Personalie

Relotius-Affäre: Förderer dürfen beim „Spiegel“ bleiben

„Spiegel“-Journalist Ullrich Fichtner.

„Spiegel“-Journalist Ullrich Fichtner.

Foto: Der Spiegel / DER SPIEGEL

Hamburg  Die „Spiegel“-Männer Fichtner und Geyer waren Förderer des Fälschers Relotius. Deshalb rückten sie nicht in die Chefredaktion auf.

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Die „Spiegel“-Redakteure Ullrich Fichtner, zuletzt Reporter in Paris, und Matthias Geyer, Leiter des Gesellschaftsressorts, werden entgegen ursprünglichen Plänen nicht befördert. Fichtner sollte Chefredakteur, Geyer Blattmacher werden. Beide gelten als Förderer von Claas Relotius, der bis Ende 2018 55 komplett oder teilweise gefälschte Texte im „Spiegel“ veröffentlichte.

Die Entscheidung, Fichtner und Geyer nicht zu befördern, wollte der geschäftsführende Chefredakteur Steffen Klusmann eigentlich auf Grundlage des Zwischenberichts einer dreiköpfigen Prüfkommission zur Relotius-Affäre treffen.

Fichtner wird Reporter mit besonderen Aufgaben

Am Mittwochmorgen um 9:30 Uhr erfuhr die Reaktion des „Spiegel“, dass sie statt drei Chefredakteuren bis auf Weiteres nur einen Redaktionsleiter haben wird. Eigentlich sollte bereits seit dem 1. Januar ein Triumvirat bei dem Nachrichtenmagazin das Sagen haben: Doch Chefredakteurin Barbara Hans meldete sich in Elternzeit ab.

Und ihr Kollege Ullrich Fichtner, bisher Reporter in Paris, konnte seinen neuen Job nicht antreten. Er gilt als Förderer von Claas Relotius, jenes „Spiegel“-Redakteurs, der dem Blatt 55 komplett oder teilweise gefälschte Artikel unterschob. Der verbliebene Chefredakteur, Steffen Klusmann, wollte über Fichtners Schicksal auf Basis des Zwischenberichts einer dreiköpfigen Prüfkommission befinden.

Hintergrund: So läuft die Aufklärung beim „Spiegel“ im Fall Relotius

„Einvernehmen mit der Chefredaktion“

Das hat er nun getan. Das Ergebnis: Fichtner wird nicht Chefredakteur. Aber nicht etwa weil er sich irgendeiner Verfehlung schuldig gemacht hätte. Ihn treffe „keine persönliche Schuld an den Betrugsfällen“, sagte Klusmann. Auch Matthias Geyer, der zum Blattmacher befördert werden sollte und Relotius’ direkter Vorgesetzter war, habe sich nichts zuschulden kommen lassen.

Dennoch verzichteten die beiden Relotius-Förderer „in Einvernehmen mit der Chefredaktion“, wie es in einer Presseerklärung heißt, auf ihre neuen Jobs. Geyer legt zudem die Leitung des Gesellschaftsressort nieder, für das Relotius arbeitete – und zwar „auf eigenen Wunsch“. Dies täten Fichtner und Geyer, so Klusmann aus „Verantwortung, um den hohen Maßstäben gerecht zu werden, die wir auch an andere anlegen“.

Geyer soll Aufklärungsarbeit eines Reporters behindert haben

Trifft die beiden an der Affäre tatsächlich keine Schuld? Geyer wurde zumindest vorgeworfen, den „Spiegel“-Reporter Juan Moreno, der als erster Relotius‘ Fälschungen entdeckte, bei dessen Aufklärungsarbeit behindert zu haben. Und Fichtner war zuletzt durch seltsame Thesen aufgefallen: Er hatte im Zusammenhang mit der Relotius-Affäre geschrieben, ein „Spiegel“-Ressortleiter stelle sich nicht zuerst die Frage „Stimmt das alles auch?“, sondern achte vor allem auf „Dramaturgie“ und „stimmige Sprachbilder“.

Und am Freitag meldete das Abendblatt, dass Fichtner 2016 gesagt hatte, um zu vermeiden, dass sich ähnliche Zitate unterschiedlicher Personen in einem Text wiederholen, behelfe er sich damit, „dass ich inhaltliche Sachen zusammenziehe auf eine Figur“. Im Nachhinein wollte er das so verstanden wissen, dass er als Erzähler Fakten und Meinungen unterschiedlichster Quellen zusammenfasse. Nicht gemeint sei, dass er verschiedene Personen zu einer verdichte.

• Hintergrund:

Widerstand war groß – Grund für Entscheidung?

In Redaktionskreisen heißt es, Geyer habe als Relotius’ direkter Vorgesetzter unmöglich befördert werden können. Auch als Gesellschaftsressortleiter sei er nicht zu halten gewesen. Komplizierter sei es im Fall Fichtner gewesen: Ihn habe Klusmann unbedingt zum Chefredakteur machen wollen.

Dabei sei er sich der Unterstützung von Geschäftsführer Thomas Hass sicher gewesen. Allerdings habe es in der Redaktion und nicht zuletzt in der Geschäftsführung der Mitarbeiter KG, dem mächtigen Hauptgesellschafter des „Spiegel“, großen Widerstand gegen einen möglichen Chefredakteur Fichtner gegeben. Hat der Reporter, der einst als Ressortleiter des Gesellschaftsressorts Relotius zum „Spiegel“ holte, deshalb auf den Job verzichtet?

Kein harter Aufprall für die Förderer

Beide Relotius-Förderer fallen weich: Fichtner wird künftig als Reporter mit besonderen Aufgaben direkt an die Chefredaktion angebunden sein. Er soll Titelgeschichten konzipieren und verfassen und im Auftrag der Chefredaktion große Projekte vorantreiben. Geyer wird sich als Redakteur für besondere Aufgaben, ebenfalls in direkter Anbindung an die Chefredaktion, insbesondere um die Textqualität kümmern.

Damit bleibt der ehemalige Dokumentar des „Spiegel“-Gesellschaftsressorts, für das Relotius arbeitete, der einzige Mitarbeiter des Nachrichtenmagazins, der im Zuge der Affäre seinen Job verlor. Möglich ist zudem, dass die Affäre auch für den Leiter der „Spiegel“-Dokumentation Konsequenzen hat. Darüber entscheidet Geschäftsführer Hass allein, dem diese Abteilung direkt untersteht.

Probleme könnte es geben, wenn Ersatz für Fichtner berufen wird. Klusmann will über diese Personalie allein entscheiden. Das dürfte kaum nach dem Geschmack der Mitarbeiter KG sein, die bei der Berufung von Chefredakteuren gern ein Wörtchen mitspricht.

• Hintergrund:

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