Innovation

In Namibia werden Häuser für die Armen aus Wüstensand gebaut

Aus Sand gebaut: Solche Häuser lässt Polycare aus Bauteilen entstehen, die aus Sand gemacht werden.

Aus Sand gebaut: Solche Häuser lässt Polycare aus Bauteilen entstehen, die aus Sand gemacht werden.

Foto: PolyCare

Gehlberg  Die Firma Polycare baut aus Wüstensand Bausteine für Gebäude. Die Technik soll in Namibia Slums in echte Wohnsiedlungen verwandeln.

Die beiden Männer stapeln Stein für Stein an- und aufeinander. Die an Legosteine erinnernden Quader wachsen schnell zu einer Wand heran. Ist die gewünschte Höhe erreicht, lassen die Bauleute Stahlstäbe von oben nach unten durch die Steine herab. Als Abschluss kommt ein stabilisierendes Gitter auf die Mauer. Fertig.

Auf diese Weise können zwei Personen in zwei Tagen ein kleines Haus errichten. Es ist knapp 60 Quadratmeter groß und muss nur noch eingerichtet werden. Der Clou: Die Steine bestehen zum größten Teil aus Wüstensand. Der ist auf der Welt in fast unerschöpflichen Mengen vorhanden, gilt aber bislang für die Herstellung von Baumaterial als völlig ungeeignet.

„Nach acht Jahren harter Arbeit ist es endlich so weit“, freut sich Gerhard Dust, der Erfinder der Technologie, die den Wüstensand nutzbar machen soll. Das Konzept sei jetzt dort angekommen, wo es am dringendsten benötigt werde. Der Gründer des Unternehmens Polycare aus Gehlberg im Thüringer Wald weilt derzeit in Namibia. Am 4. Februar startet in der Hauptstadt Windhoek ein gewaltiges Wohnungsbauprojekt mit der Steintechnik aus Mitteldeutschland.

Polycare will den Wiederaufbau zerstörten Wohnraums

25.000 der kleinen Häuser aus Wüstensand sollen an die Stelle von Slums rücken und bezahlbaren Wohnraum für die Armen im Süden Afrikas bieten. Die namibische Regierung hat sich dieses ehrgeizige Ziel gesetzt.

„Im südlichen Afrika fehlen über acht Millionen Wohneinheiten, und die Wohnungsnot ist wegen fehlendem bezahlbaren Baumaterial und fehlenden Fachkräften ständig größer geworden“, erläutert Dust.

Die gerade einmal 16.000 US-Dollar teuren Eigenheime sollen den Mangel beheben. An Wüstensand als Rohstoff mangelt es wahrlich nicht in der früheren deutschen Kolonie. In einer kleinen Fabrik, an der neben Polycare der Staat sowie zwei Investoren beteiligt sind, werden die Steine vor Ort gefertigt.

So eine Maschine lässt sich auch direkt in Katastrophengebieten installieren. So könnte der Wiederaufbau zerstörten Wohnraums schnell und ohne große Transportlogistik erfolgen.

Bindemittel wird aus alten Plastikflaschen gewonnen

Wüstensand ist vom Wind so rundgeschliffen, dass er eigentlich als unbrauchbar für die Produktion von herkömmlichem Beton gilt. Dust und seine Ingenieure dagegen binden den Sand mit Kunstharz, das wiederum zu einem Drittel aus einstigen PET-Flaschen besteht.

Heraus kommt ein Polymerbeton, der sehr fest ist und gut dämmt. Wasser wird für die Herstellung nicht benötigt. Auch das ist in den angedachten Zielländern wichtig. „Das hält 300 Jahre“, sagt Unternehmenssprecher Jens Richter, „viel länger als Beton“.

Die Konstruktionsweise der Häuser hat die Firma mit Unterstützung der Bauhaus-Universität Weimar entwickelt. Zum 100. Jubiläumsjahr der Bauhaus-Gründung zeigt sich, dass die Idee von einer funktionalen, preiswerten Architektur noch immer aktuell ist.

Mittlerweile gibt es auch eine standardisierte sanitäre Inneneinrichtung und einen speziellen Putz für die Häuser aus der Wüstensand-Technologie aus Thüringen. Vor allem aber rechnet das Unternehmen mit einer weltweiten Nachfrage. „Der Bedarf, Slums zu ersetzen, liegt weltweit bei 1,2 Milliarden Häusern“, rechnet Richter vor.

Architekten haben Ideen für Musterhäuser nach Lego-Prinzip

Auch China hat schon drei Maschinen zur Steinproduktion geordert. Zusammen mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) bildet Polycare Iraker aus, die später beim Aufbau ihrer Heimat helfen sollen.

Das Geschäftsmodell sieht vor, dass einzelne Fabrikationen vor Ort als eigenständige Unternehmen geführt werden. Die Thüringer halten jeweils ein Drittel der Anteile. Die Mehrheit übernehmen lokale Investoren. Damit das Know-how nicht abgekupfert werden kann, steuert Polycare die Maschinen weiterhin von Deutschland aus. Das große Ziel der Firma mit derzeit gerade einmal 15 Beschäftigten ist der Börsengang.

Aber auch den heimische Markt wollen die Gehlberger mit günstigen Häusern erobern. „Das Bauprinzip revolutioniert auch das Bauen in Deutschland“, glaubt Richter. Alle Tests für die Zulassung des Baustoffes seien mittlerweile erfolgreich absolviert worden. Bei der nächsten Tagung der Zulassungsstelle, des Deutschen Instituts für Bautechnik, erwartet Polycare die Freigabe für den Markt.

Architekten haben schon Ideen für Musterhäuser nach dem Lego-Prinzip. Ein für deutsche Kunden gestaltetes Einfamilienhaus für weniger als 100.000 Euro könnte auch hierzulande Zielgruppen erreichen, die sich kein teures Eigenheim leisten können.

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