Hochwasser in NRW

Hochwasser: Die Bürger von Blessem dürfen wieder nach Hause

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Helfen im Hochwasser: Kein Corona-Abstand in der Not

Helfen im Hochwasser: Kein Corona-Abstand in der Not

In den westdeutschen Hochwasser-Regionen kennt die Solidarität mit den Opfern keine Grenzen: Viele Helfer packen mit an - und kommen sich in Pandemie-Zeiten gegenseitig sehr nah. Doch an die Abstandsregeln ist in der Not vielfach nicht zu denken. Im nordrhein-westfälischen Ophoven haben die Menschen unterschiedliche Erfahrungen gemacht.

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Erftstadt.  Nach der Flutkatastrophe dürfen viele Bewohner in Erftstadt-Blessem in ihre Häuser zurück. Viel ist von ihrem Zuhause jedoch nicht mehr übrig.

Der obere Teil des massiven Eichenschranks ist unversehrt - hinter den Glastüren stecken Kinderfotos. „Gott sei Dank, wenigstens die Bilder von meinen Enkelchen sind noch da“, sagt Susanne Dunkel.

Die 70-Jährige steht am Donnerstag in ihrem Esszimmer in Erftstadt-Blessem: Bis auf den Schrank ist der Raum leer, der Boden ist glitschig von Schlamm. Die Möbel liegen als braun verdreckter Sperrmüll vor dem Haus. „Ich wohne seit 46 Jahren hier - und jetzt sowas. Was soll denn nun werden?“, fragt Dunkel und kann Tränen nicht unterdrücken.

Hochwasser in Erftstadt: Betretungsverbot seit Donnerstagmorgen aufgehoben

Nach mehreren Tagen durften die Bewohner des vom Hochwasser besonders stark getroffenen Ortes Blessem wieder in ihre Häuser. Viele Menschen waren unmittelbar nach der Katastrophe zwar einmal kurz da, um die wichtigsten Habseligkeiten zu holen - mussten dann aber wieder weg, denn es galt ein Betretungsverbot.

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Ein Erdrutsch hatte einige Gebäude mitgerissen. Auch jetzt ist ein Radius von 100 Metern um die Abbruchkante aus Sicherheitsgründen noch immer Sperrgebiet. Für den Rest des Ortes ist das Betretungsverbot seit Donnerstagmorgen aufgehoben.

Zum ersten Mal sehen die Bewohner ihr Zuhause wieder, nachdem das Wasser abgeflossen ist und Schlamm zurückgelassen hat. Entlang der Straßen, die schon frei geräumt sind, türmt sich kaputtes Mobiliar.

Es gibt weiterhin kein Strom

Unzählige Helfer packen mit an und räumen das, was nicht mehr zu retten ist, aus den Häusern - auch bei Britta Simonis. „Ganz viele Freunde sind hier, um zu helfen - das ist wirklich toll“, sagt sie. Das meiste, was im Keller, in der Garage oder im Gästehäuschen stand, ist nicht mehr zu gebrauchen: Motorrad, Roller, Fitnessgeräte. Ein Freund drückt ihr ein nagelneues Smartphone in die Hand: „Hier, für dich. Nimm es einfach.“

Bei Susanne Dunkel machen Helfer sich unterdessen an der schlammverkrusteten Wohnzimmergarnitur zu schaffen. „Haben Sie mal ein großes Messer?“, fragt eine Frau in Arbeitsklamotten. „Das Sofa hat sich verkantet, wir kriegen es nicht raus.“ Dunkel zieht schwungvoll eine Küchenschublade auf - und zuckt zurück: Bräunliches Wasser schwappt ihr entgegen.

Das Obergeschoss mit den Schlafzimmern ist immerhin heil geblieben. Aber Übernachten will die Seniorin dort vorerst noch nicht: „Es gibt ja keinen Strom und kein Wasser.“

Mobile Sirenen sollen Bürger vor Erdrutschen warnen

Bis das wieder läuft, werde es noch Tage oder auch Wochen dauern, sagt der Landrat des Rhein-Erft-Kreises, Frank Rock. So schnell wie möglich sollten große Transformatoren aufgestellt werden, um die Bewohner mit Strom zu versorgen.

Polizei und Feuerwehr hielten rund um die Uhr die Stellung, versichert Rock. Es gebe mobile Sirenen, um die Bevölkerung im Falle einer Erdbewegung oder sonstigen Gefahr zu warnen.

Susanne Dunkels Blick fällt wieder auf ihren Eichenschrank, wandert von den Fotos der Enkel im oberen hinunter zum unteren Teil: Der ist völlig aufgequollen und geborsten. „Dass nicht mal die Eiche das aushält - das hätte ich niemals gedacht.“ (dpa)

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