Erinnerungen

Als 17-Jähriger an der Ostfront

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Duisburg. Heinz Nows war einer der jüngsten Soldaten an der Ostfront. Jahrzehntelang hat er seine Erlebnisse verdrängt, nun kamen die Erinnerungen wieder hoch: an den russischen „Henker” und den Lauf seiner Pistole.

Fast 65 Jahre lang hat Heinz Nows verdrängt, was ihm an jenem Tag im Februar 1945 widerfuhr. Seit er am 20. April in der WAZ über die Arbeit von Archäologen an einem Massengrab aus dem 2. Weltkrieg nahe Marienburg (heute Malbork, südlich von Danzig) las, lassen ihn die erlebten Kriegsgräuel nicht mehr schlafen. „Auch ich sollte in einem solchen Grab liegen”, sagt er Duisburger (81). „Wenn ich es jetzt berichten kann, finde ich vielleicht wieder Ruhe.”

Einer der jüngsten Soldaten an der Ostfront

Der damals gerade 17-Jährige war in der Nähe von Schneidemühl (heute Pila) bei Posen gemeinsam mit elf anderen deutschen Soldaten in russische Gefangenschaft geraten. Der Zugführer der russischen Einheit, der Duisburger nennt ihn „der Henker”, erschoss zunächst einen Polizisten und einen Förster aus dem Ort. Dann befahl er den Gefangenen, sich auf einer Lichtung aufzustellen. Maschinengewehre wurden aufgebaut, ein anderer blutjunger Soldat, noch ein Kind fast wie Nows, begann zu weinen. „Wir sind die Verlierer, die sind die Gewinner”, habe er gesagt, erinnert sich der Duisburger. „Angst hatte ich nicht, wenn man da steht, kann man nicht denken. Nur die 16 Jahre meines Lebens liefen vor mir ab.”

Als der sowjetische Zugführer vortrat und seine Pistole an die Stirn von Heinz Nows hielt, rettete ihm wohl der Mut der Verzweiflung eines Feldwebels neben ihm das Leben. „Wir sind unschuldig”, sagt er, erinnert Nows. „Daraufhin tötete ihn der Russe mit drei Schüssen, danach noch weitere Kameraden.” Warum der „Henker” dann innehielt, drei Gefangene verschonte, weiß Heinz Nows bis heute nicht. „Vielleicht nur, weil sein Magazin leer war”, vermutet er.

"Er hielt inne – vielleicht nur, weil sein Magazin leer war"

Wohl nicht nur aus Rache habe der durch einen deutschen Granatsplitter im Gesicht entstellte Zugführer gehandelt, erfuhr Nows später von einem Bewacher in der Gefangenschaft. „Es gab einen Befehl für die Rote Armee, beim Vorrücken auf deutschen Boden keine Gefangenen mitzuführen oder zurückzulassen.”

Heinz Nows, mit dem Leben davongekommen, wurde zum Abtransport mit vielen anderen in einem Viehwaggon gepfercht. Zweieinhalb Wochen dauerte die Reise ohne Heizung und Decken durch den russischen Winter. Im Donezk–Becken in der Ukraine schuftete der Duisburger als Bergmann. „Aber wir sind dort gut behandelt worden.”

Schon 1947 hätte die Gefangenschaft fast ein Ende gehabt. In letzter Minute widerstand er der Versuchung, sich zwei Kameraden anzuschließen, die ein Flugzeug stahlen und es bis in die Türkei schafften. „Aber die Russen waren ja nicht auf den Kopf gefallen”, sagt Nows.

Bald erfuhren sie, dass er die Flucht mitgeplant hatte. „Wegen Beihilfe zu schwerem Diebstahl standen 15 bis 25 Jahre auf meinem Programm.” Doch lange Haft blieb dem Duisburger erspart. Im Straflager erhielt er bald den Auftrag, am Wiederaufbau einer Kokerei mitzuarbeiten. „Wenn wir das vor Ende 1950 schafften, wurde uns die Entlassung versprochen.”

Mit dem Überleben mehr als genug beschäftigt

Das gelang; am 23. Dezember 1950 war Heinz Nows wieder daheim. Psychologische Behandlung, wie sie heute traumatisierte Bundeswehr-Soldaten nach Auslandseinsätzen erfahren, gab's damals noch nicht. „Wir waren mit Überleben beschäftigt”, sagt er. Als Drahtzieher hat er dann fast 40 Jahre geschuftet, mit seiner Frau Magdalena vier Kinder großgezogen.

Wenig Zeit blieb da zum Nachdenken über die gestohlene Jugend. „Ich war wohl einer der jüngsten Soldaten, die an die Ostfront geschickt wurden.” Verantwortlich war dafür ein Duisburger SA-Mann. Der 16-Jährigen Heinz Nows, damals nicht in der Hitler-Jugend, sondern bei der freiwilligen Feuerwehr aktiv, wurde denunziert. „Weiße Strümpfe, Lederhosen und ein Schottenhemd”, hatte er gesungen. „Dass dieses Lied der KPD und den Edelweißpiraten zugeschrieben wurde, wusste ich nicht.” Mit Vorwürfen wie Raub und Vergewaltigung wurde der Jugendliche daraufhin konfrontriert, wenig später kam der Stellungsbefehl.

Wiedersehen mit dem SA-Mann

Den SA-Mann traf der Duisburger nach dem Krieg wieder. Er hatte als Amtsgerichtsrat Karriere gemacht. Er verzichtete auf Rache. „Das zitternde Männlein tat mir leid. Er kaufte mir einen Anzug, dafür stimmte ich zu, die belastenden Papiere zu verbrennen.”

Alles andere hat Heinz Nows in einem Koffer gesammelt. Die Auszeichnungen seines Bruders Karl, der an der Ostfront fiel, Briefe von entlassenen Kriegsgefangenen an seine Familie, eigene Dokumente. Die Gedanken an jenen Tag im Februar 1945, die kann er nicht auf den Speicher stellen. „Wenn ich daran denke, dann ist es wieder, als sei es es gestern gewesen.”

Mehr zum Thema:

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (1) Kommentar schreiben