WAZ-Interview

Commerzbank will Sparkassen und Volksbanken Kunden abjagen

Michael Reuther auf dem Dach der Redaktion in Essen.

Foto: Andre Hirtz

Michael Reuther auf dem Dach der Redaktion in Essen. Foto: Andre Hirtz

Essen.   Commerzbank-Vorstand Michael Reuther will Saprkassen und Volksbanken Firmenkunden mit halbierten Kreditzinsen abjagen. Ein WAZ-Interview.

Die Deutsche Bank in der Krise, Sparkassen und Volksbanken auf Schrumpfkurs – mitten im Umbruch der Finanzbranche wirbt die Commerzbank als zweitgrößtes Institut um Kunden. Mit Firmenkunden-Vorstand Michael Reuther sprach Frank Meßing über Mittelstand und die Lehren aus der Lehman-Pleite vor zehn Jahren.

Herr Reuther, die Commerzbank lockt gerade Kunden mit 100 Euro Guthaben auf dem neu eröffneten Girokonto. Werben Sie auch so forsch um Firmenkunden?

Michael Reuther: Selbstverständlich. Wir greifen vor allem die Sparkassen und Volksbanken an, die Filialen schließen. Wir wollen ihnen Kunden abjagen. Die Commerzbank finanziert 30 Prozent des deutschen Exports. Das können unsere lokalen Wettbewerber gar nicht darstellen. Wir sind bereits Marktführer bei Firmen mit einem Umsatz von 100 Millionen bis zu einer Milliarde Euro Umsatz. Nun wollen wir auch die Marktführerschaft bei den Unternehmen ab 15 Millionen Euro Umsatz.

Womit wollen Sie die Firmen zur Commerzbank locken?

Michael Reuther: In Düsseldorf und Köln haben wir neuen Firmenkunden für die ersten sechs bis neun Monate Kredite zum halbierten Zinssatz angeboten, um Unternehmen für unser gesamtes Leistungsspektrum zu gewinnen. Diesen erfolgreich abgeschlossenen Pilotversuch wollen wir nun bundesweit ausrollen. Wir werden solche preislich sehr attraktiven Wechselangebote nur temporär anbieten, aber klar ist, wir wollen unser Ziel erreichen und unser Kreditvolumen deutlich ausweiten. Wir wachsen und möchten bis zum Jahr 2020 rund 10.000 neue Firmenkunden werben. 6.500 sind es bereits seit 2016. Damit sind wir sehr gut unterwegs.

Aber auch die Commerzbank will 9600 Stellen abbauen.

Michael Reuther: Wir werden unsere Firmenkunden auch weiterhin in mehr als 100 Niederlassungen bundesweit betreuen. Ein Drittel davon liegt in NRW. Das ist eine sehr wichtige Region für uns.

Sehen Sie sich als Profiteur des Strukturwandels auf dem deutschen Bankensektor?

Michael Reuther: Ein stückweit ist die Situation für uns vorteilhaft. Über mangelnden Wettbewerb können wir uns aber wirklich nicht beklagen. Die Landesbanken und ausländische Institute verstärken ihr Firmenkundengeschäft. Und wir verlieren nicht aus dem Auge, dass die Konjunktur in Deutschland seit neun Jahren und damit schon sehr lange gut läuft. Historisch gesehen enden diese Zyklen normalerweise nach sieben Jahren. Bei den Unternehmen spüren wir bereits eine gewisse Zurückhaltung. Die Kunden machen sich vermehrt Sorgen über die Zunahme der geopolitischen Konflikte, denn sie belasten den globalen Handel.

Ist der Mittelstand für die alles überragende Digitalisierung gerüstet?

Michael Reuther: Weite Teile des Mittelstands haben das Thema Digitalisierung erkannt. Die Frage ist aber, wie die Erkenntnis tatsächlich umgesetzt wird. Da sehe ich durchaus Nachholbedarf. Die Unternehmen müssen mehr Mitarbeiter mit digitaler Kompetenz einstellen. Der Inhaber oder Geschäftsführer hat dafür meistens nicht die nötigen Kapazitäten.

Durch Digitalisierung werden die Margen kleiner

Die Commerzbank selbst digitalisiert ihre Prozesse und verlegt Bankgeschäfte ins Internet. Folgen die Kunden Ihnen dabei?

Michael Reuther: Wir beobachten schon, dass die Unternehmen ein Interesse an der Erleichterung von Arbeitsabläufen haben. Sie können etwa Kredite bis zur Höhe von fünf Millionen Euro komplett online beantragen. Unser Plan ist es, das Tagesgeschäft bis zum Jahr 2020 weitgehend zu digitalisieren, aber der persönliche Ansprechpartner vor Ort bleibt natürlich sehr wichtig, insbesondere für komplexere Themen. Bei der Digitalisierung des Firmenkundengeschäfts wollen wir Vorreiter sein, auch wenn das bedeuten kann, dass die Margen bei digitalen Lösungen am Ende geringer sein werden.

In diesem September jährt sich zum zehnten Mal die Lehman-Pleite. Haben die Banken aus der schweren Krise gelernt?

Michael Reuther: Ich bin erstaunt, dass in einer aktuellen Umfrage 50 Prozent der Führungskräfte der deutschen Finanzwirtschaft sagen, am Risikoverhalten der Banken habe sich nichts verändert. Das ist nicht nachvollziehbar. Die Commerzbank hat ihre Eigenkapitalquote, die der wichtigste Indikator für die Stabilität einer Bank ist, seit der Krise von knapp 7 auf mehr als 13 Prozent verdoppelt. Das sorgt für mehr Sicherheit, erklärt aber auch, warum die Banken geringere Renditen haben.

Banken und Sparkassen beklagen inzwischen aber bereits eine Überregulierung.

Michael Reuther: Grundsätzlich begrüße ich die zuletzt gefundenen Kompromisse für einheitliche internationale Standards für die Bankenregulierung. Die neuen Regeln dürfen aber nicht dazu führen, dass europäische und insbesondere deutsche Banken einseitig geschwächt werden. Die EU muss darauf achten, dass die krisenerprobten Geschäftsmodelle deutscher Banken nicht übermäßig belastet und die deutschen Spezifika ausreichend gewürdigt werden, insbesondere für die Finanzierung des Mittelstands ist das wichtig.

Zudem bringen die neuen Regelungen zum Verbraucherschutz einen riesigen Aufwand mit sich – für uns, aber auch für unsere Kunden. Man fragt sich, ob bei den langen Dokumentationen und der Pflicht zur Aufzeichnung von Telefonaten nicht übertrieben wurde.

Dem Ruhrgebiet fehlt noch die „zündende Rakete“

Sie sind persönliches Mitglied im Initiativkreis Ruhr. Glauben Sie, dass im Ruhrgebiet genug getan wird, um junge Leute zur Gründung von Unternehmen zu ermutigen?

Michael Reuther: Das Ruhrgebiet ist auf einem guten Weg. Mit dem Karriereportal „Employour“ oder dem Start-up „Urlaubsguru“ gibt es auch schon positive Beispiele. Der Region fehlt allerdings noch ein Start-up mit Leuchtturm-Wirkung. So etwas wie Zalando, das öffentliches Interesse erweckt und zeigt, dass im Revier etwas passiert. Es fehlt noch die zündende Rakete, um auch das benötigte Risikokapital, beispielsweise aus den zahlreichen hiesigen Vermögensverwaltungen für Familien anzulocken.

Kann die geplante Ruhrkonferenz dem Revier helfen?

Michael Reuther: Das ist eine gute Idee. Ich begrüße diese Initiative der Landesregierung. Denn das Ruhrgebiet steht wirklich vor großen Herausforderungen. Ich war viele Jahre Mitglied im Aufsichtsrat von RWE Power und habe in dieser Funktion hautnah miterlebt, was für eine gewaltige Aufgabe der Strukturwandel wirtschaftlich und politisch ist. Ich bin aber sehr optimistisch. Über den Duisburger Hafen hat das Ruhrgebiet die Chance, sich nicht nur in die Logistikkette über die asiatische Seidenstraße, sondern über die ganze Welt einzuklinken.

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