Energiewende

Öko-Strom: Warum eine zweite Solar-Revolution bevorsteht

In Deutschland sollen wieder Solarzellen hergestellt werden. Die Schweizer Meyer Burger Technology AG plant die Wiederaufnahme der Produktion.

In Deutschland sollen wieder Solarzellen hergestellt werden. Die Schweizer Meyer Burger Technology AG plant die Wiederaufnahme der Produktion.

Foto: Frank Bienewald/imageBROKER/Shutterstock

Berlin.  Laut Plänen der Bundesregierung sollen Mieter zukünftig leichter Zugang zu Solarstrom bekommen. Kommt eine zweite Solar-Revolution?

  • Nach der Pleitewelle der europäischen Solarindustrie soll der Wirtschaftszweig erneut gestärkt werden
  • So will ein Schweizer Unternehmen die Produktion von Photovoltaik-Modulen wieder aufbauen
  • Auch Wirtschaftsminister Altmaier will mit einem neuen Gesetz einen neuen Impuls für mehr Solarenergie in den Städten setzen
  • Ist die Zukunft der Photovoltaik in Deutschland rosig?

Das „Solar Valley“ in Bitterfeld-Wolfen entwickelte sich nach der Jahrtausendwende zum Herz der europäischen Solarindustrie. Dann löste die harte Konkurrenz aus Asien mit Dumpingpreisen eine Pleitewelle aus, die den Industriezweig aus Deutschland fegte.

Zehn Jahre danach steht Deutschland vor der zweiten Solar-Revolution: Ein Schweizer Unternehmen will die Produktion von Photovoltaik-Modulen im großen Stil aufbauen, die Politik bereitet eine Solar-Offensive in den Städten vor, und auch der Ölriese Shell dringt in das Geschäft mit der Sonnenenergie vor.

Solar-Strom: Schweizer Firma will Produktion in Deutschland aufnehmen

Die zweite Solar-Revolution soll aus den Ruinen der einst so glänzenden Zukunftsbranche erwachsen. Die Schweizer Meyer Burger Technology AG hat bei seinen Aktionären gerade 165 Millionen Schweizer Franken (155 Millionen Euro) eingesammelt, um in den einstigen Hallen der pleitegegangenen Solarfirmen Sovello (Bitterfeld-Wolfen) und Solarworld (Freiberg in Sachsen) die Produktion wieder aufzunehmen. Bislang baut das Unternehmen Maschinen zur Herstellung von Solarzellen – jetzt will die Firma eben jene auch selbst fertigen.

„Bisher haben wir die eigentlich Wertschöpfung dann den Kunden überlassen“, sagt Geschäftsführer Gunter Erfurt. „Was wir tun, ist, genau diesen Mechanismus zu unterbrechen.“ 3000 Arbeitsplätze will das Unternehmen in den beiden ostdeutschen Städten schaffen.

Schon im ersten Halbjahr 2021 soll es wieder Solarzellen „Made in Germany“ geben. Firmenchef Erfurt sieht angesichts der Neuausrichtung der Wirtschaft nach der Corona-Krise in der Solarenergie „einen enormen Reiz“. Angestrebt wird eine jährliche Produktionskapazität von Modulen mit einer Gesamtleistung von 400 Megawatt, bis 2026 dann fünf Gigawatt.

Hausdächer bieten noch viel ungenutztes Potential

400 Megawatt – so groß soll eigentlich auch die Leistung der Solarzellen sein, die Jahr für Jahr auf den Dächern von Stadthäusern errichtet werden. Doch die Energiewende ist bislang nicht in den Metropolen angekommen. Anders als auf dem Land sind auf den meisten Hausdächern in den Städten kaum Solarzellen sehen.

Nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums waren auf Miethäusern in der ganzen Republik im vergangenen Jahr Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von 14 Megawatt installiert. Das entspricht gerade einmal fünf modernen Windrädern.

Hier liegt viel Potenzial brach, wenn der Staat in den nächsten 30 Jahren die Energieversorgung auf Ökostrom umstellen will. An Solarzellen auf dem Dach stört sich kaum einer – ganz im Gegensatz zu Diskussionen um zusätzliche Windparks.

Altmaier will Gesetzesentwurf für Mieterstrom vorlegen

Einen neuen Impuls für mehr Solarenergie in den Städten will Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) noch in diesem Sommer setzen und einen Gesetzentwurf vorlegen. Möglich und erwünscht ist ein jährlicher Zubau von 500 Megawatt Solar-Leistung auf den Hausdächern der Großstädte.

Bislang bremsten hohe Verwaltungskosten, viel Bürokratie nud eine zu geringe staatliche Förderung nahezu jede Initiative für Mieterstrom: Hausbesitzer müssen etwa komplizierte Pflichten als Energieversorger erfüllen. Künftig könnten etablierte Versorger die Abwicklung übernehmen.

Unternehmen aus dem Allgäu greift den Weltmarkt an

Auch bei einem anderen Problem der Energiewende, das mit dem wachsenden Ökostromanteil zunehmend zu Tage tritt, tut sich etwas. Je mehr Strom mit Wind und Sonne erzeugt wird, um so wichtiger wird das Thema Versorgungssicherheit. Darin sieht der Ölgigant Shell ein lohnendes Geschäftsfeld. Seit Februar 2019 gehört dem niederländischen Konzern die Sonnen GmbH, die Energiespeicher vor allem für Privathaushalte produziert.

Das vor zehn Jahren in Wildpoldsried im Allgäu gegründete Unternehmen kam im Jahr vor der Übernahme auf 85 Millionen Euro Umsatz und ist nach Angaben von Geschäftsführer Christoph Ostermann jährlich zweistellig gewachsen. Mit Shell im Rücken greift das Unternehmen jetzt den Weltmarkt an und nimmt vor allem Japan ins Visier. In Australien und den USA ist das Unternehmen schon länger aktiv.

Bei Kleinanlagen wird keine Ökostrom-Abgabe mehr fällig

Mit Solaranlagen lasse sich inzwischen Strom zu Kosten herstellen, wie es früher nur mit Großkraftwerken möglich war, sagt Ostermann unserer Redaktion. Nachdem die Entwicklung in den Anfangsjahren vor allem von der hohen Einspeisevergütung getrieben war, überwiege heute die Absicht eigenen grünen Strom zu erzeugen und zu verbrauchen.

Das ist attraktiv: Auf selbstproduzierten Strom wird bei Kleinanlagen für Privathaushalte keine Ökostrom-Abgabe fällig, was früher der Fall war. „Die Politik als Marktregulator hat verstanden, dass Energiespeicher eine Schlüsseltechnologie für das Gelingen der Energiewende sind“, sagt Ostermann.

Eon bietet ein virtuelles Stromkonto an

Gleichzeitig kann das Unternehmen mit seinen Stromspeichern in Privathäusern etwas zur Stabilisierung des Stromnetzes beitragen, wenn gerade keine Sonne scheint oder die Windräder stillstehen. „Da können wir mit Tausenden, virtuell zusammengeschlossenen Stromspeichern einspringen“, sagt Ostermann. Gleichzeitig könnten sich seine Kunden mit diesem virtuellen Kraftwerk gegenseitig mit Ökostrom versorgen.

Ähnliches bietet auch der Energiekonzern Eon mit seiner „Solar Cloud“ an, einer Art virtuelles Stromkonto. Hier wird Strom, der an sonnigen Tagen nicht direkt verbraucht und ins Netz eingespeist wird, auf einem Konto gutgeschrieben – und mit dem Bedarf an dunklen Herbsttagen verrechnet. Dem Versorger zufolge sei mit einer Solaranlage ohne Stromspeicher eine Eigenverbrauchsquote von einem Drittel möglich. Mit Batteriespeicher könne der Anteil auf 70 Prozent gesteigert werden.

Mehr zum Thema Energie:

Die Corona-Krise hat dazu geführt, dass Deutschland seine Treibhausgase schlagartig reduzieren konnte. Aber ist die Pandemie wirklich eine Chance für die Klimaziele? Es könnte auch anders kommen. Eine Sorge ist, dass der internationale Klimaschutz durch die Krise ausgebremst wird. Vor allem Immobilieneigentümer könnten von einer besseren Förderung nach der Krise profitieren. Zuletzt stieg der Strompreis an – lag das an Corona? Wer Strom sparen will, wechselt am besten regelmäßig den Anbieter. So klappt der Anbieterwechsel reibungslos.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben