Kaltwalzunternehmen

Bilstein geht in Hagen neue Wege und investiert Millionen

Bilstein-Unternehmenssprecher Christian Pürschel an einem gewalzten Coil.

Bilstein-Unternehmenssprecher Christian Pürschel an einem gewalzten Coil.

Foto: Jens Helmecke / WP- Jens Helmecke

Hagen.  Das Kaltwalzunternehmen Bilstein investiert am Stammsitz Hagen einen hohen zweistelligen Millionenbetrag. Warum dennoch Kurzarbeit angesagt ist.

Es ist ein gewaltiges Projekt. Von den Ausmaßen und von der Höhe der Investition – ein hoher zweistelliger Millionenbetrag. Und es ist ein wichtiger Schritt in die Zukunft für die Bilstein Group am Stammsitz in Hagen-Hohenlimburg. In diesen Tagen nimmt das Unternehmen ein neues Kaltwalzwerk in Betrieb. Herzstück ist ein Reversier-Walzgerüst, das Material in Breiten bis zu 1350 Millimeter liefern kann. „In dieser Form weltweit einzigartig“, versichert Unternehmenssprecher Christian Pürschel.

Kurzarbeit bis Jahresende

Die riesige neue Halle des Werks II steht, die Haubenglühe läuft und im Prinzip funktioniert auch die Walz-Anlage. Das erste Probe-Coil ist gut gelungen. Aber im Prinzip und ganz gut ist noch lange nicht zufriedenstellend für das Team aus Ingenieuren und Technikern von Bilstein und dem Lieferanten, dem Siegerländer Anlagenbauer SMS. Ganz gut entspricht auch nicht den Ansprüchen des von der Tonnage her weltweit zweitgrößten Kaltwalzunternehmens. Die Nummer eins sitzt nur ein paar Kilometer weiter die Lenne flussabwärts. Hohenlimburg ist nach wie vor die Herzkammer der Kaltwalzindustrie.

Die Anspannung ist dem Ingenieurs-Team ins Gesicht geschrieben. Im Steuerstand haben die Fachleute einen direkten Blick auf das Walzgerüst einerseits und auf ein halbes Dutzend Kontrollmonitore andererseits. Es geht um absolute Präzision. Bilstein liefert an Kunden in aller Welt und in verschiedenen Branchen. Der Automotivebereich spielt eine wesentliche Rolle, aus Hohenlimburg wird Vormaterial unter anderem an die großen Zulieferer Continental, Schaeffler oder ZF Friedrichshafen geliefert.

Probleme sind kein Geheimnis

Welche Probleme die Branchenriesen haben, ist längst kein Geheimnis mehr. Und hat Auswirkungen auf die Produktion bei Bilstein. „Seit 1. September haben wir Kurzarbeit, erst einmal bis Ende des Jahres“, spricht Pürschel offen über das in schwierigeren Zeiten bewährte Arbeitsmarktinstrument.

Im industriellen Sektor geht es gerade nicht mehr um eine Konjunkturdelle, sondern um eine technische Rezession. Das bedeutet, zwei Quartale in Folge kein Wachstum. Im Gegenteil. Einige Aufträge werden von den Bilstein-Kunden einfach nicht abgerufen.

Nachfrage in Amerika hoch

Dennoch sei die enorme Investition am Stammsitz in Hagen-Hohenlimburg die richtige Entscheidung gewesen. Allein schon, um die interne Prozesse weiter zu optimieren. Vor ziemlich genau zwei Jahren hatte Bilstein in Bowling Green in Kentucky USA 130 Millionen US-Dollar in ein komplett neues Werk investiert, in dem ebenfalls Material auf bis zu 1350 Millimeter gewalzt werden kann. „Auf dem wichtigen Nord- und Mittelamerikamarkt ist die Nachfrage nach Vormaterial von Bilstein hoch. Zusätzlich können wir Bedarfe nach breiterem Material nun auch aus Hagen bedienen“, erklärt Pürschel.

Die Palette der Produkte, die aus dem kalt gewalzten Stahl gefertigt werden, ist vielfältig und reicht im Automotivebereich von Material für Sitzstrukturen und Lenksäulen, Sicherheitsgurte, Gehäuse für Airbagtreiber bis hin zu Zylinderkopfdichtungen oder Kupplungs- und Getriebeteile. Also durchaus auch Teile, deren zukünftige Verwendung in Abhängigkeit zum Verbrennungsmotor steht.

„Weltweit wächst die Nachfrage nach Automobilen mit Verbrennungsmotor weiter. Daher sehen wir noch kein Nachfrageproblem wegen der Elektromobilität“, versichert der Unternehmenssprecher. 70 Prozent des Umsatzes entfalle auf Vormaterial für die Automobilindustrie, davon „20 bis 30 Prozent im Bereich Antrieb“. In den kommenden Jahren müssten also im Familienunternehmen mit über einhundertjähriger Geschichte auch neue Produkte gefunden werden, um die neue Breitbandwalze auszulasten.

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