Verbote aufgehoben

Heizpilze sollen die Gastronomen durch den Winter bringen

Heizpilze sind in manschen Kommunen auf städtischen Flächen verboten. Dies soll sich in diesem Winter wegen der Corona-Pandemie ändern.

Heizpilze sind in manschen Kommunen auf städtischen Flächen verboten. Dies soll sich in diesem Winter wegen der Corona-Pandemie ändern.

Foto: Daniel Karmann / dpa

Hagen.  Die wärmenden Geräte könnten den Umsatz sichern. Doch sie gelten als Klimaschädlinge. Das sagen Wirte, Hersteller und Nachhaltigkeitsforscher.

Marcus Müller ist Klimaschutzbeauftragter der Stadt Lüdenscheid. Ende 2019 hat er in einem Interview gesagt, dass er Heizpilze in der Gastronomie kritisch sehe. Wörtlich: „Um in der Winterzeit draußen zu sitzen, kann ich mir auch eine Decke nehmen.“

Heizpilzverbot in Lüdenscheid aufgehoben

Als er jetzt auf seine Worte von damals angesprochen wird, muss er lachen. Der Rat der Stadt hat soeben eine befristete Aussetzung des Heizpilz-Verbots bis April 2021 beschlossen. Die Entscheidung sei richtig, sagt Müller, „sie ist ein Zeichen an die in der Corona-Pandemie notleidende Gastronomie.“ Er könne gut damit leben: „Das Heizpilz-Verbot ist ja nicht aufgehoben, nur aufgeschoben. Die Situation erfordert Solidarität.“ Und überhaupt: Decken seien unter Hygiene-Gesichtspunkten derzeit kritisch.

Aus Sicht von Umweltschützern sind Heizpilze Klimakiller. Aber: Damit Wirte über den Winter kommen, hatte NRW-Ministerpräsident Laschet die Wärme-Geräte ins Spiel gebracht: „Mit Blick auf die Ausnahmesituation und den Gesundheitsschutz halte ich es für richtig.“

Siegen prüft das weitere vorgehen

Dem Dehoga in NRW zufolge gibt es nur in Teilen von Köln und Essen, in Münster, Warendorf und Siegen ein Heizpilz-Verbot. Für Südwestfalen bestätigt eine Anfrage dieser Zeitung bei 20 Kommunen diese Aussage. In Siegen könnte einer Sprecherin zufolge in Kürze das Verbot wie in Lüdenscheid bis Ende April 2021 ausgesetzt werden. Der Verwaltungsvorstand suche das Gespräch mit der Dehoga.

Schauplatz Hagen: Frank Beckenbach hat vor Tagen mit dem Ordnungsamt gesprochen, um zu erfahren, wie das nun ist mit den Heizpilzen. Über eine Aufhebung eines Verbots werde nachgedacht, habe man ihm gesagt. Ein Verbot, von dem die Stadt auf Nachfrage dieser Redaktion nichts weiß: „In Hagen gibt es kein Verbot und keine sonstigen Regeln zu Heizpilzen“, so eine Sprecherin.

Überlebenswille überwiegt

Es herrscht ein gewisses Durcheinander. Fest steht, dass die Gastronomen auf Heizpilze setzen: „Das wird eine riesige Erleichterung sein“, sagt Beckenbach, Gastro-Berater im Hagener Wirtshaus Spinne, dessen Inhaberin Beckenbachs Frau ist. Die Genehmigung, die Außengastronomie über den 30. September hinaus zu betreiben, haben beide schon. Das kostet 3500 Euro pro Saison. „Den Schaustellern des Weihnachtsmarktes werden die Standgebühren erlassen. Das ist super, aber ich hätte mich gefreut, wenn man das mit uns auch so gemacht hätte.“

Bei 65 Prozent des Vorjahres läge der Umsatz. „Wir können so gerade überleben. Es darf aber nichts mehr passieren.“ Zum Beispiel ein kalter Winter ohne Heizpilze und mit beschränkter Gästezahl im Innern. Vier Heizpilze will er kaufen. „Wir versprechen uns davon eine Menge. Gerade die älteren Menschen scheuen sich, drinnen zu sitzen.“ Und der Umweltaspekt? „Es überwiegt der Überlebenswille.“

„Es geht um Existenzen und Arbeitsplätze“

Da spricht er André Wiese vom H1 am See in Meschede aus der Seele: „Es geht um Existenzen und Arbeitsplätze in der Gastronomie.“ Und überhaupt: „Die jetzt Heizpilze als Klimakiller kritisieren, sind doch die, die Paketdienste durch die Gegend fahren lassen.“

Auch wegen der Explosionsgefahr bei Heizpilzen denkt Wiese über die Anschaffung von Infrarot-Strahlern nach. „Die sind zwar beim Kauf teurer, aber viel einfacher im Handling.“

Über Infrarot-Strahler als Alternative wird in der Öffentlichkeit ebenso diskutiert wie über größere Schirme, Windfänge, solarstrombetriebene Geräte oder Raumluftfilter im Innenbereich. Bei allem Unbehagen über Heizpilze, sagt Lüdenscheids Klimabeauftragter Marcus Müller, müsse man eines bedenken: „Beim Umweltschutz gibt es in Kommunen größere Baustellen: und zwar Verkehr und Gebäude.“

<<< Hintergrund >>>

So sehen es die Nachhaltigkeitsforscher: „Aus klimapolitischer Sicht sind Heizpilze problematisch“, sagt Oliver Wagner, Co-Leiter des Forschungsbereichs Energiepolitik am Wuppertal Institut. In der jetzigen Situation „über Ausnahmen zu diskutieren“, sei aber sinnvoll. Ein schlechtes Gewissen muss man nicht zwingend haben. Wer zu Fuß zur Kneipe gehe und dort unter einem Heizpilz säße, der handele weniger klimaschädlich als jemand, der sein Bier mit dem Auto an der Tankstelle hole, sagt Wagner. Und der Gastronom könne ja dafür andere Effizienzpotenziale im Bereich Kühlung und Beleuchtung erschließen.

So sieht es der Heizpilz-Hersteller: „Wir haben die Produktion bereits erhöht“, sagt Dr. Matthias Herfeld, Vorstand der Firma Enders Colsman in Werdohl, Europas größtem Hersteller von Heizpilzen. „Wir können aber nicht ausschließen, dass die Geräte im Oktober ausverkauft sind.“ Die Geräte seien in politischen Debatten zum Symbol des Klimaschädlings geworden. Dabei seien viele kursierende Werte hanebüchen.

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