Apotheken

Neues Portal: Vor-Ort-Apotheken attackieren Versand-Riesen

Apotheker Christian Platt aus Essen-Kupferdreh ist seit der Testphase von „IhreApotheken.de“ dabei.

Apotheker Christian Platt aus Essen-Kupferdreh ist seit der Testphase von „IhreApotheken.de“ dabei.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Essen.  Noweda stellt sich der Konkurrenz der Versandapotheken: Bei „IhreApotheken.de“ können Kunden Medikamente bei ihrer Wunschfiliale vorbestellen.

Kurz nach dem Millenniumswechsel gab es für Apotheker Christian Platt schon mal einen dieser „großen Einschnitte“. Damals, als sich der heute 56-Jährige in seiner Apotheke in Essen-Kupferdreh von der Schließung zur Mittagszeit verabschiedete. „Erst sind nur ein, zwei Kunden um 13 Uhr zu uns gekommen. Es hat ein Jahr gedauert, bis wir auch mittags die Filiale voll hatten“, erzählt Platt. Die neuen Öffnungszeiten: Sie mussten sich eben erst herumsprechen. Genauso ist das heute mit „IhreApotheken.de“.

Denn bislang bestellen täglich nur ein bis zwei von Platts Kunden über das neue Online-Portal von Noweda vor. Wenn es nach dem Essener Pharma-Großhändler geht, soll „Ihre Apotheke.de“ allerdings auch für einen jener „großen Einschnitte“ sorgen: Mit der im April gestarteten Vorbestell-Plattform will das Unternehmen die stationären Apotheken fit für das Online-Geschäft machen.

Pharmalogistiker Noweda- So kommt die Arznei in die Apotheke Mit dabei haben möchte die genossenschaftlich organisierte Noweda nicht nur die rund 9000 Apotheker, die Anteile am Essener Pharmalogistiker haben, sondern alle rund 19.400 Apotheken in Deutschland. 10.000 sind nach einer dreimonatigen Testphase an die Plattform angeschlossen – für einen Mitgliedsbeitrag ab 99 Euro. Kosten, die vor allem für die neue Noweda-Kundenzeitschrift „MyLife“ anfallen, von der registrierte Apotheken 150 Heften pro Ausgabe erhalten.

Es gibt zahlreiche Konkurrenten

Aber wie funktioniert das Portal überhaupt? Bei „IhreApotheken.de“ können Nutzer ihre Stammapotheke oder andere Apotheken in ihrem Umkreis per Eingabe ihrer Postleitzahl auswählen, ihr dann ein Rezept per Foto zuschicken und das gewünschte Medikament wenig später abholen – oder es gegebenenfalls vom Botendienst ihrer Apotheke nach Hause liefern lassen. Sie sparen sich also mindestens einen Weg in die Filiale.

Warum so viele Apotheken in NRW um ihre Existenz kämpfen Einmalig ist das Geschäftsmodell nicht. Apotheker und selbst ernannte „Technik-Spielkinder“ wie Christian Platt ermöglichen ihren Kunden schon länger, auch per Whatsapp Medikamente vorzubestellen. Dazu gibt es Apps wie „Rezeptdirekt“ oder eine App der Linda-Apotheke, über die Medikamente bei der Apotheke ums Eck vorbestellt werden können. Und Konkurrenten wie der Pharmahändler Gehe und Noventi Health Care haben mit „Pro Avo“ ein Joint Venture ins Leben gerufen, das ebenfalls ein Versorgungsnetzwerk aus allen Apotheken in Deutschland schaffen will.

Apothekerverband: Es braucht eine Einzellösung

„Im Sinne der Patienten braucht es statt vieler Einzellösungen eine deutschland- und branchenweite Lösung, mit der Kunden ihre Rezepte bei jeder Apotheke einlösen können am Wohnort, im Urlaub, auf Dienstreise“, heißt es beim Apothekerverband Westfalen-Lippe. Der Bundesverband arbeitet derzeit deshalb ebenfalls an einer Lösung, mit der künftig Apotheken per App zu vernetzen und damit Patienten zu ermöglichen, elektronische Rezepte vom Arzt entgegenzunehmen sowie zur Apotheke zu senden.

„Unsere Vorbestellplattform ist die erste und bislang einzige, die eine bundesweite Abdeckung aufweist“, versucht sich Noweda-Geschäftsführer Michael P. Kuck von vergleichbaren Anbietern abzugrenzen. „Anders als bei anderen Plattformen brauchen sich Patienten und Kunden daher keine Gedanken darüber zu machen, ob es in ihrer Nähe eine Vor-Ort-Apotheke gibt, bei der sie vorbestellen können.“

Noweda: Versandapotheken wollen Marktstrukturen zerstören

Mit dem Angebot will sich Kuck gegen die ausländische Konkurrenz großer Versandapotheken wie Doc Morris behaupten und das Apothekensterben in Deutschland entschleunigen, möglichst gar aufhalten. „Wir haben den niedrigsten Apothekerstand seit 30 Jahren. Alle 38 Stunden schließt eine Apotheke in Deutschland“, bedauert der Noweda-Chef und wiederholt damit den Leitspruch einer aktuellen Kampagne aus seinem Haus, die sich für die Sicherung der Vor-Ort-Apotheken einsetzt. „Wir wollen eine Infrastruktur aufbauen, um mit den Angreifern aus dem Ausland mithalten zu können.“

Automaten-Apotheke- Gericht lässt DocMorris auflaufen Der Konkurrenz an Versandhäusern aus dem Ausland wirft Kuck vor, die Marktstrukturen zerstören zu wollen. Sowohl die niederländische Shop-Apotheke als auch die Schweizer Rose Group mit ihrer niederländischen Tochter Doc Morris haben lange rote Zahlen geschrieben. „Sie fahren auf Verlust, indem sie die Medikamente so günstig anbieten“, ist Kuck überzeugt. Ewig könne man die Preisdrückerei durch Kundenboni aber nicht durchhalten.

Vision: Lieferung in einer Stunde

Wegen der Preisbindung für Arzneien in Deutschland kann Noweda den Preiskampf schlecht gewinnen. Aber in Sachen Schnelligkeit sieht sich Michael Kuck im Vorteil gegenüber die Online-Riesen. „Unsere Vision ist, dass die Apotheken jedes Arzneimittel innerhalb von einer Stunde ins Büro oder nach Hause bringen.“ Mit ihren Botendiensten würden die Apotheken dafür ohnehin gute Voraussetzungen bieten. Dazu will Noweda „IhreApotheken.de“ bis Ende 2019 mit dem ersten der führenden Warenwirtschaftssysteme verknüpfen, über das die Apotheken mit den Großhändlern verbunden sind. So können Patienten in Echtzeit verfolgen, ob ein Medikament in der ausgewählten Apotheke sofort verfügbar ist oder bis wann dies der Fall ist.

Mehr Zuvorkommen wünscht sich Noweda allerdings auch von der Politik. Eine Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Linken-Fraktion hat gezeigt, wie problembehaftet die Zuständigkeiten bei der Kontrolle von Arzneien sind, die etwa von niederländischen Versandapotheken zum deutschen Kunden gelangen. Wozu das führen kann, hat der Essener Apotheker Christian Platt in einem Gespräch mit einer Kundin erfahren: „Bei der Rekordhitze im Juli kam das Medikament für ihren Sohn geschmolzen an.“ Vor Ort bestellt hatte sie nicht.

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