Corona-Krise

Die Not der Studierenden: Reichen die Hilfen der Regierung?

Coronavirus: Fünf Krisen-Tipps für Studenten

Bekommen Studierende in der Corona-Krise Kurzarbeitergeld? Oder mehr Bafög? Wir beantworten im Video die wichtigsten Fragen für Studierende vom Nebenjob bis zum Semesterticket.

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Berlin.  Zahlreiche Studierende haben durch die Corona-Pandemie einen Job verloren. Für viele wird die finanzielle Situation immer ernster.

Die Corona-Krise hat die Göttinger Studentin Nefel Ceylen kalt erwischt. Um ihr Lehramtsstudium zu finanzieren, jobbte Ceylen neben dem Studium in der Gastronomie. Anfang April wollte sie eine neue Stelle antreten, doch die Pandemie durchkreuzte ihre Pläne. Die Restaurants waren geschlossen, aus dem neuen Job wurde nichts.

„Die Kosten für Lebensmittel und Miete liefen aber weiter. Dann hatte ich mitten in der Krise meinen 25. Geburtstag und musste mich ab diesem Zeitpunkt selbst krankenversichern“, berichtet Ceylen. Auch die Möglichkeiten ihrer Eltern, sie und ihre drei Geschwister finanziell zu unterstützen, waren begrenzt.

„Ich wollte auf keinen Fall, dass sich meine Eltern für mein Studium verschulden müssen“, sagt Ceylen. Also brauchte sie ihre Rücklagen auf, die eigentlich für Reisen und Freizeitausgaben gedacht waren, lieh sich Geld bei einem Freund. Trotzdem rutschte ihr Konto ins Minus.

Soforthilfen des Bundes: Bis zu 500 Euro pro Monat

Der Sofortzuschuss für Studentinnen und Studenten in akuter Notlage vonseiten der Bundesregierung kam für sie wie gerufen. Seit Juni stellt der Bund über die Studentenwerke einen Fördertopf von insgesamt 100 Millionen Euro bereit, um Studenten, die in akute finanzielle Nöte geraten sind, zu unterstützen. Für die Monate Juni, Juli und August können jeweils Anträge auf die Überbrückungshilfe gestellt werden, bis zu 500 Euro werden pro Monat gezahlt.

Nefel Ceylen stellte je einen Antrag für Juni und Juli, beide wurden bewilligt. „Das entlastet wirklich sehr“, sagt die 25-Jährige. Mit der Soforthilfe beglich sie ihren negativen Kontostand, zahlte ihre Miete und ihre Versicherungskosten.

40 Prozent der Studierenden haben durch die Krise einen Job verloren

Wie Ceylen geht es vielen der rund 2,9 Millionen Studenten in Deutschland. Laut einer Umfrage des Personaldienstleisters Zenjob haben 40 Prozent der Studenten durch die Krise einen Job verloren. „Im Normalfall besteht ein großer Bedarf an studentischen Aushilfen im Bereich Event sowie in der Hotellerie und Gastronomie“, sagt Zenjob-Geschäftsführer Fritz Trott.

Gerade diese Branchen sind aber von der Pandemie besonders betroffen. Und auch die sonst beliebten Ferienjobs – etwa auf Festivals, Konzerten oder als Kellner im Biergarten – würden in diesem Jahr größtenteils fehlen, so Trott.

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150.000 Anträge sind im Juni und Juli eingegangen

Immer mehr Studenten sind daher auf die Hilfen des Bundes angewiesen. Im Juni und Juli sind 150.000 Anträge auf die Überbrückungshilfe beim Deutschen Studentenwerk (DSW) eingegangen. Für den Hochschuldachverband ist die Bearbeitung eine Kraftanstrengung.

Binnen fünf Wochen wurde eine Online-Plattform geschaffen, über die die Antragstellung erfolgt. 1300 Sachbearbeiter prüfen nun jeden Antrag einzeln. „Pro Tag werden bis zu 6500 Anträge bearbeitet“, berichtet DSW-Generalsekretär Achim Meyer auf der Heyde.

121.000 Anträge sind bearbeitet worden, rund 66.000 Anträge wurden bewilligt. Von den bereitgestellten 100 Millionen Euro sind über 28 Millionen Euro bereits ausgezahlt worden.

„Diese Zahlen zeigen, dass die Überbrückungshilfe gut angenommen wird und ein wichtiger Baustein ist, um Studierende in Notlagen in dieser herausfordernden Zeit zu unterstützen“, sagt der parlamentarische Staatssekretär im Bundesbildungsministerium, Michael Meister.

40 Prozent der Anträge werden abgelehnt

Das sehen aber nicht alle Studenten so. Die Brandenburger Medizinstudentin Hannah B. ist frustriert über die Antragstellung. Zwei Mal versuchte sie, Soforthilfe zu beantragen, zwei Mal wurden ihre Anträge abgelehnt. Die 23-Jährige hatte bis zur Krise neben dem Studium im Einzelhandel als Kassiererin gejobbt, aufgrund der Krise wurden ihre Schichten gekürzt. Zur Hochphase der Pandemie half die Medizinstudentin in einer Arztpraxis aus – unentgeltlich.

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Als Einnahmequelle blieb fast nur noch die elterliche Unterstützung, ihre Rücklagen brauchte sie nahezu auf. „Wenn man noch bis zu 400 Euro auf dem Konto hat, kann man ohnehin nur 100 Euro beantragen. Aber noch nicht einmal diese Unterstützung wurde mir gewährt“, ärgert sich die Studentin. Der Grund für die Absage wurde ihr nicht genannt.

Die 23-Jährige ist kein Einzelfall. Laut dem Deutschen Studentenwerk wurden 40 Prozent der eingegangenen Anträge abgelehnt. „Der häufigste Grund bei der Ablehnung ist, dass die Notlage nicht neu ist, sondern schon vor der Krise vorhanden war. Es ist ein strukturelles Problem“, sagt Meyer auf der Heyde.

Fast jeder Zweite braucht das Geld zum Schuldenabbau

Nur wer nachweisen kann, dass er aufgrund der Corona-Krise in finanzielle Nöte geraten ist und auch die Eltern nicht mehr einspringen können, erhält den Zuschuss. Aktuell kommt das Geld bei vielen an, die bereits in die roten Zahlen gerutscht sind.

Wie aus einer aktuellen Zenjob-Umfrage hervorgeht, nutzen 47 Prozent der Studierenden die Soforthilfen, um Schulden zu begleichen. Knapp jeder Zweite braucht das Geld für die Miete, jeder Dritte für den Semesterbeitrag. Bei zwei Prozent der Studierenden hat die Krise sogar dazu geführt, sich exma­trikulieren zu müssen. Und der Druck wächst. 70 Prozent der Befragten gaben an, dass sie spätestens im kommenden Monat einen Job benötigen.

KfW-Kredite ebenfalls stark nachgefragt

Bevor die Soforthilfen nach zähem Ringen zwischen CDU/CSU und SPD im Juni in Kraft traten, hatte die Regierung in der Krise bereits die Möglichkeit eines Studienkredits über die staatliche Förderbank KfW geschaffen. Für viele Studierenden war der Kredit die letzte Chance, um laufende Kosten zu begleichen.

So weit wollte es Frank Thomsen, Geschäftsführer der Kinokette Cinemaxx, nicht kommen lassen. Das Unternehmen betreibt 31 Kinos in ganz Deutschland – und 40 Prozent der 1300 Mitarbeiter sind Studierende. Während die Lichtspielhäuser im Corona-Lockdown geschlossen waren, konnten sie kein Kurzarbeitergeld beziehen. Schließlich zahlen sie nicht in die Arbeitslosenversicherung ein.

Thomsen wollte seine jungen Mitarbeiter, die er als „hoch motivierte, gut eingespielte Teams“ bezeichnet, davor bewahren, die KfW-Kredite in Anspruch nehmen zu müssen. „Sich bereits in diesem Alter verschulden zu müssen, halte ich für einen großen Fehler“, sagte der Cinemaxx-Chef unserer Redaktion. „Nach einem wirtschaftlich sehr guten Jahr 2019 und Jahresanfang 2020 haben wir es dazu nicht kommen lassen.“ Die Studierenden erhielten während des Lockdowns 90 Prozent ihres üblichen Lohns – auf diese Höhe stockte Cinemaxx auch das Kurzarbeitergeld für alle anderen Mitarbeiter auf.

Die Regel war das bei vielen Unternehmen aber nicht. Stattdessen haben sich Tausende Studierende in der Krise verschuldet. 22.000 Anträge auf den Kredit sind seit Mai eingegangen, das Gesamtvolumen beläuft sich auf 641,6 Millionen Euro.

Studentenwerks-Chef begrüßt Zuschuss

Studentenwerkschef Achim Meyer auf der Heyde hält es für richtig, dass die Regierung mit dem Zuschuss nachgebessert hat. „Hätte es nur das Darlehen gegeben, wären diejenigen bestraft worden, die ohnehin schon einen Job neben dem Studium ausüben und diesen nun verloren haben. Sie hätten sich nicht nur einen neuen Job suchen, sondern später das Darlehen zurückzahlen müssen“, so Meyer auf der Heyde.

Für die Göttinger Studentin Nefel Ceylen hat sich die Überbrückungshilfe gelohnt. Sie hat mittlerweile einen neuen Werkstudentenjob gefunden, dieses Mal im Einzelhandel. Auf eine neue Stelle in der Gastronomie will sie sich nicht bewerben. „Man weiß nicht, ob alle weiter mitziehen und eine zweite Covid-19-Welle verhindern. In eine Situation wie beim ersten Mal will ich nicht noch einmal kommen“, sagt sie.

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