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Arbeitslosigkeit

Leben von Hartz IV - wie realistisch ist der Warenkorb?

Angelika* lebt vom Arbeitslosengeld II und zeigt, worauf sie beim Einkaufen achtet.

Foto: Lars Heidrich

Bottrop  Hartz-IV-Empfänger erzählen, ob sie mit dem Regelsatz klarkommen, der etwa 133 Euro für Lebensmittel vorsieht. Ein Einkauf am Existenzminimum.

. Angelika* geht mit einem Körbchen und einem besorgten Gesichtsausdruck durch die Gänge des Discounters. Sie hält einen kleinen Einkaufszettel in der anderen Hand. Darauf steht Gemüse aus der Dose, Butter und Joghurt. Die Vorbereitung vermeide spontane Käufe, erklärt die 62-Jährige. Zuhause überschlagen sie und ihr Partner Ingo* vorher, was der Einkauf ungefähr kosten könnte. Das Paar lebt von Hartz IV.

Bevor Angelika ihre Einkaufsliste abarbeitet, geht sie in die Ecke mit den Angeboten und überprüft skeptisch die Pilze im Glas, die auch auf ihrer Liste stehen. Aber: „Die sind zu teuer. Die gibt es auch günstiger und mit mehr Inhalt.“ Einkaufen von Hartz IV – wie realistisch die Regelsätze fürs Existenzminimum berechnet sind, zeigt sich beim gemeinsamen Einkauf im Discounter.

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Einen Wocheneinkauf machen Angelika und Ingo selten. „Nach einem Großeinkauf ist das ganze Geld weg“, sagt Ingo. Deshalb gehen sie alle paar Tage in den Discounter. Denn es kommen immer wieder auch Rechnungen, die Hartz IV nicht kennt – Versicherungen zum Beispiel. Dadurch bleibe unterm Strich weniger Geld für Lebensmittel. Der Regelsatz soll den Bedarf für Ernährung, Kleidung, Körperpflege, Hausrat und Strom decken – und weist in Euro und Cent aus, wie viel wofür gezahlt wird.

Um den Bedarf festzustellen, führten 57.000 Haushalte 2013 im Auftrag der Bundesregierung drei Monate lang ein Haushaltsbuch. „Aus den ärmsten 15 beziehungsweise 20 Prozent der Haushalte werden dann die Bedarfspositionen berechnet. Bestimmte Positionen, wie zum Beispiel die Kosten für ein Auto oder Handy, die nicht als bedarfssichernd gelten, fallen raus“, erklärt der Sozialwissenschaftler Frank Jäger. Auch Haftpflicht- und Hausratversicherungen, wie Angelika und Ingo sie haben, sind bei Arbeitslosen nicht vorgesehen.

Angelika und Ingo stehen je 382 Euro zur Verfügung. Hinzu kommen 80 bis 100 Euro, die Ingo dazu verdient. Für Essen sind es in der Theorie 133 Euro und für Bildung 99 Cent. Frank Jäger vom Erwerbslosenverein „Tacheles“ weiß, dass die Sätze oft nicht reichen. Die Verschuldungs-Problematik sei unter Hartz-IV-Empfängern weit verbreitet. „Geht zum Beispiel ein Kühlschrank kaputt, hätte man im Monat theoretisch 1,67 Euro. Man kommt so in eine Verschuldungsspirale.“

Als junge Familie mit Hartz-IV leben

Es kann auch ein neues Bett sein, das den Rahmen sprengt. So wie bei der vierköpfigen Familie von Emil* und Sarah*. Für Kinder fällt der Regelsatz deutlich geringer aus. Ein Kind unter fünf Jahren bekommt 245 Euro. Der zweijährige Paul* hat Probleme mit der Lunge. „Wir würden mit unserem Sohn gerne in die Salzgrotte gehen. Ein Besuch kostet 13 Euro“, sagt Sarah. Der Regelsatz hält für die Gesundheitspflege ihres Sohnes 10 Euro bereit. Für Lebensmittel gibt es pro Kind rund 80 Euro. „Wir gehen oft in Outlets, wo es auch abgelaufene oder reduzierte Lebensmittel gibt, die man aber noch gut essen kann“, erklärt Sarah.

Der 29-jährige Familienvater macht bis Mai eine Umschulung zum Maler und Lackierer, packt dabei richtig an, verdient aber nichts. Er kommt aus Serbien, hat dort als Kfz-Mechatroniker gearbeitet. Für Sarah ist er nach Deutschland gekommen. Seine Ausbildung wird in Deutschland nicht anerkannt. „Ich schäme mich für meine Situation und möchte nicht vom Job-Center abhängig sein. Und dann sieht man die Rechnungen der Kunden, die für meine Arbeit zahlen. Das ist echt frustrierend.“ Nach seiner Umschulung würde er sich am liebsten selbstständig machen. Seine Kinder sollen einmal studieren können.

Sarah ist Verkäuferin, aber in Elternzeit, um die beiden Kinder zu betreuen. Wenn das älteste Kind in die Schule geht, möchte sie ihre Arbeit im Essener Einkaufszentrum Limbecker Platz wieder aufnehmen. Ein Kita-Platz sei für beide Kinder zu teuer. „Ich bin dankbar, dass wir die Gelder bekommen, aber das Geld reicht nicht“, sagt die 33-Jährige.

Sozialpädagogin Monika van Aal von der Caritas Oberhausen betreut die junge Familie. „Ich kann mich noch gut an den Umzug in eine größere Wohnung erinnern. Sie hatten kein Geld, um sich ein Bett zu kaufen. Durch die Aktion Lichtblicke konnten sie eine einmalige Förderung bekommen. Zum Glück konnte Emil die Wohnung selber renovieren.“ Die Familie hat, bevor das zweite Kind kam, in einer 40 Quadratmeter großen Wohnung gelebt. „Wir haben ein halbes Jahr auf Matratzen geschlafen, weil wir uns keine Möbel leisten konnten“, ergänzt Sarah.

Sozialticket ist teurer als das eingeplante Budget

Für die Nutzung von Verkehrsmitteln sind 31 Euro pro Person eingeplant. Ingo hat einen Roller, mit dem er zu seinem Job in einem Gartencenter fährt. Angelika hat ein kleines Auto. Der VW Polo ist 13 Jahre alt und rostet ordentlich. Auf ihr Auto möchte Angelika nicht verzichten. „Der Bus ist viel zu teuer. Dann könnte ich viele Therapien nicht wahrnehmen.“ Selbst ein Sozialticket könne man mit dem dafür eingeplanten Geld nicht finanzieren, sagt Sozialberater Jäger.

Eigentlich hatte Angelika im Mai ihre Umschulung zur Pflegeassistentin abgeschlossen und wollte sich einen neuen Job suchen. Ihre Krankheitsgeschichte ist lang: Morbus Crohn, Brustkrebs, Depressionen und zuletzt der Schlaganfall. Auch Ingo kann seinen Job nicht mehr ausüben. Er hat im Abbruch gearbeitet und darf nach einer Krebserkrankung nicht mehr schwer heben. Seine Arbeit möchte er langsam aufstocken. Er schäme sich aber auch nicht dafür, Flaschen mitzunehmen.

„Wir wollen unseren Kindern etwas bieten“

Für Freizeit, Unterhaltung und Kultur gewährt der Regelsatz je 36,63 Euro. Zu wenig für größere Familienausflüge. „Mein fast sechsjähriger Sohn war noch nie im Zoo. Aber wir wollen unseren Kindern etwas bieten“, sagt Emil. Sarah ergänzt: „Bei gutem Wetter gehen wir dann zum Spielplatz, aber die Kinder verstehen oft nicht, wenn man Nein sagen muss.“ Auch für Kleidung bleibe am Ende des Monats nichts übrig. Sarah geht regelmäßig auf Flohmärkte.

*Namen von der Redaktion geändert

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