Analyse

Abschied von der Kohle - "Neues" Ruhrgebiet nimmt Fahrt auf

Gerüste ehemaliger Kühltürme auf dem Gelände der Kokerei Zollverein in Essen. Im Rahmen der Entwicklung des Areals sollen sich hier  Start-ups angesiedeln. Foto: Ulrich von Born/ Funke Foto Services

Gerüste ehemaliger Kühltürme auf dem Gelände der Kokerei Zollverein in Essen. Im Rahmen der Entwicklung des Areals sollen sich hier Start-ups angesiedeln. Foto: Ulrich von Born/ Funke Foto Services

Foto: Ulrich von Born

Essen.  Mit Schließung der letzten Zechen endet eine Ära. Die Gründerszene mit innovativen Startups ist im Aufschwung - trifft aber noch auf Hürden.

Eigentlich spielt der Steinkohlebergbau schon längst keine tragende Rolle mehr im Ruhrgebiet - wirtschaftlich gesehen. Was das Image angeht, wirkt er allerdings noch kräftig nach. Keine andere Region wird so stark mit Kohle identifiziert wie das Ruhrgebiet. Strukturwandel hin oder her. Und auch die Schließung der letzten Ruhr-Zeche in diesem Jahr wird daran so schnell nichts ändern.

Dabei steht das "neue" Ruhrgebiet längst in den Startlöchern: mit moderner Industrie, innovativen Technologien und IT-Lösungen, entwickelt auch von jungen Unternehmern und Unternehmerinnen, die in den Ruhrgebietsstädten gründen, um sich und ihren Mitarbeitern eine Existenz zu schaffen und die Region nach vorn zu bringen.

Wie nehmen sie das Ruhrgebiet als Standort wahr? Ist die Region bereit für junge Startups, die alte Strukturen aufbrechen und frischen Wind bringen? Eine Bestandsaufnahme:

Den Ruhrpott muss man wollen

Fest steht: Den Ruhrpott muss man wollen. Wer in Städten wie Dortmund, Essen oder Castrop-Rauxel gründet, der tut dies vor allem aus persönlicher Liebe und Verbundenheit zum Ruhrgebiet. So jedenfalls geht es aus dem Ergebnis einer Umfrage hervor, die das Unternehmensnetzwerks pro Ruhrgebiet in Kooperation mit der KPMG Essen im vergangenen Jahr gestartet hat.

Doch nicht nur der emotionale Aspekt, auch harte Fakten zählen zu den Gründen, im Ruhrgebiet das eigene Unternehmen zu starten. "Das Ruhrgebiet hat eine unglaublich hohe Hochschuldichte, einige Dax-Konzerne und einen starken Mittelstand", führt Stephan Lucka, Gründer der Immobilien-Plattform Aindex.ruhr als Vorteile an und fügt optimistisch hinzu: "Ich bin mir sicher, dass das Ruhrgebiet in Zukunft genauso wichtig wird wie Berlin oder das Silicon Valley."

Wenn man sich in Startup-Kreisen umhört, ist er mit dieser Meinung keineswegs allein. Dass das Ruhrgebiet das Potenzial hat, Gründermetropole zu werden, davon sind viele Ruhr-Gründer überzeugt.

"Das Ruhrgebiet ist auf einem guten Weg", sagt Sebastian Kowitz, Gründer und Geschäftsführer des Essener Bergbau-Startups talpasolutions. "Günstige Mieten, freie Gewerbeflächen und eine gute Verbindung zu Universitäten und Großunternehmen schaffen eine gute Grundlage für eine weitere positive Entwicklung und Wahrnehmung als Startup-Hotspot." Das Startup, das sich auf die Datenanalyse im Bergbau spezialisiert hat, ist eins der wenigen, das von außerhalb des Ruhrgebiets kommt und die Region aus strategischen Gründen als Standort gewählt hat.

So groß das Potenzial auch scheint, auch darin herrscht Einigkeit in der Gründerszene Ruhr: Bis sich das Ruhrgebiet mit Gründerhochburgen wie Berlin, Tel Aviv oder dem Silicon Valley messen kann, gibt es noch viel zu tun.

Mehr Metropole, weniger Kirchtürme

Nur als Gesamtregion habe das Ruhrgebiet eine Chance, es mit Startup-Hochburgen aufzunehmen, so ein weiteres Ergebnis der Befragung von KPMG und pro Ruhrgebiet. Das Kirchturmdenken der einzelnen Ruhrstädte wird von vielen Ruhr-Startups als Problem angesehen, das der Entwicklung zur Gründermetropole im Weg stehen könnte.

"Als Grundbedingung für einen neuen europäischen Startup-Hotspot müssen die Städte im Ruhrgebiet an einem Strang ziehen und keine Alleingänge starten", ist Sebastian Kowitz überzeugt.

Anzeichen für eine stärkere Zusammenarbeit der Städte sind inzwischen durchaus erkennbar, beispielsweise mit dem Ruhr Hub als gemeinsame Initiative verschiedener Wirtschaftsförderungen, die Digitalisierung in der Region voranzutreiben.

Mehr Gründergeist entfachen

Woran es nach Meinung vieler Startups ebenfalls noch mangelt, ist Gründergeist. Gerade Studenten haben Unternehmensgründung als Karriereoption in den meisten Fällen gar nicht auf dem Schirm.

Einen Grund dafür sieht Kai Lichtenberg, Doktorand und Gründer des Datenanalyse-Startups sentin.ai, in mangelndem Mut, sich selbstständig zu machen. Das sollte nicht sein, meint der Bochumer Daten-Spezialist, im Gegenteil: "Gerade für Studenten und Absolventen sollte Unternehmensgründung gleichberechtigt neben dem Einstieg in einen Konzern promotet werden."

Zwar bieten die Universitäten inzwischen einige Programme und Studiengänge für angehende Gründer an, doch hat das Thema eher Nischencharakter an den hiesigen Hochschulen. Nicht nur was Nachwuchsfachkräfte für Unternehmen angeht, könnte das Ruhrgebiet die Hochschuldichte als Vorteil der Region ausspielen. Auch um Nachwuchsunternehmer heranzubilden, liegt hier viel Potenzial. Dies zu schöpfen, dazu braucht es allerdings noch mehr als eine gute Portion Gründergeist.

Mehr Mut zu Innovation

Ein anderer Aspekt, der immer wieder als Pluspunkt der Region hervorgehoben wird, ist die räumliche Nähe zu etablierten Unternehmen jeder Größenordnung. "Im Ruhrgebiet sind die Wege unglaublich kurz, und es gibt eine große industrielle und wirtschaftliche Vielfalt", sagt Ramona Flunkert vom Bochumer IoT-Startup Zolitron. Auf der Suche nach einem Kooperationspartner, müsse man nur nach links und rechts schauen und habe eine ganze Reihe potenzieller Partner in der direkten Nachbarschaft.

So zumindest die Theorie. In der Praxis stoßen innovative Startups oftmals noch auf Skepsis auf Seiten etablierter Unternehmen der Region - vor allem aus dem Mittelstand. Konzerne zeigen sich in der Regel offener.

Florian Kruse, Gründer des Dortmunder Big-Data-Startups Point 8 nimmt hier einen regionalen Unterschied wahr: "Unsere Kunden kommen hauptsächlich aus Süddeutschland. Selbst im tiefsten Schwarzwald sind mittelständische Unternehmen neuen Technologien sehr aufgeschlossen." Wesentlich schwieriger sei es, Kunden oder Kooperationspartner direkt vor der Haustür zu finden. Dort sei die Haltung oftmals eher abwartend.

Eine gefährliche Sichtweise, meint Ramona Flunkert: "Strukturell gibt es optimale Gegebenheiten im Ruhrgebiet. Aber wenn man gedanklich nicht auf den Zug der Innovation aufspringt, dann verpasst man diesen Zug, und im schlimmsten Fall verpasst ihn eine ganze Region. Das Gedankenkonstrukt der Innovation muss in den Köpfen des Ruhrgebiets noch ankommen."

Mehr Kohle für mehr Mitarbeiter

Was zudem besonders Startups auf Wachstumskurs fehlt, sind Investoren. 71 Prozent der in der genannten KPMG-Studie befragten Jungunternehmen war auf Kapitalsuche, um Personal einstellen zu können.

Immerhin gibt es inzwischen mit dem Gründerfonds Ruhr einen Venture Capital Fonds, der speziell innovative Startups aus der Region fördern soll.

Einen Grund, warum Investoren, vor allem auch ausländische, eher selten einen Blick aufs Ruhrgebiet werfen, sieht Aindex-Gründer Stephan Lucka in der fehlenden medienwirksamen Strahlkraft erfolgreicher Startups. "Es wird wohl noch ein paar Jahre dauern, bis dem Ruhrgebiet die gleiche Aufmerksamkeit zuteil wird wie Berlin", meint er.

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Carmen Radeck ist Betreiberin der Seite RuhrGründer.de, eine der wichtigsten Online-Plattformen, die sich mit der Gründerszene in der Region befasst. Sie wird als Kolumnistin ab jetzt regelmäßig hier auf unserem Themen-Special über die brummende Branche, die neuesten Trends, die spannendsten Projekte berichten.

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