Industrie

Evonik-Chef mischt sich in Streit um Hambacher Forst ein

Evonik-Chef Christian Kullmann mischt sich in den Streit um den Hambacher Forst ein.

Evonik-Chef Christian Kullmann mischt sich in den Streit um den Hambacher Forst ein.

Essen/Berlin.   Evonik-Chef Kullmann mischt sich in den Streit um den Hambacher Forst ein. Er spricht von Gesinnungsdemokratie, Diktatur und deutscher Romantik.

Es ist kein alltäglicher Redetext, den Evonik-Chef Christian Kullmann zu seiner Reise nach Berlin mitgenommen hat. Dass Kullmann aufrütteln will, liegt auf der Hand. Über den Nachbarkonzern RWE spricht er und über den Hambacher Forst, über die Zukunft der Braunkohle – und über seine Branche, die Chemie. Kullmann fordert dabei nicht weniger als eine grundlegende Kurskorrektur in der deutschen Klimapolitik. Wohlgemerkt: All dies tut er, während sich die Grünen in einem Stimmungshoch befinden.

Kullmann, seit Mai vergangenen Jahres an der Spitze des BVB-Sponsors Evonik, ist am Donnerstag Redner bei einem Kongress der Gewerkschaft IGBCE, um über Deutschlands energieintensive Industrie zu sprechen. Bei weich gespülten Sätzen zur Bedeutung der Branche belässt er es nicht. Es ist erkennbar, dass er aufrütteln will.

„Das ist die Wiederkehr der deutschen Romantik“

Was wir zurzeit in unserem Land erleben“, sagt Kullmann, „das ist die Wiederkehr der deutschen Romantik“. Diese dreihundert Jahre alte philosophische Strömung erlebe „eine wundervolle Wiederbelebung“. Es sei „ein romantisches Gefühl“, das viele Menschen in Deutschland antreibe: Wenn es nur schnell gelingen möge, unseren CO2-Anteil an der Klimabelastung zu reduzieren, dann könne Mutter Erde endlich wieder durchatmen. Jedoch: „Die deutsche Romantik entstand im 18. Jahrhundert als Gegenbewegung zur Philosophie der Aufklärung. Und das Fundament der Aufklärung ist die Vernunft.“

Kullmann spricht von einer „gefährlichen Entwicklung“ im Land, deren Auswirkungen im Hambacher Forst zu beobachten seien. „Da gibt es Menschen, die meinen, sie seien moralisch im Recht“, sagt Kullmann, „und damit auch dazu berechtigt, allen anderen die eigene Haltung aufzuzwingen“. Direkt greift der Evonik-Chef große Umweltverbände an. „Eine Gesinnungsdemokratie mit Ausnahmeregeln für besonders Wohlgesinnte führt in eine Diktatur“, formuliert er. „Es ist daher schon alarmierend, wenn sich Greenpeace und der BUND weigern, auf Bitten des Vorstandsvorsitzenden von RWE gemeinsam gegen Gewalt im Hambacher Forst aufzurufen.“

„Gezänk und Gezerre um den Hambacher Forst“

Planungssicherheit sei die Voraussetzung dafür, dass Unternehmen und Anleger in Deutschland investieren, führt der Evonik-Chef aus. „Investoren fürchten nichts mehr als Zweifel an der Verlässlichkeit von unternehmerischen Planungen. Denn das macht Kalkulationen zu Lotterien.“ Vor diesem Hintergrund wirke „das Gezänk und Gezerre um den Hambacher Forst für sehr viele Akteure an den Kapitalmärkten verstörend“. Es irritiere, wenn Entscheidungen von Landesregierungen keinen dauerhaften Bestand haben und „Gerichte politikwirkend eingreifen“.

Für Grüne und Umweltorganisationen sei der Hambacher Forst „ein sehr nützliches Symbol“, so Kullmann, „weil er ein komplexes Thema auf ein Stück Wald reduziert“. Diese Vereinfachung sei Voraussetzung für jede Art von politischer Mobilisierung. Kullmanns Fazit lautet: „Was wir uns hier leisten, ist eine gesellschaftlich teure Symbolpolitik.“

„Das einzige, was wir haben, ist unsere Kohle“

Die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu beenden, sei zwar grundsätzlich eine gute Idee, doch Deutschland verfüge „weder über nennenswerte Erdgasvorkommen noch über Ölquellen“, gibt der Evonik-Chef zu bedenken. „Das einzige, was wir haben, ist unsere Kohle.“ Es ist eine klare Botschaft an die Berliner Regierungskommission, die in wenigen Wochen über die Zukunft der Braunkohle entscheiden soll.

Ein Unternehmen wie Evonik könne seine Produktion nicht voll und ganz mit Ökostrom betreiben. „Leider sind wir noch nicht imstande, Strom effizient zu speichern. Leider können unsere Netze die starken Schwankungen noch nicht souverän ausgleichen. Und der nötige Ausbau hinkt Jahrzehnte hinter dem Ausbau der Erneuerbaren-Stromerzeugung hinterher.“ Deutschlands Chemieindustrie mit rund 500.000 Beschäftigten müsse auch in Zukunft sicher und zu international wettbewerbsfähigen Preisen mit Energie versorgt werden. „So lange es auf diese Frage keine überzeugende Antwort gibt, kann es auch keinen Ausstieg aus der Kohle geben“, sagt Kullmann.

Befürworter der Pipeline Nord Stream 2

Die erneuerbaren Energien seien „noch Jahrzehnte davon entfernt“, Deutschland zuverlässig mit Grundlaststrom versorgen zu können. „Also blieben einzig und allein die Gaskraftwerke.“ Und dies in einem Land „ohne nennenswerte Gasvorkommen“. Daher zeigt sich Kullmann auch als Befürworter der international umstrittenen Pipeline Nord Stream 2, mit der russisches Gas nach Deutschland gelangen soll. „Das Gasgeschäft mit Russland in diesen Zeiten zu begrenzen, wäre grundfalsch“, sagt Kullmann. „Zugleich sollten wir auch die Möglichkeiten zum Import von Flüssiggas aus Amerika ausbauen. Schließlich wollen wir selbst entscheiden, wo wir in Zukunft unser Gas kaufen. Wir brauchen Wettbewerb zwischen den Lieferanten, um einen fairen Marktpreis bilden zu können.“

„Auch ich träume von einer gesünderen Welt“, sagt Kullmann. „Auch ich unterstütze die Politik, die für Umweltschutz, für weniger Emissionen und für eine effizientere Verwendung unserer Ressourcen eintritt. Doch bei alledem bin ich auch dafür, dass wir vernünftig handeln. Poesie gehört nicht in die Realität der Zukunftsgestaltung einer Industrienation – und sei sie noch so romantisch.“

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