Produktionsprozessen weiterverarbeitet, erklärt die Sprecherin. „Für die Herstellung von flüssigem CO2 („Kohlensäure“) kommen aufgrund der hohen Qualitäts- und Reinheitsanforderungen nur bestimmte Prozesse in Frage, außerdem wird das CO2 zusätzlich aufgereinigt. Aus diesem Grund kann die Produktion nicht kurzfristig erhöht werden.“

Trockeneis wird nicht nur in der Logistik genutzt

Bei Picnic wird das Trockeneis für die Transportkühlung von Tiefkühlware wie Pizza oder Eis verwendet, sagt die Sprecherin. Aber auch in der Lebensmittelproduktion ist Trockeneis nicht wegzudenken, erklärt Produzent Daniel Mattews aus Ostbevern: In Bäckereien werde damit die Temperatur in Teigmisch- oder Rührmaschinen günstig gehalten, auch bei maschinellen Vorgängen in der Fleischverarbeitung werde Trockeneis hinzugefügt. Da Trockeneis, das -78,5 Grad kalt ist, den Vorteil hat, dass es sich beim Tauen rückstandsfrei verflüchtigt, erklärt Mattews. Und: Auch als Reinigungsmittel ist Trockeneis im Einsatz.

„Wir haben aktuell keine Einschränkungen in der Verfügbarkeit von Trockeneis und damit auch keine Auswirkungen für den Kunden“, teilt unterdessen die Lebensmittelkette Rewe mit. Dass es an Trockeneis mangele sei ein wiederkehrendes Saison-Problem im Sommer, erklärt ein Sprecher: „Wir haben uns auf mögliche Engpässe eingestellt und arbeiten mit mehreren Lieferanten zusammen“, sagt er. Bei BASF bestätigt die Sprecherin: „Der Bedarf an Kohlensäure schwankt stark saisonal und ist insbesondere in den Sommermonaten immer höher, so dass es auch in den vergangenen Jahren im Markt immer mal wieder zu einer Knappheit an Kohlensäure gekommen ist.“

Trockeneis-Produzent kann derzeit nur Stammkunden beliefern

Andere Unternehmen haben offenbar Schwierigkeiten, berichtet Daniel Mattews. Viele Unternehmen suchten derzeit händeringend nach Trockeneis, darunter etwa ein Hundefutterproduzent, der um zehn Tonnen Trockeneis je Woche angefragt habe. „Doch wir können derzeit leider nur Stammkunden beliefern, so gut es geht“, sagt Mattews.

„Der Bedarf an Kohlensäure schwankt stark saisonal und ist insbesondere in den Sommermonaten immer höher, so dass es auch in den vergangenen Jahren im Markt immer mal wieder zu einer Knappheit an Kohlensäure gekommen ist“, sagt die BASF-Sprecherin.

Impfzentren haben Vorrang

Bei Picnic hofft man, dass sich die Lage bald bessert: Man stehe im engen Austausch mit den Lieferanten und verstehe natürlich, „dass der medizinische Bedarf Priorität hat“, sagt die Sprecherin. Dazu gehören wegen der Corona-Pandemie derzeit auch die Impfzentren und die Kühl-Logistik um die besonders zu behandelnden mRNA-Impfstoffe von Moderna und Biontech/Pfizer.

Gleichwohl sei das nicht der Grund für den aktuellen Engpass, glaubt Trockeneis-Produzent Alexander Böhm: „Wenn alles normal läuft, kann auch alles beliefert werden“ - auch neue Nachfrage-Bereiche, wie Impfzentren und die Kühl-Logistik der Impfstoff-Lieferungen. Fehle es hingegen an CO2, breche die Trockeneis-Produktion ein.

Einen gravierenden Engpass habe es bei flüssiger Kohlensäure zuletzt im Sommer 2018 gegeben, erinnert sich Böhm. Über mehrere Wochen habe es dort bundesweit keine Vorräte mehr gegeben, weil in dem Hitze-Sommer gleich mehrere Produktionsstätten für CO2 in Deutschland ausgefallen waren.

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