Anschlag

Säureangriff Innogy-Manager - Strombranche in Schockstarre

Der Tatort wurde nach  dem Säureangriff großflächig abgesperrt.

Der Tatort wurde nach dem Säureangriff großflächig abgesperrt.

Foto: Bernd Thissen/dpa

Essen.   Der Säureangriff auf Finanzchef Günther hat nicht nur bei Innogy Entsetzen ausgelöst. Die Energiekonzerne haben die Sicherheitsmaßnahmen erhöht.

Im RWE-Turm, zugleich Sitz der Ökotochter Innogy, herrscht am Montag Fassungslosigkeit. Die Nachricht von dem folgenschweren Säureanschlag auf Innogy-Finanzchef Bernhard Günther hat Vorstand wie Mitarbeiter zutiefst schockiert – diese Worte werden immer wieder genannt in der gemeinsamen Zentrale. Nachdem Günthers Arbeitgeber am späten Sonntagabend die Identität des schwer verletzten Gewaltopfers bestätigt hatte, zeigte sich am Tag danach auch der Mutterkonzern „tief erschüttert über den hinterhältigen Anschlag“, wie es in einer Erklärung des RWE-Vorstands hieß.

„Unsere Gedanken sind jetzt bei Bernhard und seiner Familie. Wir wünschen ihm eine baldige Genesung“, erklärte RWE-Chef Rolf Martin Schmitz. Der Nachbar und Konkurrent Eon sendete ebenfalls Genesungswünsche an Günther und seine Familie. „Was für eine schreckliche Tat“, schrieb Eon-Chef Johannes Teyssen zudem im internen Firmennetz.

Polizei nimmt sich alte Akten wieder vor

Innogy und RWE betonten, über die Hintergründe der Tat keinerlei Informationen zu haben. Medien spekulierten über eine Verbindung zu den Protesten gegen den RWE-Braunkohletagebau im Rheinischen Revier. Die Polizei wiederholte am Montag nur, „in alle Richtungen“ zu ermitteln. Sowohl private als auch berufliche Hintergründe der Tat werden geprüft.

Günther wurde am Sonntag in seinem Villenviertel in Haan angegriffen und mit Säure überschüttet. Der Finanzmanager erlitt dabei lebensgefährliche Verletzungen, ist inzwischen laut Polizei in schlechtem, aber stabilem Zustand.

Die bisherigen Angaben zu den beiden 20- bis 30-jährigen Tätern stammen von Günther selbst, der sich nach der Tat noch in sein Haus schleppen, um Hilfe rufen und kurz mit der Polizei sprechen konnte. Der 51-jährige Familienvater wurde von Helfern in Schutzanzügen behandelt und mit dem Hubschrauber in eine Spezialklinik gebracht. Eine ausführliche Vernehmung sei danach nicht mehr möglich gewesen, erklärte die Polizei gestern auf Anfrage. Sie bestätigte, dass Günther an seinem Wohnort vor Jahren bereits einmal Opfer einer Gewalttat geworden war. Seinerzeit sei er überfallen und zusammengeschlagen worden. Man schaue sich die alten Akten nun noch einmal an.

Täter waren unmaskiert

Der Hergang der Tat drängt einen Zusammenhang mit dem Braunkohlegeschäft des Mutterkonzerns RWE nicht auf. Von den Braunkohlegegnern sind keine auch nur anähernd vergleichbaren Taten bekannt. Im Zuge der Rodungen im Hambacher Forst für den Tagebau kam es zwar auch zu teils gewaltsamen Auseinandersetzungen, aber nie zu gezielten Angriffen auf eine bestimmte Person. Und während im Rheinischen Revier gewaltsame Demonstranten sich in der Regel vermummen, waren die Täter von Haan laut Polizeiangaben unmaskiert.

Auch andere Spekulationen etwa über eine Erpressung oder aber den Versuch, den Aktienkurs des im MDax notierten Energieunternehmens zu beeinflussen und damit Spekulationsgewinne zu erzielen, ließen sich nicht erhärten. Eine versuchte Marktmanipulation nach unten wäre auch ins Leere gegangen – die Aktien der Energieunternehmen legten am Montag deutlich zu, weil die Finanzmärkte das Ja der SPD-Basis zur Großen Koalition als gute Nachricht für die Stromriesen werteten.

Sicherheitsmaßnamen für Führungskräfte erhöht

Den Angriff auf Günther klassifiziert die Mordkommission „Säure“ inzwischen als versuchten Mord, nachdem am Sonntag von versuchtem Totschlag die Rede war.

Gerade aus dieser Unsicherheit bezüglich des Motivs heraus verstärkten alle Energiekonzerne von Eon über EnBW bis zu RWE und Innogy sofort die Sicherheitsmaßnahmen für ihre Führungskräfte. Bei RWE hieß es, das Sicherheitskonzept werde „immer an die aktuelle Sicherheitslage angepasst“.

Hans Bünting übernimmt die Aufgaben

In der Konzernzentrale sitzt der Schock ob der Grausamkeit der Tat tief. Gleichwohl muss das börsennotierte Unternehmen zu jeder Zeit handlungsfähig bleiben. Innogy bestätigte am Montag, die Bilanzpressekonferenz solle wie geplant am nächsten Montag stattfinden.

Nachdem die RWE-Tochter im Dezember ihren Chef Peter Terium vor die Tür gesetzt hatte, war es vor allem an Günther, den Überblick zu behalten. Kommissarisch führt seitdem Personalchef Uwe Tigges die Geschäfte, ein Nachfolger für Terium ist noch nicht in Sicht und offen, ob er bis zur Hauptversammlung im April gefunden wird.

Auf den Finanzchef kommt es in solchen Übergangsphasen besonders an. Zunächst übernimmt Günthers Vorstandskollege Hans Bünting dessen Aufgaben.

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