Schule

Aus Kindern ohne Bildung wird – nichts

Libanesisches Kind? Syrisches Kind? Auf dem Schulhof sind sie alle himmelblau – und nicht zu unterscheiden.

Libanesisches Kind? Syrisches Kind? Auf dem Schulhof sind sie alle himmelblau – und nicht zu unterscheiden.

Foto: Jakob Studnar

Boqaata.   Schulen im Libanon unterrichten die vielen Flüchtlinge in zwei Schichten. Spenden der WAZ-Leser finanzieren Bücher, Uniformen – und vor allem den Bus.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Schulkinder im Libanon sind himmelblau. So sehen ihre Uniformen aus, also: alle gleich. Aber das sind sie nicht, man kann sie nur nicht unterscheiden: libanesisches Kind, das selbstverständlich zur Schule geht? Oder syrisches Kind, das mit viel Glück und Unterstützung von einer langen Warteliste in die Klasse gerutscht ist. Und nun die Lücken aufarbeiten muss, die Kriegs- und Fluchtjahre geschlagen haben.

Jihad Alhasanieh hat es versucht: Hat versucht, die Syrer an seiner Ain Wou Zain-Schule in die Klasse zu stecken, in die sie altersmäßig gehören. Er muss das auch, weil das Schulministerium in Beirut das so will. „Aber nun kommen sie nicht mehr mit.“ Französisch haben diese Kinder nie gehabt, Englisch oft auch nicht, und dann haben sie anderes im Kopf als den Lernstoff Klasse 4: Heimweh, Trauer, Wut, manchmal Hunger.

Längst sind die Kinder aus Syrien im Libanon in der Mehrheit, und weil so viele ins Schulsystem einfach nicht mehr passten, hat der Staat den lange versprochenen Zwei-Schicht-Betrieb eingeführt. Morgens lernen etwa an der Grundschule Mazraa-Chouf im Dorf Boqaata 125 libanesische und 69 syrische Schüler zusammen. Nachmittags kommen 229 syrische; viele Lehrer stehen von sieben bis sieben am Pult. „Sie sind alle Kinder“, sagt Direktorin Karma Albeeny, sie mag es nicht, dass Unterschiede gemacht werden.

„Sei stark, sei happy, sei anders!“

Aber sie sind ja da. Die syrischen Kinder, das sagen alle Lehrer, sind schlau, „cleverer sogar als unsere“, behauptet eine Lehrerin in Ain Wou Zain. Sie wollen lernen, aber hinken doch hinterher. Und auf dem Pausenhof probieren sie zu sein wie die Libanesen. „Sie schauen zu ihnen auf“, sagt Jihad Alhasanieh, versuchen, sich ihren Akzent abzutrainieren – er kann es kaum mitansehen. Dabei hängt an der Wand der 3. Klasse dieses Plakat: „Sei stark, sei happy, sei anders!“

Noch schlechter dran aber sind die, die gar nicht erst kommen können. „Mehr als 80“ hat Karma Albaeeny gezählt, deren Eltern das Geld für den Schulbus nicht aufbringen können. 20 bis 50 US-Dollar im Monat kann der kosten, je nach Entfernung. Es gibt nur vier Schulen in der Bergregion Chouf, die den Schichtbetrieb fahren, viele Kinder wohnen so weit entfernt, dass sie Stunden brauchen würden, über schlechte Straßen, allein und im Dunkeln.

Dabei ist „Schule das Wichtigste“, findet Direktorin Albaeeny, und Kollege Alhasanieh sagt: „Wir müssen den Kindern helfen. Was wird aus ihnen, wenn sie nichts gelernt haben? Nichts!“ Im vergangenen Jahr hat die Kindernothilfe 350 der himmelblauen Schuluniformen finanziert, die eigentlich nicht mehr als Kittel sind. Und Bücher kosten extra.

Wie dieses aus Klasse 2, das „Let’s learn together“ heißt, Lasst uns gemeinsam lernen. Es sind Häuser darin mit rosa Dächern, Küche, Bad und drei Zimmern. Keines der Kinder kennt so etwas. Jamila aber findet es „beautiful“. Das syrische Flüchtlingskind aus der ersten Reihe hat für seine Leistungen ein lachendes Mondgesicht bekommen. Es klebt auf der Stirn des stolzen kleinen Mädchens: Die Achtjährige ist Klassenbeste.

220.535 Euro Spenden - danke!

Zum zweiten Mal hat die WAZ gemeinsam mit der Kindernothilfe aus Duisburg syrische Flüchtlingskinder im Libanon besucht, die dort unter ärmlichen Verhältnissen leben und oft nicht einmal die Schule besuchen können. So viele Syrer haben sich aus dem Bürgerkrieg über die Berge ins Nachbarland gerettet, dass die syrischen Kinder dort in der Mehrheit sind.


In Geschichten und Reportagen haben wir Ihnen, liebe Leser, von der Not vor Ort erzählt – und Sie haben gespendet. 220 535 Euro sind bis Dienstag zusammengekommen, herzlichen Dank dafür! Natürlich können Sie auch weiterhin helfen, den Kindern Therapien, den Besuch im Kinderschutzzentrum und der Schule ermöglichen.

Über diesen Link können Sie direkt spenden:

Zur Kindernothilfe
Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (1) Kommentar schreiben