Redaktionsbesuch

Evonik, Greta und der BVB: Konzernchef Kullmann im Interview

Evonik-Vorstandschef Christian Kullmann beim Redaktionsbesuch.

Evonik-Vorstandschef Christian Kullmann beim Redaktionsbesuch.

Foto: Michael Gottschalk / FFS

Essen.  Evonik-Chef Kullmann im Interview: So hat sich Evonik für härtere Zeiten gewappnet – und das denkt Kullmann über Thyssenkrupp, Greta und den BVB.

Greta Thunberg, Thyssenkrupp-Chef Kerkhoff und Borussia Dortmund – die Themenpalette im Gespräch mit Evonik-Vorstandschef Christian Kullmann ist breit. Für seinen Redaktionsbesuch hat sich Kullmann viel Zeit genommen. Ausführlich spricht er über die Lage des Essener Chemiekonzerns. Dass sich die Konjunktur abkühlt, geht auch an Evonik nicht spurlos vorbei. Droht nun zusätzlicher Stellenabbau? Wie geht es nach dem Veto von US-Wettbewerbshütern bei den Übernahmeplänen von Evonik in den Vereinigten Staaten weiter? Wie läuft das Geschäft in Deutschland – speziell in Marl? Was hält Kullmann davon, wenn sich Evonik-Mitarbeiter am „Klimastreik“ beteiligen? Was erwartet er von Borussia Dortmund in dieser Saison? Antworten gibt Kullmann im Interview mit unserer Redaktion.

Herr Kullmann, Rezessionssorgen machen die Runde. Kommen auf Deutschlands Industrie harte Zeiten zu?

Kullmann: Wir sehen, dass sich die Konjunktur in diesem Jahr eingetrübt hat. Das Wachstum verlangsamt sich. Aus heutiger Sicht dürfte sich diese Entwicklung 2020 fortsetzen. Darauf müssen wir uns einstellen.

Was heißt das für Evonik?

Kullmann: Wir werden unsere Hausaufgaben machen, indem wir uns darauf vorbereiten. Wir haben uns frühzeitig für kühlere, ja frostige Zeiten gewappnet. Hektik oder Hysterie sind aber fehl am Platze. Wir müssen nicht jetzt erst anfangen, Pudelmützen oder Schals zu stricken.

Sie haben schon vor Monaten ein Sparprogramm und den Abbau von 1000 Arbeitsplätzen verkündet. Ist es denkbar, dass Sie den Stellenabbau nochmal verschärfen?

Kullmann: Es war richtig, in guten Zeiten vorzusorgen. Fragezeichen, die es dazu bei uns vereinzelt gab, gibt es jetzt nicht mehr. Das bestehende Programm läuft. Mehr als die Hälfte der Stellen, die entfallen sollen, wollen wir bereits bis zum Jahresende abbauen – ohne betriebsbedingte Kündigungen, wie es unserer Unternehmenskultur entspricht. Ich habe die starke Hoffnung, dass das bestehende Programm angesichts der konjunkturellen Entwicklung ausreicht. Grundsätzlich bin ich optimistisch. Sollte es im nächsten Jahr Backsteine regnen, wäre die Situation neu zu bewerten.

In den USA stoßen Sie bei Ihren Übernahmeplänen für den Wasserstoffperoxid-Hersteller PeroxyChem auf Widerstand der Wettbewerbshüter. Der Fall landet nun vor Gericht. Wie stehen die Chancen, dass Sie noch zum Erfolg kommen?

Kullmann: Das Veto hat uns sehr überrascht. Wir können nicht erkennen, dass der Zukauf in irgendeiner Weise den Wettbewerb gefährden würde. Die Wasserstoffperoxid-Branche ist hart umkämpft. Wir halten unsere Rechtsposition für stark und sind zuversichtlich, dass wir die Transaktion noch abschließen können, wenn auch mit zeitlicher Verzögerung.

Durch den Verkauf des Methacrylat-Geschäfts von Evonik mit der Traditionsmarke Plexiglas kommen drei Milliarden Euro in die Kasse. Peilen Sie andere Firmenübernahmen an, sollten Sie bei PeroxyChem scheitern?

Kullmann: Dort, wo wir uns verstärken können, werden wir es tun. Das Schöne im Leben ist ja, dass sich immer wieder Chancen ergeben. Wenn sich Möglichkeiten bieten und die Bedingungen stimmen, sind wir da.

Die USA spielen bei den Expansionsplänen von Evonik eine wichtige Rolle. Dabei schlägt Präsident Trump zuweilen aggressive Töne an, wenn es um Unternehmen aus Europa geht. Wie passt das zusammen?

Kullmann: Evonik muss internationaler werden und die regionale Präsenz in unseren Kernmärkten Amerika, Asien und Europa stärken. So wollen wir uns unabhängiger machen von konjunkturellen Schwankungen oder Protektionismus. Wir wappnen uns gegen die Folgen von Handelskonflikten in den unterschiedlichen

Weltregionen, wenn wir in den jeweiligen Märkten über mehr Kapazitäten und Kraft verfügen. Aktuell stellen wir fest, dass die USA in einer guten konjunkturellen Verfassung sind. In Europa hingegen gibt es kaum noch Wachstum, auch in China hat sich die Konjunktur abgekühlt.

Lassen Sie uns über den Heimatmarkt Deutschland sprechen. Wie läuft das Geschäft vor der eigenen Haustür?

Kullmann: Deutschland ist auch im weltweiten Maßstab nach wie vor ein attraktiver Standort. Wir müssen aber auch die Ärmel hochkrempeln und uns an der einen oder anderen Stelle verbessern. Die Infrastruktur ist teils in einem maladen Zustand. Viele Brücken, Straßen und Wasserwege müssen erneuert werden, damit wir als Industrie Wohlstand sichern und Arbeitsplätze schaffen können. Wir investieren als Evonik mit hohem Aufwand in Spitzentechnologie in unserem Werk in Marl. Zugleich sehen wir marode Schleusen, die jederzeit ausfallen können. Das passt nicht zusammen. Wenn wir unsere Schiffe, die Rohstoffe nach Marl bringen sollen, nicht voll beladen können, haben wir ein Problem.

Fühlen Sie sich von der Politik im Stich gelassen?

Kullmann: Es ist gut, dass uns die NRW-Landesregierung dabei unterstützt, bei der Bundesregierung Gehör zu finden. Wir brauchen eine Lösung, um die Schleusen in Schuss zu bringen. Falls es der Bund nicht schafft, springen wir notfalls auch als Unternehmen ein. Entscheidend ist, dass die Schleusen schnell repariert werden: Zeitverzögerungen kosten Geld.

In nächsten Jahrzehnten soll die Industrieproduktion weitgehend klimaneutral werden. Droht der Chemieindustrie in Deutschland damit das Aus?

Kullmann: Richtig ist das Gegenteil! Die Chemieindustrie ist der Ingenieur der Zukunft. Ressourcen-Effizienz gehört zu unseren Schlüsselkompetenzen. Wer weltweit die beste Industrie hat, wird gewinnen. Für Evonik gilt: Schon jetzt tragen rund 50 Prozent unserer Produkte zur Ressourcen-Effizienz bei. Das ist auch im internationalen Vergleich ein absoluter Spitzenwert. Bis zum Jahr 2025 werden wir im Vergleich zu 2008 unsere CO2-Emissionen konzernweit um rund 50 Prozent gesenkt haben. Damit übertreffen wir sogar die ambitionierten Einsparziele der Bundesregierung.

Was halten Sie von der Klimaschutzbewegung Fridays For Future und Greta Thunberg?

Kullmann: Greta Thunberg ist in ihrer radikal-naiven Zuspitzung erfrischend. In meinem Urlaub habe ich ein Buch mit Reden von ihr gelesen. Zum einen sind ihre Themen nicht neu, zum anderen ist ihre Argumentation

mit einem vermeintlich wissenschaftlichen Absolutheitsanspruch problematisch. Es ist falsch, mit dem Klimaschutz lediglich ein Thema an die Spitze zu stellen und zugleich soziale und wirtschaftliche Belange unterzuordnen. Verantwortungsvolle Politik hat eine andere Aufgabe. Sie muss die Interessen ausbalancieren.

Der Aufschwung der Grünen lässt erahnen, wie wichtig vielen Menschen der Klimaschutz ist.

Kullmann: Zu Recht, und das gilt auch für mich. Aber nur mit Verboten und Verzicht wird es nicht gehen. So werden wir als Deutsche gewiss nicht Vorbild für die Welt. Politiker müssen die Interessen der Bevölkerung vertreten. Gewählt wird, wer den Menschen eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse verspricht und ermöglicht.

Ist es in Ordnung, wenn sich Evonik-Mitarbeiter am „Klimastreik“ am 20. September beteiligen?

Kullmann: Unsere Mitarbeiter können in ihrer Freizeit tun, was sie wollen, sofern sie sich an Recht und Gesetz halten. Und am Arbeitsplatz arbeiten wir dann alle daran, Evonik besser zu machen.

Ihr Konzernnachbar Thyssenkrupp befindet sich in einer schwierigen Situation. Welche Gedanken haben Sie, wenn Sie auf die Lage des Unternehmens blicken?

Kullmann: Wie es um Thyssenkrupp steht, kann Guido Kerkhoff besser beurteilen als ich. Ich denke: Er ist als Vorstandschef der richtige Mann am Ruder. Ich habe großen Respekt vor seinen Aufgaben.

Sie waren ein enger Vertrauter des verstorbenen Evonik-Gründers Werner Müller. Gibt es Grundsätze von Müller, die Sie im Unternehmen auch in Zukunft vorleben möchten?

Kullmann: Führe, wie du geführt werden willst. Habe eine klare Haltung. Und wenn Du eine Entscheidung getroffen hast, handele konsequent und wackele nicht rum.

Wie sehr fehlt Ihnen Müller persönlich?

Kullmann: Ich vermisse ihn.

Sollten sich Wirtschaftslenker häufiger zu politischen oder gesellschaftlichen Themen zu Wort melden?

Kullmann: Durchaus. Nehmen Sie die Debatte um den Soli. Ich finde es gut, dass die Bundesregierung 90 Prozent der Bevölkerung entlasten will, aber Spitzenverdienern, zu denen ich von Berufs wegen auch gehöre, mehr abverlangt. Wer mehr hat, muss auch mehr geben. Das ist auch eine Haltungsfrage.

Evonik ist Sponsor und Aktionär von Borussia Dortmund. Sie sind Mitglied des BVB-Aufsichtsrats. Kurze Frage mit Bitte um kurze Antwort: Wird Dortmund in diesem Jahr Meister?

Kullmann: Ja.

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