Tabuthema Einkommen

Der Preis des Schweigens – warum wir nicht über Geld reden

Offener Umgang mit Gehältern hat Vor- und Nachteile. Die Deutschen sind im internationalen Vergleich zugeknöpft, aber die Mentalität ändert sich.

Offener Umgang mit Gehältern hat Vor- und Nachteile. Die Deutschen sind im internationalen Vergleich zugeknöpft, aber die Mentalität ändert sich.

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Essen.  Um ihr Gehalt machen Deutsche ein Geheimnis. Das hat Gründe – aber die neue Generation denkt anders. Fünf Wissenschaftler beziehen Stellung.

Über Geld spricht man nicht, haben viele Deutsche als Benimmregel gelernt. Fast 64 Prozent der Befragten einer Emnid-Studie (2015) bezeichnen Geld als Tabuthema. Selbst mit dem Partner wollen zwei Drittel der 18- bis 65-Jährigen keine völlige Offenheit über die Finanzen pflegen, ergab 2011 eine Befragung der Singlebörse Parship.

Wird der Mantel des Schweigens gelüftet, führt das regelmäßig zu Empörung. So im Fall der Duisburger Werkstätten für Menschen mit Behinderung: Die Chefin Roselyne Rogg hatte ihr eigenes Jahresgehalt auf 370 000 Euro erhöht, während der Salär der Mitarbeiter selbst gemessen am Landesdurchschnitt bescheiden ist. Rogg rechtfertigte ihre Bezüge als "angemessen", der Vorstand reagierte unter dem Druck von Medienberichten mit der fristlosen Entlassung der Managerin.

In der Regel bleibt es beim Schweigen. "Das hat in Deutschland eine kulturelle Tradition", bestätigt Professor Dirk Sauerland von der Universität Witten/Herdecke. Der Wirtschaftswissenschaftler zeigt an einfachen Beispielen die Vorteile der Diskretion auf: "Wenn ich meinem Nachbarn sage, dass ich mehr verdiene, wird daraus schnell eine unangenehme Neiddiskussion. Auch im Sport schlägt es auf den Teamgeist, wenn einzelne Spieler das Gehaltsgefüge sprengen. Da kann eine gewisse Intransparenz schon hilfreich sein."

In Schweden ist jedes Gehalt öffentlich

Experimente würden belegen: Arbeitnehmer freuen sich nur so lange über Boni, bis sie erfahren, dass andere noch mehr bekommen. Dann setze sich der Ärger durch – es sei denn, sie empfinden die unterschiedliche Belohnung als gerecht. Der offenere Umgang in der amerikanischen Kultur sei kein Zufall, meint Sauerland: "Dort gibt es die Erzählung 'Vom Tellerwäscher zum Millionär', die sozialen Aufstieg an das Gehalt koppelt." Bekannten oder der Familie das aktuelle Einkommen mitzuteilen, diene als Signal, dass man "die nächste Stufe" erklommen hat, erklärt der Professor.

Für Gegenbeispiele zur deutschen Geheimniskrämerei braucht der Blick nicht über den Atlantik zu schweifen. In Schweden etwa gibt das Finanzamt, von wenigen Ausnahmen abgesehen, einfachen Bürgern Auskunft über das steuerpflichtige Einkommen jedes beliebigen Steuerzahlers. Für den Service genügt es, die zehnstellige Personennummer zu kennen; jedes Jahr wird er millionenfach genutzt.

Bezahlung sagt wenig über die Leistung aus

Ist so eine Regelung auch in Deutschland vorstellbar? Stefan Süß von der Universität Düsseldorf bezweifelt das. Der Professor für Betriebswirtschaftslehre betont einen grundlegenden Unterschied: "Die Kultur in Schweden ist nicht so individualistisch wie die westeuropäische. Arbeitnehmer und Firmen betrachten ihren Beitrag eher als Teil einer Gesamtleistung der Gesellschaft."

Hierzulande gelte das Einkommen als stärkster Indikator für Erfolg, dabei sage es über die individuelle Leistung wenig aus. Entscheidend für die Bezahlung sei meist die Eingruppierung in eine Gehaltsklasse, die sich an schematischen Faktoren orientiert. Etwa: Art der Tätigkeit, Zahl der Dienstjahre. Bei Managern stünden Leistung und Geld oft in gar keinem rationalen Verhältnis mehr. "Viele bekommen Fantasiesummen, da fragt man sich mit Recht, wofür." Mehr Transparenz könne langfristig zu angemesseneren Gehältern beitragen, argumentiert der Wissenschaftler.

Neues Gesetz zeigt kaum Wirkung

Mit den Tariflöhnen und dem öffentlichen Dienst stehe Deutschland dabei gar nicht schlecht da, bemerkt Süß. Unter dem Aspekt der Lohngerechtigkeit dürfe man sich mit dem Status quo aber nicht zufrieden geben. "Für die gleiche Arbeit sollte es das gleiche Geld geben, egal ob Mann oder Frau. Transparenz ist dafür eine wichtige Voraussetzung."

Zu diesem Zweck hat die Bundesregierung das zum Jahresanfang in Kraft getretene Entgelttransparenzgesetz erlassen. Unter bestimmten Voraussetzungen berechtigt es Arbeitnehmer, über den Betriebsrat das durchschnittliche Gehalt von andersgeschlechtlichen Kollegen mit vergleichbarer Tätigkeit zu erfragen. Die Kriterien sind so eng gesteckt, dass praktisch kaum jemand davon profitiert, bemängeln Kritiker.

Jüngere sprechen offener über Geld

Die neue Regelung zeugt jedoch von einem Umdenken. Die "Bild-Zeitung" zitierte im Juni aus einer neuen Forsa-Studie, die eine wachsende Offenheit im Umgang mit Geld belegt. So gaben 65 Prozent der Befragten ab 60 Jahren an, ihre Freunde sollten nicht wissen, wie viel sie selbst verdienen oder besitzen. Bei den 18- bis 29-Jährigen teilen nur noch 36 Prozent diese Ansicht.

Die gleiche Beobachtung macht Jürgen Weibler, Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Fernuniversität Hagen, der im Netz regelmäßig über Wirtschaftsthemen vor allem für Führungskräfte schreibt: "Bei den Jüngeren wird über vieles lockerer gesprochen. Verlage und Plattformen im Internet bieten außerdem Gehaltsvergleiche an, so erhalten Arbeitnehmer heute relativ leicht eine Orientierungshilfe für die nächste Verhandlung."

Wissen ist Macht

Arbeitgeber hätten aus verschiedenen Gründen ein Interesse daran, die Informationshoheit über die Bezahlung zu bewahren. "Der Betrieb muss dann nicht begründen, warum jemand mehr oder weniger Geld bekommt. Erhält jemand Zulagen, und das wird allgemein bekannt, geraten die Vorgesetzten unter Druck – sie müssen rechtfertigen, warum andere keinen Bonus kriegen. Oftmals fehlen gute Gründe dafür", ist Weibler überzeugt.

Wissen ist Macht, das Arbeitgeber eifersüchtig hüten, sagt der Experte. Drohe ein Angestellter, die Firma zu verlassen und erreiche dadurch eine bessere Bezahlung, wolle die Chefetage das nicht über den Flurfunk verbreitet wissen: "Betriebe befürchten, damit indirekt weitere Arbeitnehmer zu diesem Vorgehen zu ermuntern."

Kein freier Wettbewerb

Ist das nicht freier Wettbewerb, von Wirtschaftsliberalen als Allheilmittel angepriesen? Professor Georg Felser, Wirtschaftspsychologe an der Hochschule Harz, äußert Bedenken: "In Bezug auf Gehälter ist der Wettbewerb weniger gesund, denn dieses Werkzeug besitzt keine Flexibilität nach unten. Es kommt ja praktisch nicht vor, dass ein einmal erreichtes Lohnniveau wieder sinkt." Darunter litten vor allem mittelständische Unternehmen, die mit den finanziellen Möglichkeiten großer Konzerne kaum konkurrieren könnten.

Ricarda Merkwitz glaubt, dass der Mittelstand andere Anreize setzen sollte. Die Professorin lehrt interkulturelles Management und Personalmanagement an der privaten ISM-Hochschule und kennt die Prioritäten der so genannten "Generation Y", zu der ihre Studenten zählen: "Flexible Arbeitszeiten, flache Hierarchien, Familienfreundlichkeit und Work-Life-Balance haben dem Thema Gehalt in dieser Altersgruppe den Rang abgelaufen." So hätten Mittelständler auch bei heiß umkämpften Fachkräften Chancen, sich gegen größere Firmen durchzusetzen.

Moderne Unternehmenskultur gesucht

Mit dieser Einschätzung ist sie nicht allein. Das Marktforschungsinstitut "Splendid Research" gibt in einer kürzlich veröffentlichten Studie zur Attraktvität von Arbeitgebern an: 43 Prozent der "Generation Y"-Angehörigen würden für Zusatzleistungen auf ein höheres Gehalt verzichten. Zu den beliebtesten zählen eine betriebliche Altersvorsorge, gute Verpflegung am Arbeitsplatz durch eine Kantine oder Obst und Getränke im Büro.

Ebenso stehen Firmenwagen und -geräte (Handy, Laptop, Tablet) hoch im Kurs. Ein als angemessen empfundenes Gehalt ist immer noch eins der wichtigsten Kriterien, genau so sehr achten die Berufseinsteiger von heute jedoch auf eine gute Arbeitsatmosphäre, Kollegialität und die Work-Life-Balance. Mit dem Begriff "New Work" sollten Arbeitgeber aber nicht unbedingt werben, denn bislang kann damit nur jeder Fünfte etwas anfangen, besagt die Studie.

Bei der Erziehung umdenken

Was den Stellenmarkt betrifft, habe die Zugeknöpftheit der deutschen Unternehmen beim Thema Gehalt in den letzten Jahren eher zu- als abgenommen, bemängelt Ricarda Merkwitz. Immer mehr würden sich vor dieser Angabe drücken oder vom Bewerber den ersten Vorschlag erwarten. Das fällt dem Nachwuchs bei allen Recherchemöglichkeiten im Internet nicht leicht.

Kein Wunder, wenn Geld in der Familie genau so wenig erörert wird wie in der Schule, sagt die ISM-Professorin und fordert mehr Offenheit schon in der Erziehung. Sich selbst nimmt sie davon nicht aus: "Ich habe meinen Sohn mal gebeten, unser Einkommen zu schätzen – Er lag weit daneben. Das hat mir gezeigt, wie wenig wir selbst mit unseren Nächsten darüber sprechen."

Sich vergleichen ist menschlich

Geld ist ein Tabuthema, weil es leicht für Konflikte sorgt. Nicht nur äußere, zwischen unterschiedlich Begüterten. Die Frage kann uns in innere Widersprüche stürzen: Gerade Deutsche wissen einerseits die individuellen Aufstiegsmöglichkeiten in der Marktwirtschaft zu schätzen. Andererseits glauben viele, dass der Wohlstand gleichmäßiger verteilt werden sollte, als es der Fall ist.

Garantiert Schweigen über die eigenen Einkommensverhältnisse den sozialen Frieden? Schon der Philosoph Arthur Schopenhauer hielt bei diesem Thema Lügen für moralisch vertretbar, bemerkt Georg Felser. In sozial gemischten Wohngegenden seien überschuldete Haushalte deutlich häufiger vertreten als in homogenen Quartieren – ein Beleg für die menschliche Neigung, sich nach oben zu vergleichen und gleichziehen zu wollen, auch über die eigenen Verhältnisse hinaus.

Spitzengehälter verpuffen weitgehend

Felser warnt daher vor Leichtsinn bei der Offenlegung von Gehältern. Nachvollziehbare Begründungen für Einkommensunterschiede könnten zur Akzeptanz beitragen, es gäbe aber Studien, die zeigen: Oft sind wir trotzdem unzufrieden. Völlige Geheimhaltung wäre aber auch kein gangbarer Weg, meint Stefan Süß: "Auch wenn wir nicht darüber sprechen, geben wir durch unsere Lebensweise deutlich erkennbare Hinweise auf unseren Wohlstand."

Jürgen Weibler ist überzeugt, dass mehr Transparenz am Ende allen nützt. Das Mitmachen beim Wettrennen um die beste Bezahlung gerade bei Managern hält er für verfehlt, dazu zieht er Erkenntnisse aus der Motivationstheorie heran. "Studien belegen sehr gut, dass bei steigendem Einkommen schnell ein Sättigungsniveau erreicht ist." Über den Punkt der leistungsgerechten Bezahlung hinaus würden vor allem Eitelkeiten befriedigt. Besser sei, die "high potentials" im eigenen Haus nach vorne zu bringen.

Abwandernde Manager sind ein Mythos

Ein Fass ohne Boden – trotzdem überbieten sich Konzerne bei den Topgehältern. Als "teure Logik" bezeichnet Weibler die Bereitschaft der Wirtschaft, die "Söldnermentalität" von Managern zu bedienen. Die oft bemühte Begründung, die Besten würden sonst ins Ausland verschwinden, hält er für ein Märchen: "Der Glaube daran beruht auf einer falschen Narration. Die Idee der Abwanderung ist eine Legende." Tatsächlich seien deutsche Spitzenmanager bei britischen und amerikanischen Topunternehmen fast nicht vertreten, obwohl die Gehälter dort höher sind, sagt der Wirtschaftswissenschaftler.

Seiner Ansicht nach sollten wir offener über Einkommensunterschiede sprechen, mit dem Ziel, eine gerechtere Bezahlung für alle zu erreichen. "Experimente zeigen beispielsweise: Wenn Mitarbeiter eines Teams die Gehälter selbst festlegen können, läuft das in der Praxis nicht aus dem Ruder. Das ist keine Science Fiction", nennt Weibler einen möglichen Weg.

Transparenz gehört zur Demokratie

Er warnt allerdings davor, alles der Logik der Wirtschaftlichkeit zu unterwerfen: "Die Materialisierung von Lebensverhältnissen ist raumgreifend und erodiert soziale Strukturen." Ein Versuch in einem Altersheim, der für solidarisches Verhalten ein Handelssystem mit Kioskgutscheinen einführte, zeige dies in erschütternder Deutlichkeit: Am Ende waren die Beteiligten nur noch bereit zu helfen, wenn der andere 'bezahlen' konnte.

Vollkommen einig sind sich die befragten Experten in drei Punkten. Dass Frauen für dieselbe Arbeit im Schnitt immer noch deutlich weniger verdienen als Männer, ist ein Missstand, bei dessen Beseitigung Transparenz eine wichtige Rolle spielt. Zweitens: In festen Partnerschaften heutzutage nicht offen über das jeweilige Einkommen zu sprechen, finden die Wissenschaftler geradezu vorsintflutlich.

Und: Der Nachwuchs kann mit der Geheimniskrämerei um das Einkommen deutlich weniger anfangen und hängt eine moderne Unternehmenskultur ähnlich hoch wie die monatliche Überweisung. Für ISM-Professorin Ricarda Merkwitz ist das die Zukunft: "Transparenz gehört zur Demokratie. Diesem Thema müssen wir uns in der Gesellschaft stellen."

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