Konzernkrise

Thyssenkrupp – Krupp-Nachfahre tief besorgt um den Konzern

Thyssenkrupp: Hauptversammlung am Freitag in Bochum

Auf der Thyssenkrupp-Hauptversammlung am Freitag muss der Vorstand den Aktionären Rede und Antwort stehen. Im Vorhinein gibt es Kritik.

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Essen.  Bei Thyssenkrupp hagelt es vor der Hauptversammlung Kritik am Management. Auch Krupp-Nachfahre Friedrich von Bohlen und Halbach schlägt Alarm.

Vor der Hauptversammlung von Thyssenkrupp am Freitag in Bochum wird heftige Kritik an der Konzernführung laut. Mehrere Aktionärsvertreter wollen ein Zeichen setzen und dem Aufsichtsrat das Vertrauen entziehen, indem sie dem Gremium eine Entlastung verweigern. Es gehe um ein Signal, sagt Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). In dem Thyssenkrupp-Kontrollgremium herrsche offenbar Orientierungslosigkeit, die zu sehr kostspieligen Personalwechseln und einem strategischen Zickzackkurs geführt habe.

Christian Strenger, Gründungsmitglied der Corporate-Governance-Kommission, hat ebenfalls beantragt, den Thyssenkrupp-Aufsichtsratsmitgliedern für das zurückliegende Geschäftsjahr keine Entlastung zu gewähren. Seine Kritik richtet sich insbesondere gegen die frühere Aufsichtsratschefin Martina Merz, die mittlerweile die Führung des Vorstands übernommen hat, sowie gegen Krupp-Stiftungschefin Ursula Gather und den langjährigen Cevian-Manager Jens Tischendorf. Die Krupp-Stiftung und Cevian sind die beiden größten Aktionäre des Essener Industriekonzerns. „Vor zwölf Monaten hatte ich die Großaktionäre dringend darum gebeten, endlich Ruhe im Unternehmen einkehren zu lassen“, sagt Strenger unserer Redaktion. „Vergeblich gehofft: unterirdische Ergebnisse und der Abstieg in die zweite Dax-Liga zeigen weiterhin ein früheres Weltunternehmen in Aufruhr.“

Krupp-Nachfahre: „Nach wie vor keine wirkliche Strategie erkennbar“

Auch der Krupp-Nachfahre Friedrich von Bohlen und Halbach äußert sich besorgt. „Die Situation bleibt schwierig. Es ist nach wie vor keine wirkliche Strategie erkennbar“, sagt der Enkel der einstigen Firmeneigentümerin Bertha Krupp unserer Redaktion. „Alles dreht sich um den Verkauf der Aufzugssparte – und was dann?“ Es sei nicht erkennbar, wie die Transformation in einen modernen Technologiekonzern funktionieren solle, wenn nach dem Verkauf der Aufzugsparte erst einmal ein operativer Verlust drohe. Die Aufzugsparte liefert derzeit einen Großteil der Gewinne, während die Geschäfte mit Stahl, Autoteilen und Industrieanlagen unter Druck geraten sind. Unter dem Strich verbucht Thyssenkrupp Verluste.

Friedrich von Bohlen und Halbach sieht insbesondere die Krupp-Stiftung in der Pflicht, die größte Aktionärin des Traditionskonzerns mit einem Anteil von rund 21 Prozent. „Wir vermissen nach wie vor eine klare Positionierung der Stiftung für die Zukunft des Unternehmens, für dessen schwierige Situation sie ja wesentlich verantwortlich ist“, kritisiert der Krupp-Nachfahre. „Wir erwarten deshalb jetzt von der Stiftung endlich die Klarheit, Positionierung und den Einsatz, um den weiteren Verfall, ja vielleicht sogar den Untergang des Unternehmens aufzuhalten und umzukehren.“

Aufsichtsratsexperte legt Krupp-Stiftungschefin Gather Rücktritt nahe

Peter Dehnen, Vorstandsvorsitzender der Vereinigung der Aufsichtsräte in Deutschland (VARD), legt Krupp-Stiftungschefin Gather sogar einen Rücktritt aus dem Kontrollgremium des Konzerns nahe. „Gerade in Krisenzeiten braucht ein Unternehmen unabhängige Kompetenz im Aufsichtsrat“, sagt Dehnen. Zu viel Nähe zwischen einzelnen Großaktionären und Aufsichtsratsmitgliedern verstoße gegen die Grundprinzipien guter Unternehmensführung. „Somit wäre eine Nicht-Entlastung tatsächlich ein wichtiges Signal“, bemerkt Dehnen mit Blick auf die anstehende Abstimmung während der Thyssenkrupp-Hauptversammlung. „Da stellt sich dann auch die Frage, warum Frau Gather an Ihrem Posten festhält.“

DSW-Hauptgeschäftsführer Tüngler geht ebenfalls mit der Krupp-Stiftung hart ins Gericht. „Unternehmen sind meist nur so stark, wie sich ihre Aktionäre stabil und zuverlässig zeigen. Gerade von der Stiftung habe ich da schlichtweg zu wenig beziehungsweise gar nichts gehört oder gesehen. Im Gegenteil, ich erkenne die Handschrift oder die unternehmerische Vision der Stiftung schon lange nicht mehr“, sagt Tüngler. „Das ist sehr bedauerlich. Thyssenkrupp hätte einen starken, ruhigen und bedachten Großaktionär sehr gebrauchen können und verdient.“

Für Thyssenkrupp stehe nun viel auf dem Spiel, mahnt Tüngler. „Wir sehen uns in einer Situation wieder, in der die guten Optionen alle ausgestorben sind. Alles was nun kommt, schmerzt enorm“, sagt er. „Der Verkauf von Elevator verschafft dem Konzern drei bis vier Jahre Zeit. Die muss man dann aber auch nutzen. Ein ,Weiter so‘ führt zwangsläufig zum Untergang.“

Kone bietet angeblich 17 Milliarden Euro für Sparte Elevator

Als möglicher Käufer der Thyssenkrupp-Aufzugsparte hat sich der finnische Konkurrent Kone in Stellung gebracht. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg, die sich auf Insider beruft, bietet Kone zusammen mit dem Finanzinvestor CVC rund 17 Milliarden Euro. Auch die Essener RAG-Stiftung ist in das Bieterrennen eingestiegen. Dem Vernehmen nach beteiligt sich die Stiftung mit weiteren Investoren an einem Bieterkonsortium, das von den Finanzinvestoren Advent und Cinven geführt wird. Neben einem Verkauf lotet Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz auch die Chancen für einen Börsengang der Aufzugsparte aus.

IG Metall betont, die Höhe des Kaufpreises dürfe bei der Entscheidung zur Zukunft von Thyssenkrupp Elevator nicht den Ausschlag geben. Entscheidend seien Sicherheiten für Beschäftigte, Standorte und die übrigen Teile des Stahl- und Industriekonzerns, sagt der nordrhein-westfälische IG Metall-Chef Knut Giesler.

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