Kindernothilfe

Vom Glück, endlich zur Schule zu gehen

| Lesedauer: 3 Minuten
Shireen (14) liebt die Schule.

Shireen (14) liebt die Schule.

Foto: Jakob Studnar

Ain Wou Zain.   Jamil, Shireen, Nemaa, Fadi: Mit den WAZ-Spenden werden ihre Hefte, Stifte und der Schulbus bezahlt. Wir haben sie in der Schule besucht.

Jamil sitzt allein in der Bank und ganz hinten, er trägt als einziger keine Schuluniform, weil er sich keine leisten kann. Die gute Nachricht aber ist: Jamil geht zur Schule!

Mit 14, endlich. Dieser Junge, der vor einem Jahr, als die WAZ ihn schon einmal besuchte, nicht einmal einen Stift halten konnte: Er kann jetzt lesen und schreiben. Dieses Kind, das keines mehr sein durfte, weil es arbeiten musste, schon morgens um vier, um seine Geschwister zu ernähren. Jamil, der nicht mehr reden wollte über Syrien, wo er Tote begrub und leere Patronenhülsen verkaufte. Und jetzt sitzt er da, sie haben ihn gleich in Klasse vier gesteckt – und grinst verlegen.

Aus einer schrecklichen Geschichte ist eine schöne geworden. Mit dem Spendengeld der WAZ-Leser konnte die Kindernothilfe im Libanon Jamil eine Therapie ermöglichen, in ihrem Kinderschutzzentrum hat er wieder Spielen gelernt und Regeln auch. Und jetzt bezahlt sie dem 14-Jährigen den Schulbus, die Hefte und Bücher, bald auch den himmelblauen Kittel, den man hier eben trägt als Schulkind.

14-Jährige lernen mit Freude Lesen und Schreiben

Shireen (14) hat auch einen an, von der vor allem die Tränen in Erinnerung blieben und die nun „so glücklich“ ist in ihrer sechsten Klasse. Und Selma (11), die „endlich lernen“ darf. Oder Nemaa: die schon in Syrien nicht mehr zur Schule gehen durfte, weil fremde Männer das nicht wollten. Sie warfen Bomben auf den Spielplatz und legten einen „Körper ohne Kopf vor die Schule, ich hatte solche Angst“ – so hat sie das damals erzählt. Und jetzt sitzt die 13-Jährige in der dritten Bank, gerade hat sie Englisch. Verstehst du die Sprache schon, Nemaa? „Yes!“

So weit ist Fadi noch nicht, sein Lieblingsfach ist aber auch Arabisch. Er hat das ganze Alphabet zuhause an eine Sperrholztür gemalt. Sie haben den Zwölfjährigen sofort in die Fünfte gesteckt, „ich liebe es“, sagt er. Dabei war er 2014 ein zwar niedlicher, aber oft aggressiver kleiner Junge, der statt Flausen schlimme Kriegsbilder in seinem Kopf hatte – vor allem von seiner kleinen Schwester, die in einem explodierenden Auto starb. So einer brauchte die Zeit im Kinderschutzzentrum, um überhaupt zu werden, was man in Deutschland „schulfähig“ nennt. Mehr noch, könnte man sagen: lebensfähig.

Vor einem Jahr wollte Fadi noch Künstler werden, neuerdings lieber Lehrer: Das sagen wohl alle Kinder, die gern zur Schule gehen. Die syrischen im Libanon zumal: Sie wollen anderen helfen, etwas wiedergutmachen. Und ihre Freude zurückgeben darüber, dass jemand da war, der ihnen den Platz im Unterricht überhaupt erst erkämpfte – und ihn nun mit bezahlt.

Als die Therapeutinnen an diesem Tag in die Klassen gucken, einfach nur so, zu Besuch, da geht bei all’ diesen Kindern die Sonne auf. Wäre es erlaubt, sie würden wohl auf- und ihnen in die Arme springen. So warten sie bescheiden, bis Nadia, Fayrousa, Abir sich durch die engen Pultreihen schieben, um „ihre“ Kinder zu herzen. Mitten im Englischunterricht fließen schon wieder Tränen – der Freude. „Sie wissen“, sagt Nadia Rabah gerührt: „Ohne euch könnten wir unsere Träume nicht erfüllen.“

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