Supermarkt

So fiel das Netz auf versteckte Edeka-Werbung herein

Foto: Sascha Müller / BM

Hamburg  Im Internet sorgt ein Supermarkt für Furore, der gegen Rassismus protestiert. Tatsächlich handelt es sich um eine Kampagne für Edeka.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Falsche Bescheidenheit ist nicht die Sache von Kai Sehr. Der preisgekrönte Werbefilmregisseur, der auch für die Ärzte, die Backstreet Boys und Herbert Grönemeyer Musikvideos drehte, hat für die Hamburger Werbefilmproduktionsgesellschaft Markenfilm ein 25-seitiges Konzept entwickelt, das deren Kunden Edeka in das allerbeste Licht rücken soll. Und was kann man über Sehrs Konzept sagen, das dieser Zeitung vorliegt? Es „ist wirklich fantastisch“. Das schreibt zumindest dessen Autor bereits auf Seite fünf.

Im Kern geht es in dem Konzept darum, aus einem Edeka-Markt „sämtliche ausländischen Produkte aus den (...) Regalen für einen Tag“ zu „entfernen“. Sehr versteht die Aktion als „zutiefst beeindruckende Metapher für das, was wir in unserer Gesellschaft, sprich in Deutschland, verlieren, wenn wir auf Vielfalt verzichten“. Da die Kampagne „kurz vor der Bundestagswahl“ gestartet werde, habe sie einen „politischen Hintergrund“, der aber „mit einer charmanten Lässigkeit“ daherkomme.

Gedreht wurde der Werbefilm vergangenes Wochenende in der Edeka-Filiale in der Hamburger Hafencity. Aus ihr wurden, wie Sehrs Konzept es vorsieht, alle ausländischen Produkte entfernt. Dafür standen in den Regalen Schilder mit Aufschriften wie „Wir wären ärmer ohne Vielfalt“. Statt des Personals bedienten laut Konzept „größtenteils Schauspieler“ die Kunden. Letztere waren zum Teil echt, zum Teil Komparsen. Sehr befürchtete, dass die richtigen Kunden nicht so reagieren würden wie erhofft. Deshalb sollten die Komparsen „als Lockvögel (...) die ersten sein“, die Edeka-Mitarbeiter ansprechen, „was dann dazu führt, dass (...) andere folgen und ebenfalls auf (...) Mitarbeiter einreden“.

Viele Medien stiegen voll auf die Kampagne ein

Noch am Sonnabend tauchten in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook Mitteilungen von Nutzern auf, die über einen Supermarkt berichteten, der mit leeren Regalen eine „Aktion gegen Rassismus“ mache.

Möglich, dass einige dieser Posts von echten Kunden stammten. Bei der Flut von Mitteilungen liegt jedoch die Vermutung nahe, dass es sich hier um eine sogenannte virale Kampagne handelte, die auf den ersten Blick nicht als Werbung zu erkennen ist. In der Edeka-Filiale wurde ja nicht irgendein Clip mit versteckter Kamera gedreht. Mit Sehrs Film wird offenbar der neue Edeka-Slogan „Wir lieben Vielfalt“ präsentiert, der den alten Claim „Wir lieben Lebensmittel“ ergänzen, wenn nicht gar ersetzen soll. Federführend ist dabei die Hamburger Agentur Jung von Matt, die zu dem Thema, ebenso wie Markenfilm, jede Stellungnahme ablehnt.

Viele Medien stiegen voll auf die Kampagne ein. Ohne die Hintergründe zu kennen, berichteten stern.de, das „Spiegel“-Jugendportal Bento, RTL, aber auch das Portal „Der Westen“, das wie unsere Redaktion zur Funke Mediengruppe gehört, über den Supermarkt in der Hamburger Hafencity. Auch Politiker beteiligten sich via Twitter an der Debatte: Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner lobte: „Kluge Aktion zum Nachdenken/Innehalten.“ AfD-Mann Marcus Pretzell konterte erwartungsgemäß: „Warum genau soll das klug sein? Ist das nicht eher völlig irre?“ Wohl keiner von beiden wusste, dass sie Teil einer Werbe-Inszenierung waren.

Virale Kampagnen werden bei Werbeagenturen immer beliebter

Virale Kampagnen erfreuen sich in der Werbung immer größerer Beliebtheit. Eine der ersten hierzulande hieß „Horst Schlämmer macht Führerschein“. Die DDB Group Germany hatte vor gut zehn Jahren auf Youtube Videos eingestellt, die den von Hape Kerkeling verkörperten Chefreporter des fiktionalen „Grevenbroicher Tageblatts“ bei Fahrstunden auf einem VW Golf zeigen. Erst sehr viel später wurde klar, dass die Videos im Auftrag von VW gedreht worden waren. Die Kampagne erhielt zahlreiche Auszeichnungen.

Auf Anfrage teilt Edeka mit, dass „ein Video“ in Vorbereitung sei: Man habe „während der Aktion auch Aufnahmen mit der Kamera gemacht“. Nun ja, laut Sehr waren mindestens zwölf Kameras im Einsatz. Von einem „großen Soundeffekt“ und einem „großen Banner“ im Kassenbereich ist die Rede. Kein Zweifel: In diesem Werbefilm will es Edeka so richtig krachen lassen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (36) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik