Verschwendung

Elf Millionen Tonnen Lebensmittel landen jährlich im Müll

82 Kilogramm Lebensmittel wirft jeder Deutsche im Schnitt jährlich in den Müll. Aber auch der Handel trägt zur Verschwendung bei.

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82 Kilogramm Lebensmittel wirft jeder Deutsche im Schnitt jährlich in den Müll. Aber auch der Handel trägt zur Verschwendung bei. Foto: dpa

Essen.   Jeden Tag landen unzählige Brote, Joghurts und Obst im Müll. Elf Millionen Tonnen sind es pro Jahr. Doch bei den Tafeln kommt immer weniger an.

Elf Millionen Tonnen. Tomaten, Brot oder Joghurt. Jedes Jahr landen allein in Deutschland riesige Mengen Lebensmittel im Müll. 82 Kilogramm wirft jeder Deutscher nach Zahlen des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft im Schnitt jährlich weg. Aber auch der Handel trägt zur Lebensmittelverschwendung bei. Trotz aller Bemühungen, den Wareneinkauf besser zu managen, landen noch immer Supermarktwaren tonnenweise im Abfall statt im Kühlschrank der Verbraucher. Und eher weniger bei den Tafeln, obwohl die immer mehr Bedürftigen zu helfen versuchen.

„Wir bekommen von den Supermärkten immer weniger Lebensmittel“, sagt Wolfgang Weilerswist, Vorsitzender des Landesverbands der Tafeln in NRW. Grund sei, dass die Händler inzwischen anders planten und einkauften. Die Tafeln haben sich deshalb Alternativen überlegt, um diesen Verlust zu kompensieren und sich direkt an die Hersteller gewandt. Ware, die nicht verkauft wird oder Überproduktionen bringen Lkw in Verteilzentren, etwa in Essen und Dortmund.

Tafeln führen Wartelisten

Von dort aus werden die Lebensmittel an die Tafeln verteilt, die um die 450 000 Menschen in NRW versorgen. „In Essen stehen im Moment rund 3500 Menschen auf der Warteliste“, sagt Weilerswist. Fünf bis zehn Prozent von dem, was Supermärkte aussortieren, bekommen die Tafeln, schätzt Weilerswist. Der übrige Teil lande entweder bei anderen Hilfsorganisationen, Initiativen – oder eben auf dem Müll.

„Für den Handel ist es einfacher, die Lebensmittel wegzuwerfen als diese an die Menschen zu verteilen“, kritisiert Frank Bowinkelmann, Vorsitzender der Initiative Foodsharing. Auf ehrenamtlicher Basis organisieren sich dort Menschen, die von den Supermärkten ausrangierte Lebensmittel abholen und untereinander verteilen. „Dass die Händler mit uns kooperieren, hat auch betriebswirtschaftliche Gründe. Wenn wir Lebensmittel bei ihnen abholen, können sie ihre Müllkosten reduzieren“, sagt Bowinkelmann.

Produkte werden günstiger verkauft

Der Discounter Aldi Süd ist einer der Lebensmittelhändler, der mit Tafeln zusammenarbeitet. Nicht mehr für Menschen genießbare Waren gibt das Unternehmen als Futtermittel an Landwirte oder Tierheime weiter, teilt Aldi Süd auf Anfrage mit. Grundsätzlich werde aber versucht, Lebensmittelverluste zu minimieren. So werden Produkte, die bald ihr Mindesthaltbarkeitsdatum erreichen, zu reduzierten Preise verkauft. Dafür sprechen auch wirtschaftliche Gründe. Zur Menge der entsorgten Lebensmittel kann Aldi Süd keine Angaben machen.

Die Rewe Gruppe, zu der die Penny-Discounter und die Rewe-Supermärkte zählen, verkauft im Jahresdurchschnitt bis zu 99 Prozent der georderten Lebensmittel, erklärte das Unternehmen auf Anfrage. Rewe setzt auf ein automatisiertes Bestellverfahren sowie ein Prognosesystem, das unter anderem die Wettervorhersagen berücksichtigt. Bei gutem Wetter sollten also nicht nur genügend Grillwürstchen auf Lager sein, sondern auch beachtet werden, welche Produkte sich dann schlechter verkaufen. Die Verlustquoten sollen so gering gehalten werden. Den Großteil der dennoch übrig bleibenden Produkte spendet Rewe nach eigener Aussage ebenfalls an die Tafeln.

Verpackungsweise fördert Verschwendung

Frank Bowinkelmann von Foodsharing ist davon überzeugt, dass deutlich weniger Lebensmittel weggeworfen werden müssten: „Die Art und Weise, wie Obst und Gemüse verpackt wird, führt dazu, dass viele Produkte im Müll landen.“ Paprika im Dreierpack oder in Folie eingeschweißte Tomaten meint der Foodsharing-Vorsitzende.

Ebenso Angebote wie „Kaufe drei, zahle zwei“ führten dazu, dass Kunden mehr einkaufen als sie bräuchten. Der Lebensmittel-Retter appelliert nicht nur an den Handel, sondern auch an die Verbraucher: „Konsumenten sollten wieder mehr auf ihre eigenen Sinne vertrauen.“ Abgelaufene Joghurts etwa könnten einfach mal probiert werden. Die Produkte seien meist länger haltbar als auf den Verpackungen angegeben.

Übrig gebliebenes Essen über App bestellen

Gegen die Verschwendung von Lebensmitteln wollen auch die Gründer des Unternehmens „Too good to go“ (deutsch: Zu gut zum Wegwerfen) etwas tun. Über die gleichnamige App können sich Verbraucher bei Supermärkten, Bioläden, Restaurants, Hotels oder Bäckereien übrig gebliebenes Essen zu einem vergünstigten Preis abholen. Die Macher der App finanzieren sich über eine Gebühr von einem Euro pro Bestellung.

Insgesamt sind in Deutschland rund 800 Partnerläden mit dabei, besonders viele in Städten wie Berlin, Hamburg, München und Düsseldorf. Aber auch im Ruhrgebiet machen einige mit, in Dortmund sind es etwa 28, in Essen 13. Täglich kommen neue hinzu. Auch Sindy’s Frühstücksservice aus Herne ist dabei. Seit November 2016 bietet Sindy Dzierzenga über die App eine Tüte voll mit Brot, Brötchen oder Kuchen an. „Je nachdem, was gerade übrig bleibt“, sagt die Inhaberin. Die Nachfrage sei ganz unterschiedlich. Mal gebe es Wochen, da werde viel über die App bestellt, dann wieder wenig. Aber: „Zehn Brötchen, die ich nicht wegzuwerfen brauche, sind schon ein Erfolg.“

>>> Diskussion um Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums

  • Um die Lebensmittelverschwendung zu verringern, wird diskutiert, das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) abzuschaffen und stattdessen einen Hinweis ähnlich wie in den USA einzuführen. Dort steht auf den Produkten „Best before ... “ (deutsch: Am besten vor dem ...). Das MHD sei kein Verfallsdatum, sondern Lebensmittel auch nach dessen Ablauf häufig noch genießbar.
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