Fachkräftemangel

Weshalb osteuropäische Pfleger Deutschland inzwischen meiden

Altenpfleger Marco Ristic

Altenpfleger Marco Ristic

Foto: Dietmar Wäsche

Castrop-Rauxel.   Die Altenpfleger eines Castrop-Rauxeler Pflegeheims kommen aus 19 Ländern. Ihr Weg nach Deutschland war oft lang und voll bürokratischer Hürden.

Völlig geistesabwesend wirken die beiden Senioren, die es sich auf der Bank im ersten Stock des Geros Seniorenheims am Stadtgarten in Castrop-Rauxel gemütlich gemacht haben. Die Pflegerin, die sie zum Mittagessen abholen möchte, bemerken sie kaum. Erst als Marco Ristic über den Gang der Wohneinheit „Stein“ auf sie zukommt, schauen sie auf, gehen auf den jungen Mann zu, begrüßen ihn mit Handschlag.

Es sind diese kleinen Momente, die der Altenpfleger an seinem Beruf liebt. Dafür verzichtet er auf vieles: Marco Ristic hat seine Frau und seinen Sohn in seiner Heimat Serbien zurückgelassen, um in Deutschland als Altenpfleger zu arbeiten. Denn in dem Balkanstaat gibt es für den 27-Jährigen keine Arbeit. Über die Initiative „Triple Win“ der Arbeitsagentur kam der gelernte Krankenpfleger deshalb 2016 ins Ruhrgebiet.

Die Pfleger kommen aus 19 Ländern

Für Alexander Boulbos und Michael Hube, Geschäftsführer der Altenpflegeeinrichtungen der Geros GmbH, ein Glücksfall: Sie haben, wie nahezu alle Seniorenheime, große Schwierigkeiten, Personal zu finden. Weil sie auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht genug Fachkräfte finden, rekrutieren sie seit einigen Jahren Altenpfleger aus dem Ausland, viele auch aus Ländern außerhalb der EU.

Ohne sie ginge es kaum noch, beschreibt Boulbos seine Notlage. Fast jede dritte der 170 Pflegekräfte in seinen drei Heimen kommen aus dem Ausland, die meisten aus Nicht-EU-Ländern. Auf einer Weltkarte auf dem Gang markieren Stecknadeln ihre Herkunftsländer: Serbien, Mongolei, Sri Lanka, Iran, Ghana, Peru,... Insgesamt 19 Länder rund um den Globus.

Nicht nur in den Altenheimen der Geros GmbH ist die Arbeiterschaft international. Landesweit setzen Altenheime auf Personal aus dem Ausland. Das ist jedoch nicht ganz einfach. Denn oft ist der Weg nach Deutschland lang, nicht nur geografisch. Die Seniorendienste Hilden sowie die Diakonie Düsseldorf sind gerade dabei, Altenpflegerinnen aus Marokko auf die Arbeit im Rheinland vorzubereiten, wie die WZ berichtete. Diese werden zunächst über mehrere Monate in dem afrikanischen Staat auf ihre Aufgaben vorbereitet, bevor sie in die Türkei reisen. Dort sollen sie den nötigen Deutschtest ablegen. Erst dann können sie ein Visum in Deutschland beantragen.

Wer in Castrop-Rauxel anfangen möchte, muss sich erst einmal persönlich dort vorstellen und bekommt dann einen Arbeitsvertrag. Mit dem im Gepäck geht es zurück in die Heimat. Über die deutsche Botschaft muss die Einreise geregelt werden. Das kann mitunter Jahre dauern, wie Boulbus und Hube berichten. Und wenn der Umzug nach Deutschland geklappt hat, warten weitere Bürokratie-Hürden. Es gilt, einen Sprachtest und eine Prüfung der beruflichen Kenntnisse zu bestehen.

Die Durchfallquote bei der Kenntnisprüfung ist hoch

Rund 10.000 Euro kommen so zusammen, bevor Pflegekräfte wie Marco Ristic überhaupt ihre Arbeit in Deutschland aufnehmen können. Weil der Aufwand gerade für kleinere Einrichtungen enorm ist, spezialisieren sich immer mehr Unternehmen auf die Vermittlung ausländischer Pflegekräfte. Einige, wie etwa die Dekra, bereiten die Bewerber in ihren Heimatländern auf die Prüfungen in Deutschland vor. Dass diese die Tests dann auch tatsächlich bestehen, ist damit nicht gewährleistet. Gerade bei der Kenntnisprüfung der Bezirksregierungen sei die Durchfallquote hoch, berichten Bewerber und Einrichtungen.

Dabei leisteten die ausländischen Kräfte hervorragende Arbeit, wie Boulbos betont. „Die Leute sind überdurchschnittlich motiviert. Sie haben ein schönes Menschenbild und Respekt vor dem Alter.“ Zwar käme es gerade in der Anfangsphase zu sprachlichen Schwierigkeiten, aber nachdem sich diese gegeben hätten, seien auch die Bewohner und ihre Angehörigen sehr angetan.

Ausländische Kräfte sind oft höher qualifiziert

Die Gewerkschaft Verdi betont, dass Pflegekräfte in vielen Ländern ein Studium absolvieren müssten und dort ähnliche Kompetenzen wie Ärzte hätten. Sie würden daher oft deutliche Abstriche machen, wenn sie nach Deutschland kommen. „Das wird als Abwertung wahrgenommen. Viele fühlen sich als Hilfskraft.“

Auch der Verband für Pflegeberufe beobachtet, dass der deutsche Arbeitsmarkt für Europäer unattraktiver wird. Der Zustrom aus Osteuropa habe inzwischen deutlich abgenommen, dafür kämen vermehrt Menschen aus dem asiatischen Raum, etwa den Philippinen und Vietnam.

In Serbien hatte Marco Ristic auch andere Aufgaben als in Castrop-Rauxel. Er durfte selbst Medikamente verabreichen, Körperpflege übernahmen dort die Angehörigen der Senioren. In Deutschland bleiben möchte er trotzdem. „Ich sehe meine Perspektive ganz klar hier“, sagt er. Er habe sich bereits hier integriert, eine Wohnung gemietet, ein Auto gekauft. Sobald wie möglich möchte er nun seine Familie nachholen. Seinen Arbeitgeber freut das, nicht nur, weil sich die Investition gelohnt hat: „Wir wollen langfristige Bindungen eingehen“, betont Boulbos.

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