Keine Entlastung

Mehrwertsteuer auf Hotelübernachtungen sinkt - die Preise nicht

Foto: WAZ FotoPool

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Essen. Die Mehrwertsteuer auf Hotelübernachtungen ist mit dem neuen Jahr von 19 auf sieben Prozent gesunken. Aber die Preise sind es nicht. Für Geschäftsreisende könnten die niedrigeren Steuern sogar höhere Zimmerpreise bedeuten.

Wie Umfragen des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) und der WAZ zeigen, geben die Hotels die Entlastung nicht oder kaum an ihre Kunden weiter. Bundesweit wollen die Hoteliers nur rund ein Fünftel der eingesparten Steuern von den Preisen abziehen.

Für Privatgäste ändert sich demnach fast nichts. Für Geschäftsreisende werden Hotels sogar teurer, weil für ihre Arbeitgeber die Nettopreise zählen. Dass eine Steuersenkung zu höheren Preisen führt, erschließt sich erst auf den zweiten Blick.

Ein einfaches Beispiel klärt den scheinbaren Widerspruch auf: Ein Zimmer für 119 Euro enthielt bisher einen Nettopreis von 100 Euro und 19 Euro Mehrwertsteuer. Nun könnte der Bruttopreis auf 107 Euro sinken. Lässt der Hotelier ihn aber bei 119 Euro, muss er seinen Nettopreis auf 111,21 Euro erhöhen.

Jährlich 100 Millionen Übernachtungen

Für Geschäftskunden, die sich die Mehrwertsteuer vom Finanzamt wiederholen können, würde die Übernachtung demnach 11,2 Prozent teurer. Laut einer Studie der Fachhochschule Bad Honnef buchen die rund fünf Millionen Geschäftsreisenden in Deutschland pro Jahr rund 100 Millionen Übernachtungen. Nach Hochrechnungen des Reisekostenmanagements von Meridian würden dadurch rund 1,2 Milliarden Mehrkosten pro Jahr entstehen.

Der Dehoga in NRW bestätigt, dass die meisten Hotels ihre Nettopreise anheben, allerdings verfolge jedes Hotel seine eigene Preispolitik. „Jeder muss nun selbst schauen, wie er mit seinen Geschäftskunden umgeht”, sagte Dehoga-Sprecher Thorsten Hellwig der WAZ. „Über die Corporate-Verträge mit Unternehmen wird gerade gesprochen”, heißt es beispielsweise bei der Steigenberger Hotel AG.

"In der Regel Bruttopreise"

Die Branche hegt keine großen Hoffnungen, dass Firmen Preiserhöhungen einfach akzeptieren werden. „Wir werden Gespräche führen mit dem Ziel, die gleichen Nettopreise wie bisher zu erhalten”, stellt Pressesprecher Horst Niggemeier für RWE Service klar. Die in Dortmund angesiedelte Abteilung kümmert sich um die Dienstreisen von 71 000 Mitarbeitern des Essener Energiekonzerns. Bislang wurden „in der Regel Bruttopreise vereinbart”.

Nach der jetzigen Mehrwertsteuerermäßigung wollen die Firmen Nettopreise vereinbaren – anders als bei der letzten Mehrwertsteuererhöhung auf 19 Prozent zum Jahreswechsel 2007, als die Unternehmen bei der Hotelbranche auf gleich bleibenden Bruttopreisen bestanden hatten.

Begünstige Produkte

Ursprünglicher Zweck des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes war eine Entlastung beim Kauf von Produkten des täglichen Bedarfs. Was der Gesetzgeber darunter versteht, hat er im Wesentlichen bereits 1968 festgelegt. Vor allem Lebensmittel sind begünstigt, um sie für alle bezahlbar zu halten. Aber auch Bücher, Zeitungen und Theaterkarten soll sich jeder leisten können.

Doch die Liste ist reich an Widersprüchlichkeiten. So werden orthopädische Hilfsmittel wie Krücken und Herzschrittmacher begünstigt, Arzneien aber nicht. Äpfel werden ermäßigt besteuert, Apfelsaft voll, Tafelwasser ermäßigt, Mineralwasser voll. Im Hotel ist nun das weiterhin voll zu versteuernde Frühstück Luxus, die Übernachtung in der Präsidenten-Suite nicht.

Das Currywurst-Beispeil

Das stößt auch den reinen Gastronomen ziemlich sauer auf, was innerhalb des Dehoga zu Spannungen mit den Hoteliers führt. Dabei profitieren Speiselokale auch vom ermäßigten Steuersatz, wenn sie Speisen außer Haus verkaufen.

Das ist gleichzeitig das beste Beispiel dafür, dass die beabsichtigte Lenkungswirkung der Steuer nicht funktioniert: Die Currywurst enthält 19 Prozent Mehrwertsteuer, wenn sie in der Pommesbude gegessen wird und sieben Prozent, wenn sie mitgenommen wird. Der Preis ist freilich derselbe. Von der ermäßigten Verbrauchssteuer profitiert nicht der Verbraucher, sondern die Imbissbude.

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