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In Finnland ist das bedingungslose Grundeinkommen ein Erfolg

In Finnland wird das bedingungslose Grundeinkommen getestet.

In Finnland wird das bedingungslose Grundeinkommen getestet.

Foto: peeterv / Getty Images/iStockphoto

Jurva  Seit Anfang des Jahres erhalten 2000 Arbeitslose in Finnland ein bedingungsloses Grundeinkommen. So hat das Geld ihr Leben verändert.

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Juha Järvinen setzt den Hobel an. Der hölzerne Drachenkopf braucht noch etwas Schliff. Er soll eine Trommel aus Rentierhaut schmücken, die er verkaufen will. Ein beliebtes Instrument unter Freunden volkstümlicher Musik. Auf dem Hof zwischen der Werkstatt und dem zweistöckigen alten Schulgebäude aus rotem Holz, das Juha vor Jahren kaufte, liegen Ende Oktober schon zehn Zentimeter Schnee.

Juha will mehr Menschen herlocken, in diese verlassene Gegend drei Zugstunden nordwestlich der Hauptstadt Helsinki. Er will investieren, den großen Raum neben seiner Werkstatt für Künstlerprojekte ausbauen. Raus aus der Sackgasse, in der er seit einigen Jahren steckt. „Das Grundeinkommen“, sagt der 39-jährige Finne, „bedeutet das Ende meiner Sklaverei.“

Das Experiment läuft über zwei Jahre

Seit Anfang des Jahres erhält Juva 560 Euro pro Monat von der Sozialversicherung. Geschenkt, steuerfrei, ohne Gegenleistung. Er ist Teil eines Experiments, das die finnische Regierung 2017 gestartet hat. Sie will das bedingungslose Grundeinkommen testen, 2000 Teilnehmer hat die Sozialversicherung unter rund 200.000 Arbeitslosen ausgelost.

Von Januar 2017 bis Dezember 2018 erhalten sie nun die monatliche Zahlung. Der Versuch soll Antworten auf eine entscheidende Frage liefern: Macht Geld, das man einfach so bekommt, die Menschen fauler? Neben der Finanzierung ist dies das Hauptargument der Gegner eines Grundeinkommens. Oder spornt es an zur Arbeit?

In seiner Werkstatt hat Juha früher Fenster und Türrahmen getischlert. Der Verkauf lief gut. Doch er wurde krank, depressiv. Es folgten Bankrott und Steuerschulden. Das Gehalt seiner Frau, das Arbeitslosen- und das Kindergeld summierten sich auf 3000 Euro – in einem reichen Staat wie Finnland nicht viel für zwei Erwachsene und sechs Kinder, wenn man auch noch einen Kredit abbezahlen muss.

Hinzuverdienen lohnt sich für Juha

Trotz der finanziellen Lage lehnte Juha, als es ihm gesundheitlich wieder besser ging, Anfragen für kleine Tischlerarbeiten ab. Denn er weiß: „Teilst du dem Amt mit, was du selbst verdienst, kommt das Arbeitslosengeld später.“ Bis die Berechnung fertig ist, können mehrere Wochen vergehen. „Da lasse ich das zusätzliche Arbeiten lieber sein.“

Mit dem Grundeinkommen ist es anders. Wenn die Testpersonen einfach weitermachen wie bisher, also wenig oder gar nicht selbst arbeiten, ändert sich für sie nichts. Sie erhalten dann ihr bisheriges Arbeitslosengeld. Er wirtschaften die Teilnehmer zusätzliches Einkommen, kommen die 560 Euro hinzu, ohne Abzüge. Im bisherigen System ist das anders. Erwerbslose in Finnland können nur maximal 300 Euro monatlich ohne Anrechnung zum Arbeitslosengeld hinzuverdienen. Erzielen sie mehr, wird ihnen ein erheblicher Teil der staatlichen Unterstützung gekürzt.

Vergleichbar mit Verhältnissen in Deutschland

Ähnlich ist in der Bundesrepublik das Arbeitslosengeld II (Hartz IV) geregelt. Die Folge: Von eigener Arbeit bleibt oft wenig übrig. Ein nennenswerter finanzieller Vorteil stellt sich erst ein, wenn man beispielsweise 1000 Euro monatlich selbst verdient. Der Sprung dorthin ist für viele Arbeitslose groß.

Mit dem Test will die finnische Regierung auch hierauf eine Antwort liefern: Suchen sich Erwerbslose selbst neue Tätigkeiten, wenn sie die Zusatzeinnahmen behalten dürfen? Zur Halbzeit ziehen Beobachter eine positive Zwischenbilanz. Finnische Medien berichten von vielen Teilnehmern, die eine Arbeit aufgenommen haben oder bereit sind, eine Geschäftsidee zu verwirklichen. Die Projektleiterin Marjukka Turunen sagt, sie fühlten sich weniger gestresst, würden daher mehr wagen.

Ökonomen fordern Grundeinkommen

Führende Ökonomen und Manager wie Tesla-Chef Elon Musk oder auch Telekom-Chef Timotheus Höttges plädieren für das Grundeinkommen noch aus einem anderen Grund: Weil im Zuge der Digitalisierung viele Jobs überflüssig werden, droht die soziale Spaltung. Es brauche daher neue Arbeitszeit- und Lohnmodelle, lautet ihr Argument.

In der Politik hat das Thema keine Brisanz. Immerhin, die Koalition aus Union, FDP und Grünen in Schleswig-Holstein hat ein „Zukunftslabor“ ins Leben gerufen, um neue Absicherungsmodelle, unter anderem das Grundeinkommen, zu diskutieren. In der Führungsebene der etablierten Parteien aber herrscht große Skepsis. „Keine gute Idee“, sagte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) diesen Sommer in einem Interview. SPD-Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles sieht das ähnlich.

Einer der deutlichsten Kritiker ist Armutsforscher Christoph Butterwegge, den die Linken als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten nominierten. „Eine Sozialpolitik nach dem Gießkannenprinzip widerspricht dem vorherrschenden Gerechtigkeitsverständnis“, sagt Butterwegge. Außerdem sei ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bundesbürger absurd teuer.

Bekämen alle Erwachsenen 800 Euro und die Kinder 400 Euro, kostete das den deutschen Staat über 700 Milliarden Euro im Jahr. Das entspricht etwa der Summe aller heutigen bundesdeutschen Sozialleistungen eines Jahres. Einen Teil davon könnte man zugunsten des Grundeinkommens streichen, andere, wie die Krankenversicherung, jedoch nicht. Einige Hundert Milliarden Euro müsste der Staat also zusätzlich aufbringen.

In Finnland sind viele von Experiment überzegt

Juha hat mittlerweile seine neue Firma Yxpila Art Production registrieren lassen. An der Wand der Werkstatt hängen zahlreiche Handtrommeln, an den Rückseiten jeweils verziert mit Tiermotiven und neuerdings auch mit Engelsgesichtern. „Die Darstellung von Menschen habe ich mir früher nicht zugetraut“, sagt Juha, „aber es funktioniert.“

Zu einem Festival nach Norwegen wurde er eingeladen, wo er einige Instrumente verkaufte. Eine deutsche Lehrerin will mehrere Trommeln erwerben. Überschlägt Juha seine aktuellen Einnahmen im Vergleich zum vergangenen Jahr, so kommt er auf ein monatliches Plus von ungefähr 1000 Euro.

In Finnland herrscht ein breiter Konsens, dass das Experiment eine gute Idee ist. Martti Talja, Sozialexperte des Zentrums, der größten Regierungspartei, sagt: „Die Internetökonomie gefährdet möglicherweise bis zu einem Drittel der Arbeitsplätze.“ Das aktuelle Experiment sei daher nur der Anfang. Spätestens ab 2020 werde man weitere Versuche durchführen, mit anderen Fragestellungen, eventuell mehr Teilnehmern. „Unser Sozialsystem macht viele Leute depressiv“, so Talja. „Wir müssen es modernisieren. Das Grundeinkommen ist vielleicht ein Teil dieses Prozesses.“

Juha blickt auf den verschneiten Schulhof. „Ich könnte jeden Tag zwei Trommeln bauen“, räsoniert er. Sein Ziel: In zwei Jahren will er sich wieder komplett selbst finanzieren.

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