Schule

Für den Sprung aufs Gymnasium: Nachhilfe für Grundschüler

Eltern engagieren in Deutschland am häufigsten einen Nachhilfelehrer, wenn die Kinder Probleme im Fach Mathematik haben. Danach folgen Fremdsprachen und Deutsch.

Eltern engagieren in Deutschland am häufigsten einen Nachhilfelehrer, wenn die Kinder Probleme im Fach Mathematik haben. Danach folgen Fremdsprachen und Deutsch.

Foto: Zick,Jochen

Essen.  Studien zeigen, dass viele Eltern für ihre Kinder privaten Unterricht außerhalb der Schulzeit in Anspruch nehmen. Auch schon an Grundschulen.

Das Kind hat große Probleme mit Mathe. Ausreichend minus, mangelhaft plus. Die Versetzung ist gefährdet. Weil der Mathe-Lehrer dem Kind aber bei den Problemen nicht so einfach helfen kann, engagieren die Eltern einen Nachhilfe-Lehrer. Ein Szenario aus deutschen Haushalten.

Der bundesweite Markt für Nachhilfe bleibt riesig. Der jüngsten Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge gaben Eltern 2016 knapp 900 Millionen Euro für private Nachhilfestunden aus. Häufig ist nicht allein die Leistung ausschlaggebend, sondern das Einkommen der Eltern. Kinder aus der Mittel- und Oberschicht erhalten weit häufiger Nachhilfe als Kinder aus ärmeren Familien, ergab eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung.

Die häufigsten Problemfächer sind Mathematik (61 Prozent aller Nachhilfeschüler), Fremdsprachen (46 Prozent) und Deutsch (31 Prozent), viele Schüler erhalten in mehreren Fächern Unterstützung. Obwohl sie diese nicht immer bräuchten: „Ein erheblicher Teil der Schüler nutzt Nachhilfe, obwohl es aufgrund der Noten eigentlich nicht nötig wäre“, sagt Dirk Zorn, Schulexperte der Bertelsmann Stiftung.

Die Eltern geben oft den Anstoß, wollen ihren Kindern eine vernünftige Ausbildung oder das Traumstudium ermöglichen – das sind für den Bildungsforscher Klaus Klemm Hauptgründe für Extra-Unterricht. Gute Noten verbessern die Chancen auf dem Arbeitsmarkt, betont der Erziehungswissenschaftler.

Sorge der Eltern um die Versetzung

Zusätzliche Stunden erhalten allerdings auch schon Grundschüler – laut Studie der Hans-Böckler-Stiftung ungefähr acht Prozent aller Achtjährigen in Deutschland. „Viele Eltern wünschen sich, dass ihr Kind aufs Gymnasium kommt. Noten spielen deshalb schon in der dritten und vierten Klasse eine Rolle“, erklärt Schulexperte Zorn. Dass Kinder im Grundschulalter Nachhilfe erhalten, hält Klemm „in den meisten Fällen für unsinnig“.

Die großen Nachhilfe-Unternehmen wie „Abacus“ und „Schülerhilfe“ machen „zwischen 25 und 35 Prozent des Marktes aus“, sagt Dieter Dohmen, Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS). Vieles fände aber auch im grauen Bereich statt, wenn zum Beispiel Studenten oder familiäre Bekannte gegen Entgelt den Jüngeren helfen.

Um Kinder aus ärmeren Verhältnissen kümmern sich Initiativen wie zum Beispiel der Verein „Chancenwerk“ aus Castrop-Rauxel. Er unterstützt Kinder, deren Eltern sich private Nachhilfe nicht leisten können, mittlerweile an 86 Schulen in zehn Bundesländern, davon 46 in NRW mit Schwerpunkten im Ruhrgebiet. Gründer Murat Vural spricht von „einer Lernkaskade, die das Prinzip Geben und Nehmen verfolgt“. Studenten helfen älteren Schülern, die wiederum Jüngere unterstützen.

In offenen Ganztagsschulen in NRW gibt es außerhalb des regulären Unterrichts individuelle Förderprogramme. Dabei sollen Schüler unter Berücksichtigung unterschiedlicher Lernvoraussetzungen gefördert werden. Klemm bemängelt, dass aber zumeist qualifiziertes Personal fehle, um wirklich individuell mit Kindern zu arbeiten – statt in Gruppen. „Sachen können nicht vernünftig nachgearbeitet werden. Eine schulbezogene Vorbereitung gibt es nicht.“

Für Dieter Ruhrländer von „Abacus“ ein Grund, weshalb Nachhilfe-Unternehmen so viel Kundschaft haben. „Der Sinn von Nachhilfe kann nur im Einzelunterricht liegen. Denn da wird intensiv und individuell mit einem Schüler gearbeitet“, so Ruhrländer. Allein in Essen, Duisburg und Mülheim bringt „Abacus“ jährlich rund 750 Schüler durch das Jahr.

Was muss also passieren, damit private und kostenpflichtige Nachhilfe in Zukunft überflüssig wird? Die Forscher sind sich in ihrer Forderung einig: Die Ausbildung der Lehrer muss grundlegend reformiert werden: „Die ist in weiten Teilen katastrophal“, macht FiBS-Direktor Dohmen deutlich. „Wir benötigen eine duale Lehramtsausbildung“, sagt er. Im Studium sollte der Fokus mehr darauf gelegt werden, Schüler zu verstehen und weniger auf bloße Theorie. „Die Vielfalt im Klassenzimmer macht individuelle Lernwege erforderlich. Dazu müssen Lehrkräfte den Lernstand aller Schüler fortlaufend im Blick haben“, erklärt Dirk Zorn.

Kritik an der Lehrerausbildung

Den Ruf nach einer verbesserten Lehrerausbildung hört Sven Christoffer vom Lehrerverband NRW nicht zum ersten Mal. „Ich kann die Kritik nicht ganz nachvollziehen. In den letzten Jahren hat sich schon vieles geändert. Lehrkräfte werden intensiver vorbereitet“, sagt er. Lehrer sollen etwa individuelle Arbeitsmaterialien erstellen, die dem jeweiligen Leistungsvermögen des einzelnen Schülers entsprechen. „Der Aufwand für die Lehrkräfte wird dadurch nicht kleiner“, merkt er allerdings an. Und weil im Land NRW akuter Lehrermangel herrscht, hofft Christoffer, dass „die Landesregierung den Beruf wieder attraktiver macht“.

Solange sich an dieser Situation nichts ändert, hat Dieter Ruhrländer bei „Abacus“ noch genug zu tun: „Wir machen uns derzeit überhaupt keine Sorgen.“

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