EU-Ausstieg

Legt der „wilde Brexit“ den europäischen Flugverkehr lahm?

Hochbetrieb am Flughafen Heathrow: Ein wilder Brexit könnte den Verkehr lähmen.

Hochbetrieb am Flughafen Heathrow: Ein wilder Brexit könnte den Verkehr lähmen.

Foto: Getty Images / Getty Images News/Getty Images

Berlin  Mit Notfallplänen für den Fall eines ungeregelten Brexits wollen EU und Fluggesellschaften den Luftverkehr nach Großbritannien sichern.

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Sonnabendfrüh am 30. März 2019: In Schönefeld soll um 6.30 Uhr mit Ryanair-Flug 144 die erste Verbindung des Tages nach London starten. Doch das Flugzeug muss am Boden bleiben.

Wenige Stunden nach dem Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union herrscht Chaos – über dem Ärmelkanal fliegt nichts mehr. Ein solches Krisenszenario gilt für den Fall, dass Premierministerin Theresa May mit ihrem Brexit-Deal scheitert, unter Airline-Managern als nicht unrealistisch.

Für ein paar Tage oder Wochen könnte der Verkehr stillstehen. Fluggesellschaften rüsten sich für diesen Ernstfall, und die EU kündigte in dieser Woche einen Notfallplan für den Luftverkehr an.

Millionen Fluggäste könnten betroffen sein

Allein in Deutschland könnte ein „No-Deal“ -Brexit Millionen Passagiere treffen. Nach Zahlen des Flughafenverbands ADV, die unserer Redaktion vorliegen, starten wöchentlich 1368 Flüge von deutschen Flughäfen zu Zielen im Vereinigten Königreich.

Ingsesamt 3,93 Millionen Passagiere flogen 2017 privat von Deutschland nach Großbritannien, 2,31 Millionen beruflich. Für Geschäftsreisende ist das Land mit Abstand wichtigtes Ziel im Ausland. Viele Industriezweige warnen vor einer Katastrophe.

Luftverkehrsmarkt stark abhängig von der EU

ADV-Hauptgeschäftsführer Ralph Beisel betont die Bedeutung des Flugverkehrs zwischen Großbritannien und den 27 übrigen EU-Mitgliedsstaaten: „Der Luftverkehrsmarkt in Großbritannien ist stark abhängig von der EU, denn mehr als die Hälfte der an britischen Flughäfen abgefertigten Passagiere fliegt in die Länder der EU27. Dagegen fliegt nur jeder Zehnte, der an Flughäfen der EU27 abgefertigten Passagiere, nach Großbritannien.“

Angesichts dieser Zahlen wollen die Fluggesellschaften ihre Passagiere nicht mit Warnungen vor heftigen Turbulenzen bei einem wildem Brexit ohne Austrittsvertrag verunsichern. Doch die Branche ist alarmiert.

EU sieht urlaute Abkommen als nichtig an

Hintergrund sind die Regeln des europäischen Binnenmarkts für den Luftverkehr. Hier dürfen nur Gesellschaften mit Sitz in der EU fliegen, die mehrheitlich Investoren aus den Mitgliedsstaaten gehören. Und für Flüge über den Ärmelkanal gibt es nach einem ungeregelten Brexit nach Ansicht der EU keine Grundlage mehr.

Großbritannien, so ist in der Branche zu hören, würde uralte zwischenstaatliche Abkommen aus den Archiven holen wollen. Die EU sieht diese jedoch als nichtig an. Gibt es vor dem Brexit kein Abkommen, droht Chaos. Hunderttausende fordern inzwischen auch deswegen ein neues Referendum.

Condor stellt sich für alle Fälle auf

Der deutsche Ferienflieger Condor sieht sich für alle Fälle gut aufgestellt. Die frühere Lufthansa-Tochter mit 50 Flugzeugen gehört dem britischen Touristikkonzern Thomas Cook. Christoph Debus, Chef aller Airlines des Konzerns, spricht von mehreren Alternativplänen, mit denen Flüge sichergestellt werden.

„Wir müssen uns in einer Situation politischer Unsicherheit auf ein No-Deal-Szenario vorbereiten“, sagt er. „Ich gehe davon aus, dass unsere Lösung auch bei einem unkontrollierten Brexit hält.“

Lufthansa und andere rechtliche Hürden schon früher überwunden

Als eine Möglichkeit gilt die Abgabe der Mehrheit an einem Flugbetrieb an eine Stiftung, so hatten Lufthansa und andere Airlines rechtliche Hürden bei ausländischen Töchtern bereits früher überwunden. Organisatorisch geht das nicht von heute auf morgen.

In der Branche gilt daher Mitte Dezember als letzte Chance für eine Einigung. Danach müssten die Fluggesellschaften in den Krisenmodus schalten.

Easyjet trickst vorsorglich

Jeder achte Flieger nach Großbritannien stammt von Easyjet. Der britische Billigflieger hat wegen des Brexits im Juli 2017 „Easyjet Europe“ in Wien mit 113 Maschinen gegründet. Ob der Trick hilft, die Flugrechte in der EU sichern, ist unklar.

Die Airline gehört zu knapp einem Drittel dem Mitgründer Stelios Haji-Ionannou und seiner Familie mit griechisch-zypriotischen Wurzeln. Insgesamt sind noch nicht mehr als die Hälfte der Anteile, wie die EU es fordert, in Hand von Investoren aus der EU ohne Großbritannien.

Easyjet sieht sich aber in einer „besseren Ausgangslage als viele andere Fluggesellschaften“: „Zur Erreichung dieses Anteils haben wir aufgrund unserer derzeitigen Beteiligungsstruktur deutlich weniger aufzuholen als andere.“

Ryanair-Chef droht

Andere – damit ist etwa Ryanair gemeint. Europas größter Billigflieger sitzt im irischen Dublin, dort sind auch die über 450 Flugzeuge registriert. Doch nur 46 Prozent der Aktien werden von Investoren aus der EU mit künftig 27 Mitgliedsländern gehalten.

Airline-Chef Michael O’Leary, der für seine markigen Sprüche bekannt ist, drohte britischen Anteilseignern für den Krisenfall mit einem Entzug des Stimmrechts. Den Brexit nannte er „die dümmste Idee der Wirtschaftsgeschichte“.

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