Corona-App als Eintrittskarte?

Gastronomiebranche fürchtet um Existenz bei zweitem Lockdown

Leere Tische stehen vor einem Restaurant. Die Corona-Krise sorgt für deutliche Einbußen in der Gastronomie. Ein zweiter Lockdown wäre für viele Existenz bedrohend.

Leere Tische stehen vor einem Restaurant. Die Corona-Krise sorgt für deutliche Einbußen in der Gastronomie. Ein zweiter Lockdown wäre für viele Existenz bedrohend.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Hagen.  Die Infiziertenzahl in Deutschland steigt, die Politik schlägt Alarm. Gastronomen und Hoteliers bangen. Kommt die Corona-App als Eintrittskarte?

Die Lage in der Hotel- und Gastronomiebranche ist äußerst fragil. „Es geht weiterhin ums Ganze“, sagt Thorsten Hellwig, Sprecher des Dehoga (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband) in NRW. Mittlerweile wird sogar darüber diskutiert, ob die Corona-Warn-App als „Eintrittskarte“ zum Feiern herhalten könnte.

Die Diskussion um erneute Einschränkungen gewinnt angesichts steigender Infiziertenzahlen an Fahrt. Nach Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der kritisch auf Feiernde schaut, wurde das Thema am Dienstag auch im Berliner Senat diskutiert. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) kritisiert zu laxe Handhabung der Hygieneregeln in der Gastronomie: „Wir haben das Gefühl, dass da nachgesteuert werden muss“, sagte der Regierungschef nach der Sitzung.

Dehoga-Präsident: „Sicherer feiern als bei uns geht nicht“

Die ganze Branche zittert also vor erneuten Einschränkungen, nach den verlorenen Monaten im Frühjahr und der erst langsamen Erholung. Der Dehoga hat deshalb jetzt die Initiative „Mit Sicherheit gut ausgehen“ angestoßen, um Gastronomen, Hoteliers und ihre Gäste für die Einhaltung der sogenannten AHA-Regeln – Abstand, Hygiene, Alltagsmasken – zu sensibilisieren und eine „zweite Welle“ zu verhindern. Laut Dehoga NRW seien Infektions-Hotspots im Gastgewerbe die absolute Ausnahme. Man lehnt daher ein pauschales Verbot für Feiern in Gaststätten oder Hotels ab: „Die professionelle Gastronomie hat das Infektionsgeschehen bei uns in NRW bis jetzt nicht nennenswert beeinflusst, weil wir auch gerade bei den Feierlichkeiten auf die Einhaltung der Hygieneregeln pochen. Sicherer feiern als bei uns geht nicht“, behauptet Bernd Niemeier, Präsident Dehoga-NRW.

Erneute Einschränkungen würden seiner Ansicht nach den Todesstoß für noch mehr Restaurants, Kneipen, Cafés Hotels und Caterer bedeuten. Laut aktueller Dehoga-Umfrage erwartet die Branche für 2020 im Vergleich zum Vorjahr Umsatzrückgänge von 54 Prozent. Zweidrittel aller Betriebe sehen sich in ihrer Existenz gefährdet.

Ohne Corona-Warn-App kein Platz

Ob die Nutzung der Corona-Warn-App als Zugangsvoraussetzung für das Feierabendbier oder die Übernachtung sinnvoll ist, werde im Verband noch diskutiert. In Ostfriesland hat dies ein Campingplatzbetreiber bereits umgesetzt. Wer die App nicht nutzt, bekommt keinen Platz. Verbraucherschützer hatten sich vehement dafür ausgesprochen, dass die App freiwillig bleibt. Laut Bundesregierung haben seit aktuell 17,1 Millionen Deutsche die App heruntergeladen, die den Nutzern anzeigt, ob sie sich in der Nähe eines Infizierten aufgehalten haben.

„Zum jetzigen Zeitpunkt gehe ich nicht von dieser Notwendigkeit aus. Bislang wird die App im Zusammenhang mit der Öffnung von Clubs oder Diskotheken überlegt“, sagt Hellwig. Allerdings hängt vieles von der Entwicklung der Pandemie ab.

Mehr Interesse am Sauerland, aber 20 Prozent weniger Buchungen in den Ferien

Fragile Lage, über die auch die Tourismusexperten im Sauerland besorgt sind. Beim „Sauerland-Tourismusforum 2020“ zogen sie jetzt eine Zwischenbilanz, um zu schauen, was das erste Vierteljahr nach dem Shutdown der Region unter dem Strich beschert hat. So viel kann man sagen: Durchwachsene Geschäfte und unsichere Aussichten.

Demnach blieb ein Ansturm auf das Mittelgebirge zu Beginn der NRW-Sommerferien noch aus. Dann aber sei das Interesse der Urlauber stärker als erwartet gestiegen. Zunächst an Campingurlauben und Buchung von Ferienwohnungen, später auch an Hotelaufenthalten. Doppelt so viele Anrufe wie im Vorjahr bei der Hotline des Tourismusverbandes, eine Verdreifachung der Prospektbestellungen und 71 Prozent mehr Besuche der Internetseite „sauerland.com“ dokumentieren dies einerseits – andererseits gab es über das Buchungsportal rund 20 Prozent weniger Buchungen im Vergleich zu 2019.

50 Prozent weniger Geschäftsreisen

Eine Blitzumfrage der drei südwestfälischen Industrie- und Handelskammern Siegen, Arnsberg und Hagen zum Thema Geschäftsreisen ergab zudem, dass sich die Branche in diesem und auch im kommenden Jahr, vielleicht sogar grundsätzlich auf rückläufige Geschäfte einstellen muss, weil deutlich weniger Geschäftsreisen durchgeführt werden. 2020 rund 50 Prozent.

Ein Knackpunkt im Umgang mit der Corona-Pandemie und den daraus folgenden Einschränkungen sei laut Tourismusexperten, dass es keine bundesweit einheitlichen Regelungen gebe. „Das Denken auf politischer Ebene muss für eine ganze Region gelten, nicht für einzelne Orte oder einzelne Bundesländer und an der Landesgrenze ist Schluss“, moniert Norbert Lopatta, Tourismuschef aus Willingen - knapp außerhalb von NRW in Hessen gelegen, aber natürlich in einer Tourismusregion mit Winterberg & Co zu verorten. Vertrakte Lage.

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