Ausbildung

Lokführer-Ausbildung zwischen Simulator und Gleisbett

Azubi Fabius Waltering (vorne) darf noch nicht ohne Ausbilder Holger van Heeck im Führerstand sitzen.

Azubi Fabius Waltering (vorne) darf noch nicht ohne Ausbilder Holger van Heeck im Führerstand sitzen.

Foto: André Hirtz

Essen.   Nachwuchs-Lokführer werden händeringend gesucht und haben beste Jobchancen: Allein in NRW hat sich die Zahl der offenen Stellen verdoppelt.

Schon seit seiner Kindheit will Fabius Waltering schweres Gefährt bewegen. Bei der Bundeswehr ist er im Panzerbataillon gefahren. Eine Lokomotive mit bis zu 11 000 PS kann da locker mithalten. Inspiriert von seinem Helden Jim Knopf ist Fabius Waltering seinem Traum, Lokführer zu werden, heute näher als je zuvor: Im September 2017 hat er seine Ausbildung bei der Deutschen Bahn begonnen. „Bei der Bahn werde ich keine PS verlieren“, sagt der 22-Jährige mit einem Augenzwinkern. So ein Bundeswehr-Panzer hat um die 1500 Pferdestärken.

Die Zukunftsaussichten mit dieser Ausbildung könnten derzeit kaum besser sein. Statistiken der Arbeitsagentur NRW belegen, dass es einen hohen Bedarf an Nachwuchs gibt: Die Zahl der offenen Stellen hat sich vom April des Vorjahres bis April dieses Jahres von 206 auf 410 erhöht. Das heißt, es werden nahezu doppelt so viele Lokführer gesucht wie im Vorjahr. Insgesamt 155 Lokführer-Azubis sind laut Arbeitsagentur in NRW gemeldet. „Bei 410 offenen Lokführer-Stellen würden die Nachwuchskräfte nur ein Drittel des Bedarfs abdecken“, sagt ein Sprecher.

Alle 30 Sekunden Fuß vom Pedal

Größter Arbeitgeber und Ausbilder in NRW ist die Deutsche Bahn mit 2500 angestellten Lokführern und jährlich 70 neuen Azubis. Fabius Waltering absolviert die klassische dreijährige Ausbildung zum „Eisenbahner in Betriebsdienst“.

In den ersten Monaten hat er die Grundlagen kennengelernt, die den Bahnbetrieb zusammenhalten: Wagen auf ein anderes Gleis schieben oder Lokomotiven und Güterwagen aneinanderkoppeln. „Bei neuen Modellen geht das automatisch, wir haben das mit älteren Modellen gemacht. Da bin ich aufs Gleis unter zwei Züge gesprungen und habe sie mit der Hand verbunden“, sagt Waltering.

Im derzeitigen Stadium seiner Ausbildung erlernt er im theoretischen Unterricht die Grundlagen der Kundenbetreuung oder soziale Kompetenz in der Gruppe. Das ist ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung, sagt Ausbildungsleiter Holger van Heeck. „Als Lokführer ist man im ständigen Austausch mit den Kunden, muss zum Beispiel Ansagen bei Störungen machen.“ Auch die Zusammenarbeit mit den Kollegen im Stellwerk sei wichtig, damit die Züge sicher am Ziel ankommen, so van Heeck.

Eine echte Bahn darf Azubi Waltering erst im zweiten Ausbildungsjahr führen – das Fahren trainiert er am Fahrsimulator im Essener Trainingszentrum: Ein Fernsehbildschirm stellt die Fahrstrecke nach, die vielen Signale an der Strecke muss Waltering richtig deuten.

Gleichzeitig muss er die vier Displays im Führerstand im Auge behalten. Sie zeigen den Fahrplan an, die Geschwindigkeit oder dienen als Funkübertragung zu den Kollegen. Der Fuß liegt auf einem Pedal, das alle 30 Sekunden angehoben werden muss – als Zeichen dafür, dass er nicht eingeschlafen ist. Waltering sieht das ganz entspannt: „Man lernt schnell Strategien, um damit umzugehen.“

Auch Hindernisse baut Ausbilder Holger van Heeck im Training ein. Auf der simulierten Fahrstrecke schleicht sich eine Schafherde an: Wie reagieren, wenn die Schafe auf den Gleisen stehen bleiben?

Wechselnde Schichten sind Tagesgeschäft

Der Beruf erfordert aber auch Kompetenzen, die über die Technik hinausgehen. Bei der Auswahl der Bewerber legt Ausbildungskoordinator Holger van Heeck daher besonderen Wert auf das persönliche Gespräch: „Man muss schon ein bisschen Individualist sein. Und die Bewerber müssen wissen, worauf sie sich einlassen.“

Denn unregelmäßige wechselnde Schichten gehören zum Tagesgeschäft: Eine Schicht kann nachts um 3 Uhr anfangen und bis in den Nachmittag andauern. Verbände wie die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft sehen unverlässliche Dienstpläne als eine Ursache für die gesunkene Attraktivität des Berufs. Mit seinen fast 20 Jahren Erfahrung meint der 43-jährige van Heeck, Schichtarbeit könne auch Vorteile haben. Wochenenden und Feiertage habe man nicht immer, aber dafür könne man häufiger unter der Woche frei machen.

Fabius Waltering jedenfalls malt sich seine Dienstpläne bereits aus: „Im Sommer möchte ich Frühschichten machen, um die Jahreszeit auszunutzen.“ Im Winter könne er sich Schichten von nachts bis spät nachmittags vorstellen. Von seinem Kindheitstraum lässt er sich offenbar nicht abbringen.

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  • Die Ausbildung mit Voraussetzung Hauptschulabschluss dauert drei Jahre. Mit Vorerfahrung ist ein Quereinstieg über eine zehnmonatige Weiterbildung möglich. Ein Lokführer verdient je nach Berufserfahrung rund 2900 bis 3800 Euro im Monat inklusive Zulagen, ein Azubi je nach Lehrjahr 900 bis 1100.
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