Finanzmarktkrise

Die kleinste Bank Deutschlands

Foto: WAZ / Jakob Studnar

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Gammesfeld. Die Geldhäuser kämpfen weltweit mit einem gigantischen Vertrauensverlust. Die Raiffeisenbank Gammesfeld nicht. Ihr einziger Mitarbeiter kennt alle 600 Kunden persönlich.

Hohenlohe im Norden Baden-Württembergs gehört entschieden zu jenen Landstrichen, die man nach einem Satz des Kanzlers Bismarck bei akutem Weltuntergang aufsuchen sollte: Weil „dort alles 100 Jahre später geschieht”, also vielleicht auch das gegenwärtige Ende des Kapitalismus aus lauter Schissigkeit. Jedenfalls wirtschaftet dort in einem kleinen Dorf Deutschlands kleinste Bank mit nennenswertem Erfolg; und wo andere blenden mit „Ich-hab-den-Längsten”-Namen wie „Hypo Real Estate”, steht hier an der Türe einfach: Raiffeisenbank Gammesfeld.

Die Leute sagen aber auch auf gut Hohenlohisch: „Es Kässle.” Jedem Menschen mit Verstand muss klar sein, dass so ein Kässle viel zu klein ist. 260 Mitglieder, gut 600 Kunden, 1400 Konten – ein Witz! Nur: Es funktioniert. Bilanzsumme: 18,5 Millionen Euro. Aus Vertrauen. Rechts im Gebäude lagern Kunstdünger und Futtermittel, links liegt die, naja, Bank: ein Raum, Regale und Rechenmaschinen, mechanische, versteht sich; zwei Laptops, seit neuestem. Der langjährige einzige Mitarbeiter Fritz Vogt ist zu Jahresbeginn offiziell abgetreten, jetzt vereint sein Nachfolger Peter Breiter alle Posten vom Vorstand bis zum Schließer in seiner 37-jährigen Person. Freilich kommt Fritz Vogt weiter täglich, wie schon sein Vater Fritz Vogt und sein Großvater Fritz Vogt, die die Bank vorher führten. „Ich sage immer, ich lebe auf einem andern Stern. In Gammesfeld muss keiner fragen, ob sein Geld sicher ist”, sagt Fritz Vogt junior (78).

"Unbekannte Kunden wollen wir nicht"

Denn es weiß ja jeder Gammesfelder, wie die Gammesfelder Vogt und Breiter denken. Nämlich so: „Unbekannte Kunden wollen wir nicht und schon gar keine spekulativen Gelder.” Es ist das Gegenteil von: größer, schneller, pleiter! So wird hier auch niemand unruhig, wenn die Bank unvermutet geschlossen hat: Peter wird unterwegs sein, nehmen sie dann an, und Fritz, der Nebenerwerbslandwirt, ist wahrscheinlich im Heu. Bei dem guten Wetter! Tut aber nichts zur Sache, denn dafür kann man auch abends oder sonntags zu den beiden nach Hause gehen, dann zur Bank rüber und Geld holen. Geldautomaten hat's hier indes keine.

Fusionswellen haben sie bisher abgewehrt, und die weltweite Finanzkrise fällt in Gammesfeld aus. Vielleicht hat das ja mit Geschäftsprinzipien zu tun, die in Frankfurt oder London verlacht würden: Es gibt nur Giro, Spareinlagen und Kredite. Gebühren werden nicht erhoben. Für alle Kunden und alle Summen gelten die gleichen Konditionen. Und jeder muss persönlich bekannt sein, damit das Geld aus dem Dorf im Dorf bleibt. Die Kasse im Dorf lassen, ja, so. „Leerverkäufe, Optionsgeschäfte, Derivate, das ist doch aufgelegter Betrug, da müsste der Staatsanwalt ran”, sagt Vogt: „Es gibt weltweit 350 000 Bankprodukte, das sollen die Leute gar nicht mehr verstehen, damit man sie besser betrügen kann.” Hier gibt es: 3,0 Prozent auf Spareinlagen, 4,25 Prozent auf Kredite. Fertig.

„Gier frisst Hirn”

Man sieht es schon: In dem verdienten Bankvorstand Vogt steckt ein ausgewachsener Antikapitalist, und so redet er auch: „Kapitalismus ist eine Ideologie wie andere auch, sie macht blind. Gier frisst Hirn.” Er sieht sich bestätigt in der Krise, wie sie tobt: „Es kann auf Dauer nicht funktionieren, dass Geld aus Geld entsteht ohne Gegenwerte. Wenn Sie einen Luftballon aufpumpen, ist weiterhin nur Luft drin, auch wenn er aussieht wie ein goldener Apfel.”

Die kleine Raiffeisenbank mit den großen Rechenmaschinen „sieht altmodisch aus, ist aber hoch effizient”, sagt Breiter: „Wegen der schmalen Produktpalette ist sie einfach zu führen.” Manches, was sie hier machen, ist tatsächlich so alt und vergessen, dass es in der gelackten Welt der Großbanken schon wieder als der neueste Schrei durchgeht: verständliche Angebote, gebührenfreies Girokonto, die flexibelsten Öffnungszeiten, Konzentration auf Privatkunden . . . „Wir haben das Geld unserer Kunden ohne Risiko angelegt, ich kann ganz ruhig schlafen”, sagt Breiter. Und niemals würde er höhere Kredite vergeben, als Spareinlagen auf der Bank sind. Vielleicht sollte er das den Großen mal stecken!

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