Klinik-Studie

Studie über Mängel in NRW-Kliniken sorgt für Aufregung

Bei Frühgeburten sollte immer ein Kinderarzt anwesend sein.

Bei Frühgeburten sollte immer ein Kinderarzt anwesend sein.

Foto: Britta Pedersen, dpa

Ruhrgebiet.   Eine Liste weist Mängel in 17 NRW-Kliniken aus. Die Krankenhäuser wehren sich aber gegen die Bewertungen. Die Krankenkassen fordern Konsequenzen.

Eine bundesweite Studie, die Mängel in den Krankenhäusern aufdecken will, sorgt vor allem in NRW und im Ruhrgebiet für Wirbel. Betroffene Kliniken wehren sich, Krankenkassen fordern die Landesregierung auf, Konsequenzen zu ziehen, das NRW-Gesundheitsministerium will die Ergebnisse erst genauer prüfen. Das ist gar nicht so leicht, wie Stichproben dieser Zeitung zeigen.

Die Studie sammelt Daten darüber, ob bei bestimmten Eingriffen vorgesehene Standards eingehalten wurden. So soll ein Notkaiserschnitt nicht länger als 20 Minuten dauern, bei Frühgeburten ein Kinderarzt anwesend sein und zuvor eine Lungenreifeprüfung erfolgen. Bei Brustkrebs-OPs fordert der Gemeinsame Bundesausschuss – die Selbstverwaltung der Ärzte und Kliniken – Gewebeproben im markierten Bereich während der OP per Ultraschall oder Röntgen zu untersuchen, um festzustellen, ob das kranke Gewebe vollständig entfernt wurde. Gewebeuntersuchungen werden auch bei Eierstock-Operationen empfohlen.

Krankenhäuser, in denen eines der Kriterien nicht oder zu selten erfüllt wurde, finden sich nun auf einer Liste mit bundesweit 73 Häusern, davon 17 in NRW.

„Wir haben eine bessere Methode als den Standard“

Nicht wenige fühlen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Etwa das St.-Johannes-Hospital in Dortmund: Es hat in keinem von 72 Fällen im dokumentierten Jahr 2017 bei den Brustkrebs-OPs die Standard-Untersuchung vorgenommen – der Statistik nach geht es nicht schlechter. Das Gegenteil ist nach Klinikangaben der Fall: „Wir können unseren Patientinnen zum Glück eine bessere Methode anbieten“, heißt es. Die Klinik verfüge über eine Rohrpost zur eigenen Pathologie, die noch während der OP Gewebeproben eingehender prüfe, als es jedes Ultraschall könnte.

Die Bochumer Augusta Krankenanstalt hat für einen Notkaiserschnitt länger als 20 Minuten gebraucht. Was die Statistik nicht weiß: Die Mutter hatte sich vehement gegen die OP gewehrt, wollte partout keinen Kaiserschnitt und musste erst überredet werden, so die Klinik. Die zwei Fälle zu langsamer Notkaiserschnitte im Herner Marienhospital waren eine Zwillingsgeburt, die 22 Minuten dauerte. Das Haus betont, die Dauer betrage durchschnittlich 14 Minuten.

Weitere Klinikbereiche sollen überprüft werden

Das Institut für Qualitätssicherung im Gesundheitswesen (IQTIK) hat für den Gemeinsamen Bundesausschuss allein die Abrechnungsdaten ausgewertet. Weitere Bereiche sollen hinzukommen – das ist Teil der von der Bundesregierung geforderten strengeren Qualitätskontrolle in den Kliniken. Der Bund wollte die Länder eigentlich auch verpflichten, die Ergebnisse zwingend in ihre Krankenhausplanung einzubeziehen. Was im Zweifel die Schließung ganzer Abteilungen oder Kliniken bedeuten kann. Berlin ließ aber eine Hintertür offen: NRW hat sie noch unter Rot-Grün als eines von sieben Bundesländern durchschritten und die sogenannte „Opt-out-Option“ gezogen, nach der die Ergebnisse nicht bindend sind.

Krankenkassen kritisieren das. Dirk Janssen, Vizechef des BKK-Landesverbands Nordwest, sagt: „Es hat einen schalen Beigeschmack, wenn ausgerechnet die Länder mit den häufigsten Qualitätsdefiziten sich aus der Verantwortung stehlen.“ Die Betriebskrankenkassen fordern die neue schwarz-gelbe Regierung auf, „die Fehlentscheidung der alten Landesregierung zu revidieren“.

Auf Anfrage teilte das NRW-Gesundheitsministerium mit, die Ergebnisse noch zu prüfen. Dabei werde geklärt, ob die Mängel inzwischen beseitigt seien. Erst dann könne entschieden werden, ob sie in der Krankenhausplanung berücksichtigt werden. Das Land behalte sich aber vor, selbst zu entscheiden, welche Indikatoren welche Folgen nach sich ziehen. Den schon von Rot-Grün abgelehnten Automatismus will demnach auch Schwarz-Gelb nicht.

Nur eine Brustkrebs-OP pro Jahr

Die Studie weist derweil nicht nur aus, wie häufig Standards ausblieben, sondern auch die absolute Zahl der Eingriffe. Die Fallzahlen sind in einigen Häusern sehr gering, in manchen fanden nur ein oder zwei Brustkrebs-OPs im ganzen Jahr statt. Im Duisburger Bethesda-Krankenhaus dagegen 194, wobei in 16 Fällen die Standard-Gewebeuntersuchung ausblieb. „Die Zahlen sind aus 2016, wir haben längst reagiert und sind bei 100 Prozent“, teilt die Klinik dazu mit.

Für BKK-Manager Janssen sind die Häuser mit wenigen Eingriffen das größere Problem: „Es gibt zu viele Häuser im Ruhrgebiet, die alles machen und deshalb zu wenig Erfahrungen in einzelnen Bereichen haben.“

>>> Info: Das Institut für Qualität und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG) hat die Daten von 1084 Krankenhäusern in Deutschland zu den beschriebenen Bereichen aus Gynäkologie, Geburtshilfe und Mammachirurgie ausgewertet. Tabellen und Erläuterungen im Internet auf: www.g-ba.de/informationen/beschluesse/3545

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben