Arbeitswelt

Arbeiten im Homeoffice – Ein Modell mit Chancen und Risiken

Im Homeoffice arbeiten ist in anderen Ländern längst gängig – in Deutschland dominiert noch die Präsenszeit.

Im Homeoffice arbeiten ist in anderen Ländern längst gängig – in Deutschland dominiert noch die Präsenszeit.

Foto: Uwe Umstätter / imago/Westend61

Berlin  Im Homeoffice Kaffee trinken und ab und zu eine Mail schicken? Falsch. Zu Hause wird mehr gearbeitet. Über ein lang überfälliges Modell

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Für Janina Kugel ist längst klar, wohin die Entwicklung geht: „Arbeitszeit muss nicht mehr heißen, dass man im Büro an seinem Schreibtisch sitzt“, hat die Personalchefin von Siemens schon vor einiger Zeit in einem Interview gesagt. Arbeit könne heute von verschiedenen Stellen aus geleistet werden – auch von zu Hause aus oder von unterwegs. Sie selbst, so Kogel, versuche immer, abends gegen sechs Uhr bei ihren Kindern zu sein. „Und dann setze ich mich später, wenn sie im Bett sind, wieder an den Schreibtisch.“

Was viele Vorgesetzte in Unternehmen selbst vorleben, gilt längst auch für Mitarbeiter. Untersuchungen zeigen, dass inzwischen etwa jeder zehnte Beschäftigte in Deutschland regelmäßig von zu Hause aus arbeitet. In der Dienstleistungsbranche, bei Hochqualifizierten und bei Führungskräften ist der Anteil etwas höher.

Auch sitzen Männer häufiger im Homeoffice als Frauen. Geht es nach den Unternehmen, könnten sogar noch mehr Arbeitnehmer auf die Fahrt ins Büro verzichten: Einer aktuelle Studie des Wirtschaftsverbands Bitkom zufolge lassen vier von zehn Arbeitgebern die Möglichkeit zu, von zu Hause aus zu arbeiten. Jedes zweite Unternehmen erwartet, dass die Zahl der Heimarbeiter in den nächsten fünf Jahren weiter steigen wird.

Neue Flexibilität hat Haken

Die neue Flexibilität hat aber einen Haken: Die gesetzlichen Regeln sind noch nicht so weit. Jedes dritte Unternehmen gibt an, wegen der geltenden Arbeitsschutzbestimmungen keine Arbeit im Homeoffice zuzulassen. Das liegt vor allem daran, dass die Vorschriften zur Arbeitszeit noch immer vom regulären Acht-Stunden-Tag ausgehen.

Nur in Ausnahmefällen sind zehn Stunden erlaubt. Und: Zwischen der letzten Email am Abend und der ersten am Morgen müssen mindestens elf Stunden Ruhezeit vergangen sein – theoretisch jedenfalls. Ist das nicht der Fall, verstößt ein Unternehmen bereits gegen geltendes Recht.

Wirtschaft beim Thema Home Office ein Entwicklungsland

Dass hier Nachholbedarf besteht, sehen auch die Gewerkschaften. „Die deutsche Wirtschaft ist beim Thema Homeoffice ein Entwicklungsland“, sagt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach unserer Redaktion. Es sei gut und richtig, dass die neue Bundesregierung angekündigt habe, einen neuen Rechtsrahmen für mobiles Arbeiten schaffen zu wollen. Aber: Der Rechtsrahmen müsse „mehr Selbstbestimmung“ ermöglichen und „klare Grenzen“ für die Arbeit ziehen.

Konkret fordert Buntenbach, Home­office solle für möglichst viele Arbeitnehmer zugänglich sein. Beschäftigte sollten „einen Rechtsanspruch für Ort und Lage der Arbeitszeit“ bekommen. Die Bedingung dabei: „Homeoffice muss für Beschäftigte in jedem Fall freiwillig bleiben.“ Viele Arbeitnehmer wollten keine Vermischung von Arbeit und Privatleben.

Zunehmende Entgrenzung der Arbeit verhindern

Ein neuer gesetzlicher Rahmen, so Buntenbach, müsse „starke Leitplanken“ einziehen „gegen zunehmende Entgrenzung der Arbeitszeit und Verfügbarkeitserwartungen von Arbeitgebern“. Bislang haben Union und SPD nicht erkennen lassen, wie diese neuen gesetzlichen Regeln aussehen sollen. Im Koalitionsvertrag ist nur wolkig die Rede von einem Rahmen, „in dem Unternehmen, Beschäftigte und die Tarif­partner den vielfältigen Wünschen und Anforderungen in der Arbeitszeit­gestal­tung gerecht werden können.“

DGB-Vorstand Buntenbach hat in einer Hinsicht bereits ganz konkrete Vorstellungen davon, welche Bedingungen im Arbeitsrecht gelten sollen. Bislang sei die Arbeit im Homeoffice in der Regel ungeregelt. Dies führe bei den Arbeitnehmern zu Überstunden, die meistens nicht bezahlt würden.

Überstunden erfassen und vergüten

Sie fordert deshalb: „Zwingend ist, dass auch mobile Arbeitszeit erfasst und vergütet wird.“ Außerdem brauche es mehr Mitsprache für erreichbare Zielvorgaben und ein Recht darauf, die Arbeit zu beenden. Auch bei mobiler Arbeit müsse es einen Feierabend geben, betont Buntenbach.

Wie das konkret umgesetzt werden könnte, wie also eine mobile Stechuhr aussehen könnte und wie sie kontrolliert werden kann, ist noch völlig unklar. Zahlreiche Wirtschaftsverbände drängen darauf, die starren Arbeitszeitregeln zu verändern. So soll die tägliche Höchstgrenze von acht Stunden in eine maximale Wochenarbeitszeit umgewandelt werden.

Andrea Nahles scheiterte mit Vorschlägen zum Homeoffice

Auch Wirtschaftsforscher fordern mit Blick auf die Digitalisierung der Arbeitswelt ein Wochen-Budget. Die FDP hatte vor kurzem in einem Gesetzentwurf eine maximale Arbeitszeit von 48 Stunden vorgeschlagen. Von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) ist noch kein Vorstoß in dieser Richtung bekannt.

Seine Vorgängerin Andrea Nahles (SPD) hatte sich in der vergangenen Wahlperiode vorgewagt und Vorschläge dazu gemacht, wie Firmen flexible Arbeitszeitmodelle ausprobieren können. Dazu zählte auch der Plan, dass Tarifpartner an den gesetzlichen Regeln vorbei gemeinsam Erleichterungen von Arbeit im Homeoffice vereinbaren könnten. Durchsetzen konnte Nahles diese Ideen nicht. Arbeitgeber und Gewerkschaften sperrten sich dagegen.

Im Homeoffice wird mehr gearbeitet

Der weit verbreitete Eindruck, Arbeitnehmer würden es zu Hause ruhiger angehen lassen als im Büro, trifft übrigens in der Masse nicht zu. So gab die Bundesregierung 2016 unter Berufung auf eine Studie an, dass Angestellte, die gelegentlich von zu Hause aus arbeiten, im Durchschnitt 43,5 Stunden pro Woche tätig sind, dabei fallen 6,4 Überstunden pro Woche an.

Wenn der Chef zum Sport ruft

Im Vergleich dazu arbeiten Angestellte, die nie zu Hause arbeiten, 39,4 Stunden pro Woche und machen 3,3 Überstunden in diesem Zeitraum. Insgesamt zeigte sich bei den Befragungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sowie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), dass ältere Arbeitnehmer, Akademiker sowie Beschäftigte in Leitungsfunktion häufiger von zu Hause aus arbeiten.

Ein Drittel aller Betriebe bietet Homeoffice an

Angebote für Homeoffice haben knapp ein Drittel der deutschen Betriebe, bei großen Firmen und Betrieben mit über 500 Beschäftigten ist es sogar jedes zweite. Wer das Homeoffice nutzt, muss viele Regeln beachten, etwa beim Datenschutz.

Ein großes Problem ist, wenn es zu Unfällen kommt. So erkannte das Bundessozialgericht 2016 den Unfall einer Heimarbeiterin auf dem Weg vom Schreibtisch zum Wasserhahn in der Küche nicht als Arbeitsunfall an. Die Klägerin sei auf dem Weg von der Arbeitsstätte zur Küche und damit im persönlichen Lebensbereich ausgerutscht.

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