Genuss

Zeitreise flüssig: Wie sich Trinkkultur im Ruhrgebiet ändert

Zum Ende des Bergbaus brachten Werbeagentur-Chef Thomas Siepmann und Fabian Faber vom alteingesessenen Essener Spirituosenhandel Banneke den Korn „Die letzte Schicht“ heraus. Mittlerweile wurden fast 30.000 Flaschen davon verkauft.

Zum Ende des Bergbaus brachten Werbeagentur-Chef Thomas Siepmann und Fabian Faber vom alteingesessenen Essener Spirituosenhandel Banneke den Korn „Die letzte Schicht“ heraus. Mittlerweile wurden fast 30.000 Flaschen davon verkauft.

Foto: Bernd Thissen / FUNKE Foto Services

Essen.  Pils und Korn: dieser flüssige Zweiklang gehörte lange zur Trinkkultur des Ruhrgebiets. Heute ist Gin eine Hoffnung der verbliebenen Brennereien.

Der erdige Geruch getrockneter Steinpilze steigt in die Nase, als Michael Habbel ein großes Glas Destillat aufschraubt. „Einer unserer Kunden hat sich einen Gin gewünscht, der nach Pferden und Leder riecht“, erklärt der 71-Jährige. Wer den Wandel der Trinkkultur im Ruhrgebiet verstehen will, der kann in der Traditionsbrennerei in Sprockhövel eine Art flüssige Zeitreise unternehmen.

Während mittlerweile Gin der Verkaufsschlager des 1878 gegründeten Familienbetriebs ist, so fußt der ursprüngliche Erfolg auf Korn: Teilweise machte der Klare 90 Prozent des Gesamtumsatzes aus: Einige Zechen kauften ihr Deputat für die Bergleute bei Habbel in Sprockhövel ein: „Das war ein irre harter Wettbewerb, damals gab es ja an jeder Ecke eine Brennerei“, erinnert sich Michal Habbel. Das hat sich drastisch geändert: Zwischen Hagen und dem Niederrhein lassen sich die verbliebenen Brennereien mittlerweile an zwei Händen abzählen. Dabei beschert ihnen die Besinnung auf regionale und hochwertige Produkte einen guten Zulauf. Mit Korn allein überleben heute die wenigsten.

Einmal lang, einmal kurz: Wie der Bergbau die Kneipen im Ruhrgebiet prägte

Wie eng der klare Schnaps mit dem Bergbau und der Trinkkultur im Ruhrgebiet verknüpft ist, weiß auch Hobby-Historiker Johann Rainer Busch aus Essen-Kupferdreh. „Der Malocher an der Ruhr hat schon um immer seinen Schnaps und sein Bier getrunken“, heißt es in einer Abhandlung Buschs. Um 1800 herum gründeten sich demnach die ersten Brauereien und Brennereien im Ruhrgebiet, die zum Großteil an die alten Bauernhöfe gekoppelt waren – weil die Landwirte Braurechte hatten. „Sie waren es dann auch, die die ersten öffentlichen Trinkstuben betrieben“, weiß Busch.

Vor allem entlang der sogenannten „Kohlenstraße“ zwischen den Revieren in Essen-Werden und dem Bergischen Land gab es eine Vielzahl dieser Kneipen-Vorgänger. Neben dem klassischen Korn war damals der sogenannte „Quellpütter“ beliebt: ein aufgesetzter Wermutschnaps auf Kornbasis, der einer der ältesten Ruhrgebietsklassiker ist.

War der bittere Klare über lange Zeit ausgestorben, erweckte der Essener Bäckermeister Hermann Welp ihn im vergangenen Jahr wieder zum Leben. „Meine Oma Emmi hat den in ihrer Kneipe in Kupferdreh immer ausgeschenkt. Daran habe ich mich mit meiner Schwester erinnert und so beschlossen wir, den Quellpütter neu aufzulegen“, erklärt Welp, der den Aufgesetzten an seinem Stand auf dem Rüttenscheider Markt sowie in der Ampütte verkauft – einer der ältesten familiengeführten Kneipen im Ruhrgebiet.

Im Frühjahr kommt ein Ruhrgebiets-Gin auf den Markt: die „Heimaterde“

Welp ist nicht der Einzige, der an die Trinkkultur des Ruhrgebiets erinnern möchte: So brachten Thomas Siepmann, Chef der Essener Werbeagentur tas, und der alteingesessene Essener Spirituosenhandel Banneke zum Ende des Bergbaus 2018 den Korn „Die letzte Schicht“ in den Handel: Ein hochwertiger Korn, der bei Michael Habbel in Sprockhövel gebrannt wird. „Das ist alles andere als ein Gabiko, ganz billiger Korn“, sagt Habbel und lacht. Knapp 25 Euro kostete die Flasche Korn – ein Preis, den offenbar viele Menschen zu zahlen bereit sind.

Rund 30.000 Flaschen seien mittlerweile verkauft, berichtet Siepmann. Die letzte Schicht sei ein klassisches Geschenk – für neue Rentner, Vorstandsvorsitzende und Menschen, die ein Stück ihrer Heimat mitbringen möchten. Ehe auf Prosper Haniel in Bottrop 2018 endgültig Schicht im Schacht war, hatte sich Siepmann drei Tonnen Stückchenkohle gesichert – die als Bergbau-Erinnerung nun an jeder Flasche baumelt.

Und weil er mit seinem Heimatkult in der Flasche offenbar ein Stück Zeitgeist getroffen hat, plant der Werbeagentur-Chef schon seinen nächsten flüssigen Coup. Im Frühjahr will er mit „Heimaterde“ einen Ruhrgebiets-Gin samt Konterfei seiner Oma Grete herausbringen. Veredelt wird der Gin mit jenen „Botanicals“, die seine Großmutter in ihrem Garten in Heimaterde anbaute, darunter etwa Rhabarber, schwarze Johannisbeere und Holunder.

Der nächste Trend im Glas hat eine Kümmelnote

Ohne Kräuter und Zusätze ist Gin übrigens nichts anderes als ein klassischer Wacholder. Ein Umstand, den sich die Kultbrennerei Eversbusch in Hagen-Haspe zunutze macht. Schon seit 1780 brennt der Traditionsbetrieb Wacholder und benutzt dabei nur regionale Rohstoffe, „die schon vor 200 Jahren verwendet wurden“. Das passe „ebensogut wenn nicht besser zum Tonic als der klassische Mode-Gin“, wirbt das Familienunternehmen, das vom Gin-Boom profitiert.

Dabei, weiß Kenner Michael Habbel, wird auch dieser Trend im Glas irgendwann vorüber sein. Was als nächstes komme? „Kümmel und Aquavit werden das nächste große Ding“, glaubt Habbel, der schon jetzt mit dem aromatisierten Branntwein experimentiert, den es seit dem Mittelalter gibt. Ähnlich wie beim Whisky, den Habbel als einer der ersten in Deutschland brannte, kommt es auch beim Branntwein auf die Art und Dauer der Lagerung an.

Egal, was nun am Ende im „Pinneken“ lande: „Die Menschen trinken zwar weniger als früher, geben aber mehr Geld dafür aus, weil ihnen Qualität und regionale Produkte wichtiger werden“, hat Habbel beobachtet. Ein Umstand, der die Zukunft der verbliebenen Brennereien sichern könnte.

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