Gastronomie

Gratiswasser in Gaststätten? Wirte streiten über EU-Idee

Wird es Leitungswasser in Gaststätten und Restaurants bald kostenlos und unaufgefordert geben? Die EU verhandelt dazu eine europaweite Richtlinie.

Wird es Leitungswasser in Gaststätten und Restaurants bald kostenlos und unaufgefordert geben? Die EU verhandelt dazu eine europaweite Richtlinie.

Foto: Roland Weihrauch/dpa

Essen.   Die EU feilt an einer Richtlinie für kostenloses Leitungswasser in Gaststätten. Im Ruhrgebiet gehen die Meinungen darüber weit auseinander.

In vielen Nachbarländern ist es bereits gang und gäbe, in Deutschland könnte es bald so weit sein: kostenloses Trinkwasser beim Besuch im Restaurant, der Gaststätte oder im Café. Über eine entsprechende EU-Richtlinie wird derzeit in der Europäischen Kommission verhandelt. Zwar ist noch nichts endgültig entschieden, doch sind bereits jetzt die Meinungen darüber geteilt. Während Befürworter den politischen Vorstoß als „unfassbar nötig“ bezeichnen, ärgern sich die anderen, vor allem Wirte, über die geplante Bevormundung.

„Preis und Angebot ist eine Sache des Gastronomen“, sagt etwa Thorsten Hellwig, Sprecher des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in NRW. „Ich sage das jetzt überspitzt, aber: Wo soll denn das noch hinführen? Dass jeder die Toiletten benutzen darf? Dass es Brot für alle gibt?“ Ein Gastronom habe ein Unternehmen zu führen, das Kosten verursacht. Miete, Gehälter, Steuern, Heizung, Beleuchtung – all das müsse bezahlt werden.

„Wasser ist ein Teil der Verkostung und ein Umsatzbringer“, so Dehoga-Sprecher Hellwig. „Wir sehen keinen regulatorischen Bedarf, ein Gesetz zu konstruieren. Wenn ich einen Espresso und ein Glas Wasser dazu bestelle, bekomme ich das auch. Wir Gastronomen sind Freunde davon, angesprochen zu werden.“

Einige Gastronomen schenken längst kostenlos aus

Im Mülheimer Restaurant Ronja etwa funktioniert das genau so. „Wer kommt und Leitungswasser haben will, bekommt das“, sagt Inhaber Sinan Bozkurt. „Auch Hunde.“ Angst vor einem Umsatzverlust hat er nicht. Zudem sieht er Deutschland als Nachzügler: „In vielen anderen Ländern wird das schon immer so gemacht“, sagt er.

Im Restaurant Am Kamin, ebenfalls in Mülheim, heißt es: „Normalerweise stellen wir nicht sofort Leitungswasser auf den Tisch. Aber wenn Gäste danach fragen, bin ich mir sicher, dass wir es ihnen ausschenken würden.“

Offensiver geht es die Kampagne „Refill“ an. Restaurants und Gaststätten können sich über eine Homepage registrieren und erhalten dann einen blau-weißen Sticker, den sie außen an ihrer Lokal anbringen. Er zeigt an: Hier gibt es „Kostenfrei Trinkwasser“. Gestartet wurde die Kampagne 2017 in Hamburg.

„Es ist peinlich, dass Deutschland das noch nicht hat“

Inzwischen gibt es deutschlandweit rund 3000 Refill-Stationen und 130 ehrenamtliche Mitarbeiter. Einer davon ist Stefan Alscher. Gemeinsam mit einem kleinen Team Ehrenamtlicher organisiert er „Refill“ im Ruhrgebiet. „Wir finden es unfassbar nötig, dass diese EU-Richtlinie kommt“, sagt er. „Es ist peinlich, dass eine Industrienation wie Deutschland sowas noch nicht hat.“

Allein in Essen gibt es inzwischen an die 40 Refill-Stationen. Jeder, der möchte, kann sich hier Leitungswasser in ein mitgebrachtes Gefäß abfüllen – kostenlos und ohne Bedingung. „Die Kosten liegen für die Gastwirte bei unter einem Cent pro Liter“, sagt Alscher. „Viele Gastronomen nehmen Refill als Marketinginstrument wahr. Aber natürlich gibt es auch Irritationen.“

Irritationen, wie sie etwa Dehoga-Sprecher Hellwig teilt: „Es ist vollkommen in Ordnung, wenn ein Unternehmen sagt, ich mache das und nutze das als Marketinginstrument. Aber ich verstehe die gesetzliche Notwendigkeit nicht.“

Das Leitungswasser in Deutschland ist sicher

Am 27. März wird im Europäischen Parlament erneut über die geplante Richtlinie debattiert. Anschließend müssen sich das EU-Parlament und der EU-Rat einigen. Sobald geschehen, hat Deutschland zwei Jahre Zeit, zu überlegen, wie mit der Richtlinie umgegangen werden soll. Davon hängt ab, wie die konkreten Auswirkungen auf Gastronomie- und Hotelbetriebe aussehen werden.

Die EU will mit der neuen Richtlinie außerdem regeln: Alle in der EU lebenden Menschen sollen einen besseren Zugang zu Wasser bekommen, Plastikflaschen vermieden und die Wasserqualität erhöht und besser kontrolliert werden.

Verbraucher, die bereits heute viel Leitungswasser trinken, müssen sich aber keine Sorgen machen. Die Verbraucherzentrale in NRW garantiert auf ihrer Homepage: „Leitungswasser ist in Deutschland überall von sehr guter Qualität. Sofern keine Bleileitungen im Haus sind, können Sie es problemlos trinken.“

Auch die Foodwatch-Sprecherin Sarah Häuser sagt: „Leitungswasser ist sicher, hat eine gute Umweltbilanz und kostet den Gastronomen oder die Gastronomin fast nichts. Es gibt viele gute Gründe dafür, dass kostenloses Leitungswasser in Cafés und Restaurants auch hierzulande selbstverständlich sein sollte – so wie in anderen Ländern auch.“

>>>> Wasser und Sanitärversorgung für alle

Am 22. März ist Weltwassertag. Dieses Jahr findet er unter dem Motto „Niemand zurücklassen - Wasser und Sanitärversorgung für alle“ statt. Unter dieser Prämisse verhandelt derzeit auch die Europäische Kommission.

Neben der „Verbesserung des Zugangs zu Wasser“ sieht die EU-Verordnung vor allem vor, die Standards für die Wasserqualität und deren Überwachung zu erneuern. Außerdem sollen die Verbraucher besser über Wasserqualität und -dienstleistungen informiert werden.

Am Freitag, 22. März, veranstalten Refill Essen und Ingenieure ohne Grenzen ab 20 Uhr ein Event im Café Eden in Bochum. Bei einer Powerpoint-Karaoke können sich die Gäste über das Thema Wasserverbrauch und Plastikvermeidung informieren. Mehr Infos auf der Facebook-Seite von Refill Essen.

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