Glyphosat-Verzicht

Bayer will Ersatz für Glyphosat entwickeln, Bahn verbannt es

Der Bayer-Konzern geht nach einer Werthalbierung in die Offensive.

Der Bayer-Konzern geht nach einer Werthalbierung in die Offensive.

Foto: WOLFGANG RATTAY / Reuters

Bayer startet Charme-Offensive und will fünf Milliarden Euro in Glyphosat-Alternativen investieren. Bahn verbannt das Mittel von ihren Gleisen.

Essen. Bei Bayer läuft derzeit schief, was schieflaufen kann. Der Leverkusener Weltkonzern hat nach der Übernahme des US-Saatgutriesen Monsanto seinen Wert inzwischen halbiert. Der von vielen vorhergesagte Imageschaden ist so gewaltig, dass der Konzern nun die Offensive sucht: Mit einer Anzeigenkampagne samt dem Versprechen, Alternativen zum umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat zu entwickeln, wirbt Bayer seit Freitag um neues Vertrauen. Die Schlagzeilen macht dem Agrarchemie- und Pharmakonzern aber ausgerechnet sein größter Glyphosat-Kunde in Deutschland streitig: Die Bahn will Glyphosat aus ihren Gleisbetten verbannen. Und erhält dafür spontanen Applaus aus der Bundesregierung. Das Timing der Leverkusener Charmeoffensive hätte schlechter kaum sein können.

Ganz schlechtes Timing

Rund fünf Milliarden Euro mehr als bisher geplant will Bayer in den kommenden zehn Jahren in Glyphosat-Alternativen investieren. Das verspricht der Dax-Konzern in ganzseitigen Anzeigen, für deren Titel er eine Anleihe bei Altkanzler Gerhard Schröder (SPD) nahm: „Wir haben zugehört. Und verstanden.“ Doch gleichzeitig schlägt Bahnvorstand Ronald Pofalla in der „Wirtschaftswoche“ mit seiner Mission auf, Glyphosat durch verträglichere Produkte zu ersetzen. Mit dem Bundesumweltministerium wolle die Bahn „ein Forschungsprojekt aufsetzen, um wirksame Möglichkeiten zu finden, die 33.000 Kilometer Streckennetz ohne Glyphosat und damit ebenso umweltfreundlich wie sicher zu betreiben“, sagte der Infrastruktur-Vorstand. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) lobte den Vorstoß und kündigte an: „Glyphosat ist ein Insektenkiller, weshalb wir ihn in Deutschland verbieten werden.“ Die Ministerin hatte im vergangenen Herbst angekündigt, dass die Nutzung des Mittels spätestens 2023 auslaufen solle.

Dem Herbizid werden nicht nur negative Folgen für Flora und Fauna nachgesagt, sondern auch für den Menschen. Glyphosat steht im Verdacht, Krebs auslösen zu können. Erstinstanzlich hat Monsanto in den USA inzwischen drei Prozesse verloren, zuletzt sprach eine Laienjury in Kalifornien einem an Krebs erkrankten Ehepaar umgerechnet knapp 1,8 Milliarden Euro an Schadenersatz zu. Bayer baut auf die Berufung und stützt sich auf etliche Unbedenklichkeits-Studien, die sie nun veröffentlicht hat, und auf weltweite behördliche Zulassungen. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung erklärte Glyphosat unlängst für sicher.

Bayer will trotzdem am Monsanto-Topseller Glyphosat festhalten. Das Mittel werde weiter „eine wichtige Rolle in der Landwirtschaft und unserer Produktpalette spielen“, so Bayer. Gleichzeitig räumt der Konzern in seltener Selbstkritik ein, „Einheitslösungen“ wie das glyphosatbasierte Monsanto-Mittel „Roundup“ würden „der Natur nicht gerecht“. Der globale Einsatz von Glyphosat habe „in einigen Regionen zu Unkrautresistenzen beigetragen – und in manchen Fällen auch zu unbeabsichtigten Fehlanwendungen“.

Damit geht der Konzern offen wie nie mit der verbreiteten Kritik um, dass der flächendeckende Einsatz dieses Mittes, das auf den Feldern so ziemlich alles außer der durch entsprechendes Monsanto-Saatgut präparierten Pflanzen vernichtet,

die Bildung von Monokulturen fördere und die Getreide- und Insektenvielfalt bedrohe.

Bayer will Umweltbilanz um 30 Prozent verbessern

Weil Bayer offenbar gemerkt hat, dass ein bloßes Festhalten an Glyphosat das Image und damit den Unternehmenswert weiter schädigen würde, gibt sich der Konzern nun entschlossen, selbst umweltverträglichere Alternativen zu finden. Mit Milliardeninvestitionen in Forschung und Entwicklung will Bayer „die Auswirkungen auf die Umwelt bis 2030 um 30 Prozent reduzieren“, verspricht der Dax-Konzern.

Die Bahn hat bereits Alternativen im Sinn. Sie spritzt derzeit jährlich rund 65 Tonnen Roundup auf ihre Gleistrassen, um sie frei von Unkraut zu halten. Sie will nun prüfen, ob es auch heißes Wasser, Elektroschocks oder UV-Licht tun. Diese drei Verfahren würden bereits seit Jahren getestet, erklärte die Bahn auf Anfrage dieser Redaktion. Die Erprobung werde nun intensiviert. Mit heißem Wasser würden die Pflanzen schlicht verbrüht. Mit UV-C-Licht könnte das Unkraut verbrannt werden. Und der Einsatz von Strom werde in der Landwirtschaft bereits vereinzelt praktiziert. Wann die Bahn auf Glyphosat verzichten könne, sei nicht abzusehen, hieß es. Das solle aber so früh wie möglich erfolgen.

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