Nachruf

Trauer um "Marktgraf" Otto Graf Lambsdorff

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Essen. Otto Graf Lambsdorff hat die Deutschen fasziniert und ebenso oft in Lager gespalten. Er personifizierte die Marktwirtschaft, was den SPD-Granden Herbert Wehner damals verleitete, ihn den Marktgrafen zu nennen und Lambsdorffs Überzeugung so auf die kürzeste Formel zu bringen.

In wenigen Tagen, am 20. Dezember, wäre er 83 Jahre alt geworden. Doch er war zu krank, um diesen Tag noch zu erleben. Er sei „von seinen vielfältigen Leiden erlöst worden”, hieß es aus seiner Umgebung zum Tode von Otto Graf Lambsdorff. Er starb in Bonn, wo sich sein politisches Leben im Wesentlichen abspielte. Dieser Liberale hat die Deutschen fasziniert und ebenso oft in Lager gespalten.

Er personifizierte die Marktwirtschaft, was den SPD-Granden Herbert Wehner damals verleitete, ihn, den Sproß eines baltischen Adelsgeschlechts, den Marktgrafen zu nennen, und Lambsdorffs Überzeugung so auf die kürzeste Formel zu bringen. Mit ihm zog wirtschaftlicher Sachverstand in die Politik ein.

Mutig oder selbstgerecht?

Er nahm kein Blatt vor den Mund, legte sich mit den Gewerkschaften an, scheute sich nicht, das Volk in seinem Stolz zu verprellen: Man solle doch lieber mehr arbeiten und weniger krankfeiern, beschied er den Bürgern nach einer Asien-Reise, beeindruckt vom japanischen Fleiß. Man kann ein solches Vorgehen mutig nennen. Man kann aber auch Selbstgerechtigkeit, kühle Distanz darin erkennen. Nach 60 Jahren in der FDP hatte er nur einen Duz-Freund in der Partei: Hans-Dietrich Genscher. Mit dem hat er deutsche Geschichte geschrieben.

Ein Leben, das 1926 in Aachen begann und am Ostersamstag 1945 beinahe sein Ende gefunden hätte. Da zerriss das MG-Feuer eines amerikanischen Jagdfliegers im Thüringer Wald dem 18-jährigen Panzerschützen ein Bein. Die Notamputation hat er im späteren Leben mit einem Stock mit silbernem Griff sublimiert.

Jurist ist er geworden, hat promoviert, ist 1951 in die FDP eingetreten, hat im Kreditgewerbe gearbeitet, ist dort zuletzt, 1971, Generalbevollmächtigter einer Privatbank gewesen. Doch sein eigentlichen Wirken begann 1977, als SPD-Kanzler Helmut Schmidt ihn an die Seite von Außenminister Genscher holte und zum Bundeswirtschaftsminister berief. Es sollte der Anfang vom Ende der einzigen sozialliberalen Koalition auf Bundesebene und eines politischen Königsmords werden: Im „Lambsdorff-Papier” prangerte er im Herbst 1982 die hohe Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung an und trat für einen Kurswechsel in der Sozial- und Finanzpolitik ein. Über diesen Streit zerbrach die Koalition und so endete – vorerst – die SPD-Regierungsära im Bund. Den „Verrat” haben viele Sozialdemokraten der FDP bis heute nicht verziehen.

Flick-Spendenaffäre

Gleich nach dieser „Wende” diente Lambsdorff dem neuen, jetzt CDU-Kanzler Helmut Kohl als Wirtschaftsminister. Er blieb es nur bis 1984, dann holte ihn die Flick-Spendenaffäre ein. Drei Jahre dauerte der Prozess vor dem Bonner Landgericht gegen Lambsdorff wegen der Annahme von verdeckten Parteispenden seitens des Industriellen Friedrich Karl Flick. 1987 wurde er wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung zu einer Geldstrafe von 180 000 D-Mark verurteilt. Bestechlichkeit indes wies man ihm nie nach. Doch zur Hass- und Häme-Figur namentlich des linken politischen Lagers im Land ist der Graf damals geworden.

Sein Ruf schien auf ewig ruiniert, doch Lambsdorff erholte sich rasch von der Affäre. Bereits im folgenden Jahr setzte er sich gegen Martin Bangemann als FDP-Chef durch und blieb es bis 1993.

Und noch einmal kehrte der Liberale groß auf die Bühne zurück. Es war der damalige SPD-Kanzler Gerhard Schröder, der ihn 1999 zu einer höchst schwierigen, nicht minder ehrenvollen Aufgabe berief: Schröder sah in ihm den richtigen Mann, um die Entschädigung der Zwangsarbeiter des NS-Regimes zu regeln. Es gelang dem beharrlichen Lambsdorff, eine Vereinbarung zu treffen: viele Unternehmen zahlten Geld.

Dass er es seiner Umgebung nie leicht machte, war Lambsdorff zu gut bewusst. Wenn er im Laufe seiner politischen Laufbahn jemandem zu nahe getreten sei, so sagte er in seiner Abschiedsrede im Hohen Haus, dann sei das seine Absicht gewesen.

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