Agrar

Landwirtschaftsminister Schmidt gegen Fleischverzicht

Wurst für die Welt: Immer mehr deutsche Unternehmen liefern ihre Waren ins Ausland

Wurst für die Welt: Immer mehr deutsche Unternehmen liefern ihre Waren ins Ausland

Foto: IMAGO

Berlin.  Deutschland produziert mehr Fleisch als es verbraucht. Landwirtschaftsminister Schmidt ist trotzdem gegen einen verordneten Verzicht.

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Grasende Kühe auf blühenden Wiesen vor Alpengipfeln. Grunzende Schweine im Schlamm. Freilaufende Hühner auf Bauernhöfen. Mit dieser ländlichen Idylle wird gerne für Milch- und Fleischprodukte geworben. Doch die Realität sieht für die meisten Nutztiere anders aus. Die Mehrheit der Millionen Tiere in Deutschland wird dicht an dicht in Ställen und Mastbetrieben aufgezogen, die immer größer werden. Massentierhaltung ist nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel. Dabei zieht Deutschland das Vieh längst nicht mehr nur für den Eigenbedarf groß, sondern hat sich zum drittgrößten Fleischexporteur der Welt nach den USA und Brasilien entwickelt.

In deutschen Ställen werden deutlich mehr Tiere gezüchtet und Fleisch produziert, als die Bundesbürger verzehren. Der Selbstversorgungsgrad mit Fleisch und Wurst hat 2015 mit 122 Prozent einen neuen Rekord erreicht. Somit wird, gemessen am Gesamtkonsum, unterm Strich 22 Prozent mehr Fleisch produziert – zehn Jahre zuvor entsprach die Quote noch mit 99 Prozent dem Konsum. Dies geht aus einer Antwort des Bundeslandwirtschaftsministeriums auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion hervor, die dieser Redaktion vorliegt. Pro Kopf essen die Deutschen laut Statistik von 2014 im Schnitt pro Jahr 60,3 Kilo Fleisch – und damit etwa so viel wie vor zehn Jahren.

Ausfuhren haben sich seit 2005 fast verdoppelt

Der Selbstversorgungsgrad erhöht sich seit Jahren kontinuierlich. Bei Schweinefleisch liegt er mit 120 Prozent am höchsten, gefolgt von Geflügel (112 Prozent) sowie Rind- und Kalbfleisch (107 Prozent). Zudem produzieren die Agrarbetriebe sogar sechsmal mehr Magermilchpulver (663 Prozent) als hierzulande verzehrt wird.

Die Entwicklung stößt bei den Grünen zunehmend auf Kritik. Die Partei sieht vor allem das Tierwohl in Gefahr. „Deutschland liefert immer mehr Billigfleisch für den Weltmarkt“, kritisierte die Grünen-Agrarexpertin Bärbel Höhn. Die Folge seien „noch mehr Tierleid in zu engen Behausungen, mehr abgeholzter Amazonas-Regenwald für Futtermittel und mehr Gülle auf deutschen Feldern, die das Grundwasser versauen und das Trinkwasser verteuern.“

Grund für die Entwicklung ist die stark gestiegene Fleischproduktion. Mit 8,22 Millionen Tonnen produzierten die deutschen Betriebe laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr so viel Fleisch wie nie. Es waren 0,3 Prozent oder 25.300 Tonnen mehr als im Vorjahr. Vieles geht ins Ausland. Seit 2005 haben sich die Ausfuhren von Fleisch und Fleischwaren von 2,3 Millionen Tonnen auf 4,0 Millionen Tonnen im Jahr 2015 fast verdoppelt. Die Einfuhren stiegen dagegen nur geringfügig um 2,1 Millionen auf 2,4 Millionen Tonnen.

Zehn Betriebe schlachten in Deutschland mehr als 70 Prozent aller Schweine

In der Viehzucht in Deutschland vollzieht sich seit Jahren ein tiefgreifender Wandel. In den vergangenen 15 Jahren mussten bis zu 80 Prozent der Bauernhöfe ihre Tierhaltung aufgeben, weil sie nicht mehr wettbewerbsfähig waren. Gleichzeitig stieg bundesweit die Fleischproduktion um bis zu 50 Prozent. Der Markt wird zunehmend von großen Produzenten insbesondere in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen dominiert. Nach einer Untersuchung der Heinrich-Böll-Stiftung schlachten die zehn größten Schlachtbetriebe in Deutschland bereits mehr als 70 Prozent aller Schweine. Dumpingpreise insbesondere bei Schweinefleisch führen zu einer immer stärkeren Industrialisierung der Produktion, während ein zu großes Angebot zunehmend auf die Preise drückt. Ein Teufelskreis.

Im Entwurf zum Klimaschutzplan 2050 dringt das Bundesumweltministeriums darauf, bis Mitte des Jahrhunderts die Tierbestände zu reduzieren. Und sieht dies als aktiven Beitrag Deutschlands zur Begrenzung der Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius, wie dies das internationale Klimaabkommen von Paris vorschreibt. Denn: Wiederkäuer wie Kühe stoßen bei der Verdauung das klimaschädliche Gas Methan aus. So soll der Fleischkonsum bis 2050 halbiert werden – auf 300 bis 600 Gramm Fleisch und Wurst pro Woche und Person, wie es die Deutsche Gesellschaft für Ernährung bereits heute empfiehlt.

Landwirtschaftsminister stützt Wachstumsstrategie

Allerdings hält der Bundeslandwirtschaftsminister nichts von solchen Empfehlungen. „Ein staatlich verordneter Fleischverzicht ist nicht der goldene Weg zur Klimarettung“, sagte Christian Schmidt (CSU) unserer Redaktion. „Auf Basis der Klimaziele zu berechnen, wieviel Landwirtschaft wir uns leisten können, ist angesichts einer weiter wachsenden Weltbevölkerung kein zukunftsfähiger Plan“, fügte Schmidt hinzu.

Im Sinne einer globalen Nachhaltigkeit müssten klimabegünstigte Regionen wie Mitteleuropa sogar eher einen größeren Anteil zur Welternährung beitragen, ist der Landwirtschaftsminister überzeugt. Dort wo Trinkwasser dagegen schon heute knapp ist, „kann die wasserintensive Landwirtschaft nicht mehr leisten“.

Das Ministerium will auf Forschung und Innovationen setzen: „Darin müssen wir unsere Energie investieren, statt in pauschale Verzichtsdebatten.“ Der Landwirtschaftsminister stützt vielmehr die Wachstumsstrategie: „Denn“, so Schmidt, „in unserem exportorientierten Land trägt auch die Landwirtschaft zu Wohlstand und Arbeitsplätzen insbesondere im ländlichen Raum bei.“

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