Industriepräsident

Corona-Maßnahmen: Unternehmen verlieren die Geduld

Regierung rechnet mit Einbruch der Wirtschaftsleistung um 6,3 Prozent

Die Bundesregierung rechnet wegen der Corona-Pandemie mit einer schweren Rezession. Das Bruttoinlandsprodukt werde in diesem Jahr um 6,3 Prozent zurückgehen, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) bei Vorlage der Frühjahrsprognose. SONORE de Peter Altmaier

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Berlin.  Industriepräsident Kempf fordert von der Politik Fahrplan zur Lockerung des Kontaktverbots – und deutliche Ausweitung der Corona-Tests.

Nach sieben Wochen Shutdown verliert die Wirtschaft die Geduld. Mehr als zehn Millionen Menschen sind in Kurzarbeit, etliche Unternehmen stehen vor der Insolvenz und benötigen staatliche Unterstützung. Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), warnt vor gravierenden Folgen, sollten die Kontaktsperren weiter verlängert werden.

Herr Kempf, Bund und Länder lockern die Corona-Beschränkungen nur sehr langsam. Wie groß wird der Schaden für die Volkswirtschaft?

Dieter Kempf: Die neuerliche Verlängerung der Kontaktsperren besorgt viele Unternehmen, Selbstständige und Freiberufler. In der siebten Woche nach Beginn der Ausgangsbeschränkungen angesichts der Corona-Krise wächst der wirtschaftliche Druck erheblich. Jede Woche eines Shutdowns kostet die deutsche Volkswirtschaft einen mittleren zweistelligen Milliardenbetrag an Wertschöpfung. Ein derartiger Einschnitt lässt sich nicht über Monate aushalten und erzeugt massive Wohlstandsverluste und dauerhaften Schaden in Wirtschaft und Gesellschaft. Eine Erholung hin zum Niveau der wirtschaftlichen Aktivität vor der Krise wird gesamtwirtschaftlich wahrscheinlich erst im übernächsten Jahr machbar sein.

Wie kann die Wirtschaft hochgefahren werden, ohne die Gesundheit vieler Menschen zu gefährden?

Kempf: Testkapazitäten sind auch dezentral, zum Beispiel auf Betriebsgeländen, weiter auszubauen. Vor allem müssen sie, soweit vorhanden, auch tatsächlich genutzt werden. Derzeit beträgt die Kapazität rund 900.000 Tests pro Woche. Es ist inakzeptabel, dass in der Phase der anhaltenden Unsicherheit über die Dimension der Corona-Erkrankungen etwa die Hälfte dieser Kapazitäten ungenutzt bleibt. Nur mit verlässlichen Testergebnissen lässt sich wirtschaftliche Aktivität hochfahren. Ungefähr zwei Drittel der Arbeitsplätze in der Industrie befinden sich auf dem Land. In vielen Landkreisen stellen unsere Unternehmen die größten Arbeitgeber. Die örtlichen Gesundheitsämter sollten mobile Testeinrichtungen an den Zentren industrieller Aktivität einrichten.

Corona-Test allein werden nicht reichen...

Kempf: Die Unternehmen wissen um die Bedeutung von Arbeitsschutz und Gesundheitsschutz für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie müssen und sie werden deshalb alle Maßnahmen treffen, um den Wiederanlauf industrieller Produktion ohne Gesundheitsgefahren zu ermöglichen. Die Maßnahmen reichen dabei von Eingriffen in Schichtpläne, veränderten Arbeitsschritten unmittelbar am Arbeitsplatz bis hin zur erforderlichen Schutzkleidung. Diese Übernahme unternehmerischer Verantwortung schafft Raum für wirtschaftliche Neustarts vor Ort.

Was erwarten Sie jetzt konkret von der Regierung?

Kempf: Unsere Unternehmen fordern eine verbindliche Planung ein, weil sich die Wirtschaft – Betriebe wie Belegschaften – auf den Neustart vorbereiten müssen. Die Politik muss kontinuierlich daran arbeiten, den Wiedereinstieg so schnell und so verlässlich sicherzustellen, wie es möglich ist. Unsere Unternehmen wollen und müssen wissen, in welchen Stufen das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben wieder anlaufen soll – und zwar nach dem Treffen der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten am 6. Mai. Ziel muss ein verbindlicher Planungshorizont für die Unternehmen sein. Deshalb begrüßen wir die wichtige Ankündigung des Bundeswirtschaftsministers, kommende Woche einen Fahrplan für das Wiederhochfahren der Wirtschaft vorzulegen.

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