Der erste Schlag – nur Fliegen ist schöner

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Dortmund.  Gut, ich fühle mich etwas ausgelaugt. Aber sehe ich wirklich so alt aus? „Keine Sorge, das bekommen wir hin. Meine älteste Anfängerin war 92“, sagt Nic und will mir Mut machen. Nic, das ist Nic Barnes. Trainer der Golf-Range an der Dortmunder Pferderennbahn. Er hat Übung darin, erste Begegnungen zwischen Mensch, Schläger, Ball und Rasen zu vermitteln. Wir gehen zur Driving-Range. Dorthin also, wo selbst Dumbo nichts kaputt machen kann. An einigen dieser Abschlagplätze mit Kunstrasen stehen Spiegel, damit ehrgeizige Menschen während des Trainings ihre Körperhaltung überprüfen können. Ich schaue hinein und erblicke die 92-Jährige. Naja, fast. Aber jetzt Schluss mit den miesen Gedanken. Auf zum ersten Schlag.

Trockenübung mit der Stirn

„Moooment“, sagt Nic, „zuerst kommt das Aufwärmen.“ Wir machen Trockenübungen und ein lustiges Geschicklichkeitsspiel mit einem Golfball zwischen Stirn und Wand. „Meine Geheimübung“, sagt der Trainer, der beim Golfen eigentlich „Pro“ genannt wird – das steht für Teaching Professional und bezeichnet einen ausgebildeten Golflehrer.

Über 6000 Golfspieler, viele davon Anfänger, hat der 54-jährige Brite seit 2002 auf der Anlage an der Rennbahn schon betreut. „Wir sind als Ausbildungsstation bekannt“, sagt Nic Barnes. Mit seiner Neun-Loch-Runde und flexiblen Mitgliedschafts-Angeboten wie einer monatlichen Kündigungsmöglichkeit gibt sich der Klub bewusst unkompliziert. Es kommt vor, dass ambitionierte Golfspieler irgendwann lieber zu einem traditionellen 18-Loch-Platz wechseln, wo die Mitgliedschaft meist teurer ist. Das wird an der Golf-Range einkalkuliert.

Gefühlt einhundert mal trainieren wir den Schwung. Immer und immer wieder zischt der Schläger gegen einen imaginären Ball. Ja, schon jetzt spüre ich, dass in Nics Behauptung: „Nicht vertun, Golf ist Sport“ tatsächlich Wahrheit steckt. Ich spüre eine angenehme Belastung meines Oberkörpers an Stellen, von denen ich nicht wusste, dass dort Muskeln liegen. Nun fischt Nic den ersten Ball aus einem Eimer, der gefüllt ist mit 92 Möglichkeiten, sich zu blamieren. Endlich Action. Ich muss kurz an die Worte eines Kollegen denken, der erfrischend ehrlich bekannt hat, in einer ganzen Golfstunde kein einziges Mal den Ball getroffen zu haben. Kein Wunder. Im Laufe eines Arbeitstags stolpert dieser Mann häufiger über Hindernisse am Boden als Butler James bei „Dinner for One“. Ich halte mich für sportlicher und geschickter – und schwinge mit Schmackes deutlich über den Ball. Nur Fliegen ist schöner.

Pro Nic bleibt ganz cool. Und bringt den wertvollsten Tipp überhaupt über seine Lippen: „Das Wichtigste ist, den Schwung zu Ende zu bringen und dem weit fliegenden Ball hinterherzuschauen – auch wenn du den Ball gar nicht getroffen hast. Kaum einer wird das merken.“

Grundsätzlich lebt das Golfen auch von einem cleveren Taktieren. Barnes erinnert sich an eine Zeit, in der es Massenwanderungen hinaus aus den Tennisvereinen und hinein in die Golfklubs gegeben hat: „Eine Frau wollte jeden Dienstag trainieren. Ich sollte aber keinem davon erzählen, weil sie nicht wollte, dass ihre Tenniskolleginnen den Seitenwechsel mitbekommen. Da musste ich sie warnen, dass Dienstag ein schlechter Tag für sie ist – denn da trainierte schon der Rest ihrer Tennismannschaft bei mir. . .“

Die Schläge zwei, drei, fünf, acht und zehn lassen hoffen. „Du hast Talent“, sagt Nic und ich mache mir keine Illusion, dass er das wirklich ernst meinen könnte. Oder doch? Was ich aber auf jeden Fall habe, ist Spaß. Auch, als wir zum Putten gehen, also zum Einlochen, „der Königsdisziplin auf dem Golfplatz“, wie der Trainer betont.

Auf diesem Teil der Anlage wirkt die Spielwiese gepflegter als der Rasen im britischen Königshausgarten. Er sieht so gesund und satt grün aus, dass man barfuß laufen möchte, es aber natürlich nicht tut. Leicht in die Knie gehen, die Augen fest auf den Ball richten, konzentrieren. Ich mache, was ich tun soll. Der Ball leider nicht. Immer und immer wieder rollt er knapp am Loch vorbei.

Es bleibt auch Zeit für Quatsch

Nic Barnes ist ein geduldiger Mensch. Er lobt den kleinsten Fortschritt. Der Pro spielt seit seinem fünften Lebensjahr Golf. Seit 49 Jahren. Viel Zeit also, um auch etwas Quatsch zu perfektionieren. Er kann zwei Bälle gleichzeitig schlagen und einen dabei im Flug fangen. Er kann Bälle stapeln und einen Ball so weit und hoch über den Platz jagen, dass die kleine weiße Kugel vermutlich immer noch unterwegs ist und in Kürze auf dem Mars landen wird. Ein faszinierender Sport.

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