Kredite

Neue Gesetzeslage macht den Weg zum Eigenheim schwer

Die Zinsen für Immobilienkredite befinden sich auf historisch niedrigem Stand. Doch viele Familien bekommen kein Darlehen.

Die Zinsen für Immobilienkredite befinden sich auf historisch niedrigem Stand. Doch viele Familien bekommen kein Darlehen.

Foto: dpa

Frankfurt.  Für viele ist der Weg ins Eigenheim steinig. Banken zögern zunehmend bei der Vergabe von Krediten. Das liegt an einer EU-Richtlinie.

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Eigentlich könnte die Lage für Häuslebauer derzeit nicht besser sein: Die Zinsen für Immobilienkredite befinden sich auf historisch niedrigem Stand. Dennoch haben es vor allem junge Familien und Rentner zunehmend schwer, die eigenen vier Wände zu finanzieren. Viele Banken schrecken davor zurück, Immobilienkredite zu bewilligen.

Schuld daran sind die neuen Auflagen für Banken, die seit Mitte März in Kraft sind. Damit wurde die EU-Wohnimmobilienkreditrichtlinie umgesetzt, die die Europäische Union vor zwei Jahren beschlossen hatte. Ziel der verschärften Regeln war eigentlich, die Verbraucher vor Überforderung bei der Finanzierung zu schützen – also davor, Kredite aufzunehmen, die sie am Ende nicht zurückzahlen können. So wie während der Immobilienkrise in Spanien vor einigen Jahren. Damals hatten sich Häuslebauer bis über ihre Belastungsgrenze hinaus verschuldet. Die Hoffnung auf eine kräftige Wertsteigerung ihrer Wohnung oder ihres Hauses indes wurde nie eingelöst.

Doch anstatt die Vergabe der Hauskredite für die Bürger zu verbessern, werden sie nun eher verhindert. Banken trauen sich kaum noch, Kredite an bestimmte Bevölkerungsgruppen zu vergeben. Der Sparkassenverband in Baden-Württemberg berichtet, das Volumen von Darlehenszusagen für Immobilien sei zwischen April und Juni gegenüber dem zweiten Quartal des Vorjahres um ein Fünftel eingebrochen.

Vor allem Rentner kommen schwer an Kredite

Die neuen Regeln haben besonders Nachteile für ältere Kreditnehmer. Beispielsweise dann, wenn ein Rentner, der in einem abbezahlten Haus wohnt, dieses altersgerecht umbauen möchte. Es kann gut sein, dass er mit seinem Wunsch nach einem Kredit bei seiner Hausbank abblitzt. Denn die Bank muss nachweisen können, dass der Kunde den Kredit langfristig tilgen kann. Das bedeutet, dass seine statistische Lebenserwartung dazu ausreichen muss. „Die Immobilie selbst darf die Bank zur Besicherung nicht mehr heranziehen“, erklärt Uwe Fröhlich, Präsident des Bundesverbands der Volksbanken und Raiffeisenbanken. Sogar bei einem geplanten Verkauf in der Zukunft dürfe die Bank oder Sparkasse den Wert des Objektes bei der Kreditvergabe nicht mehr berücksichtigen. Das Gleiche gilt auch für Anschlussfinanzierungen, die ältere Kreditnehmer tätigen wollen. Etwa wenn nach Auslaufen seines Hypothekendarlehens noch Restschulden bestehen. Auch dann ist es gemäß den neuen Regeln schwer, einen Anschlusskredit zu erhalten.

Die Folge: Damit die Bank die Zusage für den Kredit erteilt, muss der Rentner seine Kinder mit in einen Kreditvertrag einbringen, sollte er nicht ausreichend Eigenkapital einbringen. Fröhlich plädiert deshalb bei diesen Fällen für eine Ausnahmeregelung. Die bestehende Immobilie solle mit zur Besicherung herangezogen werden. In anderen EU-Staaten ist dies so vorgesehen.

Die neue Gesetzeslage bringt auch jungen Kreditnehmern Probleme. Beispiel: Ein junges Paar will ein Eigenheim kaufen und äußert gegenüber dem Bankberater einen Kinderwunsch. Dann könnte dem Paar ebenfalls der Kredit verwehrt werden. Denn die Bank geht davon aus, dass für eine gewisse Zeit das Einkommen der Familie eingeschränkt sein wird, weil etwa ein Partner vorübergehend nicht mehr arbeitet oder beide ihre Arbeitszeit reduzieren. In der gleichen Situation steckt ein Arbeitnehmer mit einem befristetem Arbeitsverhältnis. Auch dieser kann der Bank nicht beweisen, dass er im Anschluss an seinen aktuellen Job einen anderen finden wird.

Ebenso wirkt die neu geregelte Haftungsfrage wie eine Kreditbremse. Denn nun haftet die Bank, wenn sie bei der Kreditvergabe den Kunden falsch beraten hat, sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Bisher hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) die Banken in der Frage der Vergabe von Immobilienkrediten kontrolliert, erklärt Michael Voigtländer, Immobilienexperte des Instituts der Deutschen Wirtschaft: „Die BaFin hat den Banken im Zweifelsfall auf die Finger geklopft.“

Banken zögern wegen des Klagerechts der Kunden

Nun ist die Haftung für diese Fragen im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) verankert. Das heißt, es gibt ein Klagerecht der Bürger: Sie haben einen Anspruch auf Schadenersatz, falls sie sich falsch beraten fühlen oder falls sie davon ausgehen, dass die Kreditvergabe nicht verantwortlich war. Das stärkt zwar die Rechte der Kunden, hat aber auch eine fatale Wirkung: Die Banken agieren vorsichtig – auch weil sie schlechte Erfahrungen beim Widerruf von Kreditverträgen gemacht haben.

Wer eine Immobilie kaufen will, muss deshalb mehr als zuvor auf einen Finanzierungsmix setzen, etwa auf einen Bausparvertrag. Die Chancen auf einen Kredit erhöhen sich auch, wenn der Kunde viel Eigenkapital einbringt. Daran aber mangelt es vor allem den unteren bis mittleren Einkommensschichten: „In vielen Fällen werden mehr als 50.000 Euro Eigenkapital verlangt“, sagt Voigtländer. Deshalb plädiert er für eine Unterstützung von weniger betuchten Verbrauchern: So könne der Staat die Bildung von Wohneigentum unterstützen, indem er entweder selbst Kredite vergebe oder den Banken Garantien ausstelle. Denn andererseits mahnt der Staat zu Anstrengungen im Bereich der privaten Altersvorsorge. Im Alter ohne Miete in den eigenen vier Wänden zu wohnen, ist dazu ein wichtiger Baustein.

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