Interview

Wie Städte sich auf Alterung einstellen müssen

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Essen. „Die alternde Gesellschaft” heißt eine Reihe des Wissenschaftsforums Ruhr, die sich mit dem demografischen Wandel befasst. Dazu ein Interview mit dem wissenschaftlichen Direktor des Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung, Prof. Rainer Danielzyk.

Herr Professor Danielzyk, der Anteil älterer Menschen nimmt stark zu. Das ist unumstößlich. Nimmt die Politik diese Veränderung ernst genug?

Danielzyk: In der „großen Politik” wird das Thema sehr ernst genommen, wie Debatten zu Rente, Ruhestandsalter, Pflege zeigen. Allerdings bezweifle ich, ob in allen Städten und Gemeinden schon realisiert wird, was für sie die Alterung bedeutet. In vielen ländlichen Gemeinden wie auch in den Vororten der großen Städte, die heute noch sehr stark von jungen Familien geprägt werden, wird der Anteil älterer Menschen drastisch zunehmen.

Wo wird sich der Wandel am deutlichsten auswirken?

Danielzyk: In den Städten und Gemeinden wird sich das vor allen Dingen in der Nutzung der Infrastruktur auswirken: Im Schulbereich müssen jetzt schon vielerorts Schulen geschlossen und zusammengelegt werden. Aber auch in Bereichen wie Sport, Kultur, Kirche werden sich Nachfrage, Nutzung und Engagements erheblich verändern.

Was folgt daraus für die Gestaltung unserer Städte, unserer Wirtschaftsbetriebe?

Danielzyk: In den Städten müssen die Infrastrukturen, z. B. Schulgebäude, Sportanlagen, Freizeitstätten, so gebaut und eingerichtet werden, dass sie flexibler nutzbar sind. Statt großer Dreifach-Turnhallen braucht man mehr Räume für Fitness, Wellness usw., Schulen müssen in Altentagesstätten umnutzbar sein usw. Darüber hinaus zeichnet sich ein Trend ab, dass gerade ältere Menschen stärker städtische Wohnlagen präferieren, wo viele Infrastrukturen wie Arztpraxen schnell und einfach erreichbar sind. Wenn die Städte geschickt reagieren, kann der Alterungsprozess der Gesellschaft für sie von Vorteil sein.

Das Altern ist mit vielen negativen Vorstellungen verbunden – von der Gebrechlichkeit bis zur Altersarmut. Muss man Angst vor dem Älterwerden haben?

Danielzyk: Nein, das sehe ich nicht so. Zur Klärung ist es vielleicht hilfreich, die „Alten” noch einmal in zwei Gruppen zu unterteilen: Die 60- bis 80-Jährigen und die Über-80-Jährigen. Viele Menschen in der ersten Altersgruppe sind geistig und oft auch körperlich recht fit – mehr als jemals zuvor in der Geschichte. Sie sind konsumfreudig und reisen gern – sofern sie das Geld dazu zur Verfügung haben. Sie sind bereit, sich privat familiär und öffentlich ehrenamtlich zu engagieren. Erst im höheren Alter nimmt die gesundheitliche Beeinträchtigung stark zu, ist ein Rückzug in den eigenen Haushalt zu beobachten, kann Pflegebedürftigkeit drohen.

Das „junge Leben” beherrscht die Werbung, Film und Fernsehen – ist das nicht eine schleichende Diskriminierung des Alters?

Danielzyk: Mein Eindruck ist, dass immer mehr Firmen verstanden haben, dass „Jugendwahn” dem Absatz ihrer Produkte nicht nützt. Das gilt nicht nur für Reisebüros, die Kreuzfahrten verkaufen wollen, sondern z. B. auch für Modewirtschaft und Lebensmittelindustrie. Aus gesellschaftspolitischer Sicht ist die Jugendfixierung dringend zu überwinden. Ältere Menschen, insbesondere die „jungen Senioren”, übernehmen jetzt schon wichtige Aufgaben in der Familienarbeit, etwa Enkel-Betreuung, und beim ehrenamtlichen Engagement in Sport, Kultur, Bildung oder Naturschutz. Angesichts der ökonomischen Rationalisierung vieler Lebensbereiche und der Finanzknappheit der öffentlichen Hand ist dieses Engagement auch dringend erforderlich, muss entsprechend gewürdigt werden.

Droht eines Tages ein „Krieg der Generationen”?

Danielzyk: Es ist eine sehr wichtige gesellschaftspolitische Gestaltungsaufgabe, den Anteil der verschiedenen Altersgruppen an der Schaffung von Wohlstand und Lebensqualität angemessen zu würdigen. So wie die Kinderbetreuung in beruflich engagierten Haushalten zu unterstützen ist, muss das ehrenamtliche Engagement der Älteren gewürdigt und gefördert werden.

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