Kraftwerksparte

„Null Verständnis für Kahlschlagspläne“ des Siemens-Chefs

Vor der Siemenszentrale protestierten Beschäftigte am Donnerstag gegen Stellenabbau.

Foto: Tobias Hase/dpa

Vor der Siemenszentrale protestierten Beschäftigte am Donnerstag gegen Stellenabbau. Foto: Tobias Hase/dpa

München/Mülheim.   Der Mülheimer Betriebsrat wirft Siemens-Chef Joe Kaeser „Kahlschlagspläne“ vor. Dabei machte der Konzern einen Rekordgewinn.

Siemens-Chef Joe Kaeser präsentiert am Donnerstagvormittag in München eine Rekordbilanz für das abgelaufene Geschäftsjahr. Doch die Mitarbeiter, die vor der Tür demonstrieren, warten einmal mehr auf Klarheit, wie es mit ihrer schwächelnden Kraftwerkssparte weitergehen soll. Am 16. November will Kaeser nun ein Konzept vorlegen und erklären, was sich wirklich hinter den von ihm angekündigten „tiefen Einschnitten“ verbirgt. Der Betriebsrat befürchtet, dass allein im Werk Mülheim bis zu 800 der 4500 Stellen gefährdet sein könnten.

Power & Gas, so heißt die Siemens-Sparte, kämpfe seit längerem mit „einem schwierigen Markt“ und „gewaltigen Verschiebungen“, sagt Kaeser. Wegen der wachsenden Bedeutung von erneuerbaren Energien rechnet er damit, dass es weltweit nur noch einen jährlichen Bedarf von 100 bis 120 großen Gasturbinen geben werde. Vor einigen Jahren seien es noch 400 gewesen.

Ergebnismarge liegt bei 10,3 Prozent

„Das ist nicht nur ein Siemens-Thema“, betont der Konzernchef im Hinblick auf seine Konkurrenten, die ebenfalls über Auftragsrückgänge klagen. „Siemens hat sich noch am besten gehalten. Vieles läuft sehr gut“, so Kaeser.

Wie gut die Kraftwerkssparte immer noch da steht, zeigen die Zahlen, die Finanzchef Ralf Thomas präsentiert: Im Geschäftsjahr 2016/17 brach der Auftragseingang zwar um 31 Prozent ein. Mit Power & Gas machte Siemens aber immer noch 15,5 Milliarden Euro Umsatz und kam bei einem Spartengewinn von knapp 1,6 Milliarden Euro auf eine noch immer stolze Marge von 10,3 Prozent. Thomas geht allerdings davon aus, dass sich die Lage bei Power & Gas im kommenden Jahr deutlich verschlechtern werde. Zudem hat er bereits erhebliche Kosten für einen Personalabbau eingeplant.

Managerin Kugel: Wir prüfen alle Optionen

Sehr viel klarer als ihre beiden männlichen Vorstandskollegen äußert sich Personalchefin Janina Kugel. „Defizitäre Geschäfte auf Dauer zu subventionieren, würde uns schaden. Wir prüfen alle Optionen“, unterstreicht sie. Die Worte Werkschließungen und Kündigungen nimmt die Top-Managerin nicht ausdrücklich in den Mund, hat diese aber im Sinn, als sie auf den „Pakt von Radolfzell“ zu sprechen kommt. Das Regelwerk hat Siemens 2008 mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft IG Metall ausgehandelt. Darin steht: „Es werden keine Standorte geschlossen oder verlagert.“ Und: „Betriebsbedingte Kündigungen werden nicht ausgesprochen.“

Der Pakt enthält aber auch Klauseln, auf die sich Kugel jetzt beruft. Erreiche ein Standort eine „kritische Größe“, müssten alternative Beschäftigungsmöglichkeiten angeboten werden, heißt es in dem Papier. Und: Kündigungen seien möglich, wenn sie „einvernehmlich zwischen Firmenleitung, Gesamtbetriebsrat und IG Metall“ beschlossen werden. Die Gespräche mit der Arbeitnehmerseite will Personalchefin Kugel nach der Präsentation ihrer Abbaupläne am 16. November im Wirtschaftsausschuss mit den Mitbestimmungsgremien „so zeitnah wie möglich“ führen, wie sie sagt.

Wettbewerb der Standorte

Derweil formiert sich der Widerstand gegen die Pläne, denen unbestätigten Meldungen zufolge bis zu 4000 Stellen zum Opfer fallen könnten. Die IG Metall spricht in einem Flugblatt von einem „Angriff auf Radolfzell“.

Die Äußerungen des Siemens-Vorstands zur Zukunft der Kraftwerkssparte stoßen bei Arbeitnehmern auf Ablehnung. „Herr Kaeser legt nur noch Wert auf Finanzkennzahlen. Er stellt die Marge vor den Menschen“, sagt der Mülheimer Betriebsratsvorsitzende Pietro Bazzoli dieser Zeitung. Die Belegschaft habe „null Verständnis“ dafür, „in einer Phase der Herausforderung mit Kahlschlagsplänen konfrontiert zu werden“.

Während an den kleineren ostdeutschen Standorten wie Görlitz, Leipzig und Erfurt die Angst vor Werksschließungen umgeht, formiert sich auch in Mülheim Protest. Die Politik übt Druck auf den Vorstand aus, den ohnehin schon strukturschwachen Osten nicht auch noch durch einen Kahlschlag bei Siemens zu schwächen. Das könnte zu Lasten des Mülheimer Dampfturbinen- und Generatorenwerks gehen, heißt es. Personalchefin Kugel versichert: „Wir werden hier nicht Standorte gegeneinander aufhetzen.“ Man sei nicht „auf dem Jahrmarkt“, sondern arbeite an „Lösungen für das gesamte Unternehmen.“

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